"Katastrophe"
- KSV-Vorstand Schönewolf zum Umgang
mit Bauer
Kassel.
Auch Dienstagmorgen war für Thorsten
Bauer und seine Trainingsgruppe wieder
Laufen angesagt. Als die Regionalliga-Fußballer
des KSV Hessen Kassel längst ihre
Mountainbike-Tour angetreten hatten, drehte
der aussortierte Stürmer in der Kasseler
Aue seine Runden.
Gemeinsam
mit Michael Zepek und Kai Koitka unter
der Anleitung von Nico Steffen aus dem
KSV-Trainerstab. Beruhigt hat sich die
Lage deswegen aber nicht – im Gegenteil.
In den
Internet-Foren und in vielen Gesprächen
auf der Straße wird der Umgang mit
Bauer heftig kritisiert. Die Adressaten:
KSV-Trainer Christian Hock und die Verantwortlichen
des Vereins. Von denen sprach gestern
Vorstandsmitglied Thorsten Schönewolf
mit Bezug auf die Entwicklung der Personalie
Bauer von einem großen Schaden für
den Verein. Es sei eine Katastrophe, wie
letztlich alles gelaufen sei. Dabei sei
die Eskalation absehbar gewesen.
Nur:
Warum hat sie dann keiner verhindert?
Schönewolf selbst hat Hock angeblich
auf die Folgen seines Handelns hingewiesen.
Das Vorstandsmitglied hätte es lieber
gesehen, wenn Bauer so lange mit der Mannschaft
hätte trainieren dürfen, bis
eine für alle tragbare Lösung
gefunden ist.
Doch
das sahen wohl nicht alle so. Schönewolfs
Vorstandskollege Albrecht Striegel bezeichnet
die Situation zwar ebenfalls als unbefriedigend,
spricht aber auch von einer normalen und
professionellen Vorgehensweise. Er verweist
darauf, dass auch andere Vereine ausgemusterte
Spieler gesondert trainieren lassen und
fragt: „Sollen wir jetzt auch noch
ein Sondertraining für Fußballgötter
anbieten?“
Dass
Bauer sich besondere Verdienste um den
Verein erworben hat, betont auch Striegel.
Deshalb habe der Verein dem Stürmer
auch angeboten, in der Marketingabteilung
zu arbeiten, für die Joe Gibbs als
Externer zuständig ist. Das Angebot
habe Bauer abgelehnt. Daher sei es nun
zu der misslichen Situation gekommen,
und Bauer muss fernab des Teams seine
Runden drehen. Vorstandsmitglied Striegel
dazu: „Ich glaube nicht, dass er
das als Demütigung empfindet.“
Vorstandsmitglied
Klaus Schüttler wollte keine Stellungnahme
abgeben mit Verweis darauf, dass er für
die Finanzen zuständig ist. Geschäftsführer
Giuseppe Lepore weilt im Italien-Urlaub
und war nicht zu erreichen.
Für
den sechsköpfigen KSV-Aufsichtsrat
erklärte der 2. Vorsitzende Jochen
Gabriel: „Wir sammeln jetzt Stellungnahmen
aller Betroffenen, werden dann kurzfristig
eine Sitzung einberufen und dann eine
Stellungnahme abgeben.“ Vorsitzender
Dirk Lassen bestätigte das.
Und
Trainer Christian Hock? Er soll angeblich
gegenüber Fans gesagt haben, dass
es vier Stürmer beim KSV gebe, die
besser seien als Bauer – darunter
Jugendspieler Patrick Herpe.
Von
Florian Hagemann und Frank Ziemke (HNA-Sportredaktion,
22.06.2011)
Kommentar
zum Image-Schaden des KSV - Unter Zugzwang
Kassel.
Thorsten Bauer hat für den KSV ausgedient.
Die Konsequenzen, die diese Entscheidung
nach sich zieht, sind besonders bei den
Fans zu spüren. Ein Kommentar von
Frank Ziemke, Sport-Ressort-Leiter der
HNA.
Am Tag
nach der Ausbootung von Thorsten Bauer
beim KSV Hessen werden die Schäden
für den Verein immer deutlicher.
Die Fans prangern die Art des Umgangs
mit ihrem langjährigen Idol massiv
an, wenden sich ab von einem KSV, der
sich derart kalt präsentiert. Einer
der Sätze, die immer wieder fallen:
„Das ist nicht mehr mein Verein.“
Vielleicht dämmert Christian Hock
und Giuseppe Lepore langsam, welch eklatante
Fehleinschätzung sie da getroffen
haben.
Die
Reaktionen des Vorstandes zeigen allerdings,
dass nicht jeder erkannt hat, wie schief
diese Sache gelaufen ist. Wenn Albrecht
Striegel glaubt, im Zusammenhang mit Bauers
Kaltstellung von „professionellem
Handeln“ sprechen zu müssen,
dann bleibt nur Kopfschütteln. Herrn
Striegel sei da der Blick zu Borussia
Dortmund und dessen Umgang mit Dede empfohlen.
Das, Herr Striegel, war der professionelle
Abschied von einem Spieler, mit dem die
Anhänger sich identifizieren.
Was in
Kassel derzeit passiert, ist dagegen einfach
niveaulos. Und stolz kann der KSV nur
noch darauf sein, dass seine Fans das
erkennen.
Fernab
von allen Emotionen bleibt aber auch festzustellen:
Hock und Lepore haben sich mit ihrer Entscheidung
massiv unter Zugzwang gesetzt - und das
ausgerechnet in einer Phase, in der die
Stimmung nach dem verpatzten Aufstieg
eh mehr als schlecht war. Nun ist sie
ohne jede Not explosiv geworden, weil
sie beim KSV nicht in der Lage waren,
einzuschätzen, wie wichtig die Rolle
eines Idols ist, das über 20 Jahre
die Knochen für seinen Verein hingehalten
hat. Die Fans werden das so schnell nicht
vergessen. Hock hat sich mit Bauers Ausbootung
in dieser Art selbst zum Siegen verdammt.
Das
ist genauso sicher wie der immense Imageschaden,
den der KSV in diesen Tagen erlitten hat.
Denn noch immer laufen drei Spieler mit
bestehendem Vertrag, die sich nichts haben
zu Schulden kommen lassen, ihre Extrarunden.
Es bleibt der Eindruck eines Arbeitgebers,
der seine Arbeitnehmer durch Strafe zur
Aufgabe mobben will.
Frank
Ziemke (HNA-Sportredaktion, 22.06.2011)