KSV im Trainingslager:
Kleine Könige in Tadschikistan
Kassel. Für Enrico
Gaede ist das alles eine große Wundertüte,
was da auf ihn und seine Kollegen vom
KSV Hessen Kassel zukommt. Und Trainer
Mirko Dickhaut verspürt eine gewisse
Vorfreude, weil der Fußball ihn
einmal mehr in ein Land bringt, in dem
der Ottonormaltourist nicht urlaubt. Am
Dienstag geht es für den Regionalligisten
ins Trainingslager nach Tadschikistan.
Abflug: 15.20 Uhr in
Frankfurt. Zwischenstopp in Riga, Lettland.
Ankunft in Duschanbe, der Hauptstadt Tadschikistans,
um 3.50 Uhr Ortszeit. Nach neun Stunden
Reisezeit.
Kommt alles so, wie
es bis nach Kassel gedrungen ist, dann
erwartet die 21 Löwen-Spieler sowie
die neun Trainer und Betreuer auf dem
Flughafen ein Empfangskommando. Denn für
die Einheimischen ist der KSV nicht irgendeine
Mannschaft, sondern es ist das erste westeuropäische
Team, das dort für längere Zeit
gastiert. Dementsprechend groß soll
das Interesse der Menschen in Duschanbe
an Hessen Kassel sein.
Fünf-Sterne-Hotel
KSV-Vorstandsmitglied
Albrecht Striegel berichtet als Delegationsleiter
von einer großen Euphorie in Tadschikistan.
Seinen Erzählungen zufolge dürfen
sich die Löwen fühlen wie kleine
Könige: Sie nächtigen im besten
Hotel des Landes, beste Lage, fünf
Sterne. Ihnen steht ein eigener Bus zur
Verfügung für die kurze Fahrt
zum Stadion, das in unmittelbarer Nähe
des Hotels liegen soll. Striegel, so ist
ihm mitgeteilt worden, muss aber nicht
unbedingt den Bus benutzen, er kann auf
eine Limousine mit Chauffeur zurückgreifen,
wenn er möchte.
Höhepunkt der Reise
wird ein Freundschaftsspiel am kommenden
Samstag gegen Istiqlol Duschanbe sein,
den Meister Tadschikistans, dessen Vorsitzender
der Sohn des Staatspräsidenten sein
soll. Für das Spiel sind angeblich
schon 13 000 Karten verkauft worden. Drei
örtliche Fernsehsender wollen die
Partie live übertragen. Der KSV kommt
groß raus in Tadschikistan. Die
Organisatoren vor Ort haben Striegel schon
einmal gesagt, dass er trotz hochsommerlicher
Temperaturen auf alle Fälle einen
Anzug mitnehmen soll – für
die Pressekonferenzen.
Ein Abenteuer für
nichts
Enrico Gaede kann sich
das alles noch nicht vorstellen, doch
auch der KSV-Kapitän freut sich,
ein neues Land kennenzulernen. Möglich
macht das ein Unternehmen, das mit dem
KSV-Sponsor VW zusammenarbeitet. Das hatte
beim VfL Wolfsburg, Borussia Dortmund
und in Kassel angefragt – Wolfsburg
und Dortmund sagten dem Vernehmen nach
ab. Der KSV griff zu. Von den Kosten in
Höhe von mehr als 70 000 Euro muss
er nichts zahlen. Das Abenteuer gibt es
umsonst.
Dass es ganz nebenbei
auch harte Trainingsarbeit zu bewältigen
gilt, dessen ist sich Enrico Gaede bewusst:
„Laufen und Fußball spielen
kannst du überall.“ Auch in
Duschanbe. 7500 Kilometer entfernt von
Kassel.
Von Florian Hagemann
(HNA-Sportredaktion, 29.06.2010)
Dickhaut besucht
Sohn des Staatspräsidenten
Dushanbe. Während
die deutsche National-Elf in Südafrika
um den Einzug ins Viertelfinale kämpft,
absolviert der KSV Hessen Kassel ein Testspiel
in Tadschikistan (Samstag, 17 Uhr). Doch
nicht nur Fußball steht auf dem
Plan.
Auch der dritte Tag in
Tadschikistan hält für den KSV-Tross
wieder einige Überraschungen bereit.
Während die Mannschaft um 8.30 Uhr
die erste Trainingseinheit im Nationalstadion
absolvierte, warten Mirko Dickhaut, Reiner
Homburg und ich im Hotelfoyer auf unseren
Gastgeber Rustam Avganov.
Wir sind zu einem Besuch
in der Datscha von Rustami Emomali, dem
Sohn des Staatspräsidenten, eingeladen.
Mit einem Konvoi aus drei schwarzen Porsche
Cayenne mit abgedunkelten Scheiben sowie
dem Mercedes G 500 der Security befinden
wir uns dort nach einer halben Stunde
auf geschotterten Gebirgspisten.
Alik, ein Freund unserer
Gastgeber, bittet uns darum, kurz anzuhalten
und seinem Großvater die Aufwartung
zu machen. An einer palastgleichen Datscha
hält der Konvoi, und wir werden einem
91-Jährigen vorgestellt, der uns
herzlich die Hände schüttelt
und sich auf Deutsch erkundigt, wie viele
Frauen und Kinder jeder von uns hat. Dann
plausert er mit uns über den 2. Weltkrieg
als seien auch wir dabei gewesen. Schnell
ein Foto geknipst, und weiter geht es
bis auf 2500 m Höhe.
Dort liegt unser Ziel,
die Datscha, die aussieht wie ein Chalet
in den Schweizer Alpen. Wir werden auf
eine Terrasse mit traumhaftem Blick über
die Gebirgslandschaft geführt, wo
zwei Tische gedeckt sind: einer davon
ist niedrig, sodass man sich nach tadschikischer
Sitte im Schneidersitz davor hocken oder
auf Kissen lagern kann. Am anderen stehen
Stühle, wir wir es gewohnt sind.
Gedeckt sind beide Tische.
Erst nachdem wir entschieden haben, das
Essen „auf traditionelle Art“
einzunehmen, wird der andere Tisch wieder
abgedeckt. Dann muss Mirko Dickhaut entscheiden,
ob zum Essen französischer Cognac
oder russischer Wodka getrunken werden
soll.
Auch hier fällt
die Entscheidung zugunsten der Tradition.
Dann wird aufgefahren: frisches Fladenbrot,
Kräuter und Buttermilch, dann gekochtes
Rindfleisch mit Kartoffeln und Gemüse,
danach frischer, in den Gebirgsbächen
geangelter Fisch, der knusprig gebraten
ist und ohne weitere Beilage auf den Tisch
kommt. Der Plov, das traditionelle tadschikische
Reisgericht, muss mindestens drei Stunden
in den Ofen. Deswegen gibt es erst einmal
eine Verdauungspause.
Dass wir zu diesem Zeitpunkt
schon sechs Mal mit Wodka anstoßen
mussten, merken wir bei angenehmen 22
Grad gar nicht. Wir überreichen Rustami
Emomali ein KSV-Trikot mit seinem Namen,
eine KSV-Fahne und einen Vereinswimpel,
worüber er sich sehr freut; das Trikot
zieht er gleich über.
Jetzt zerstreut sich die Gruppe etwas:
im Nachbarraum vergnügen sich einige
beim Billard, andere spielen ein Kartenspiel.
Dessen Regeln kann ich mir trotz aufmerksamen
Zusehens nicht erschließen. Es gipfelt
aber immer darin, dass der Verlierer ein
Tier imitieren muss.
Mirko Dickhaut und ich
müssen zahllose Fragen zum deutschen
und europäischen Fußball beantworten
– auf Englisch, mit Händen
und mit Füßen. Nachdem Plov
und Schaschlik verspeist sind, geht es
durch die beeindruckende Landschaft erst
am Nachmittag zurück nach Dushanbe.
Die Mannschaft hat derweil
unter Anleitung von Christoph Keim und
Dominik Suslik eine leichtere Einheit
in Fitnessraum und Hotel-Pool überstanden.
Auch die Spieler sind froh, dass es heute
etwas früher zum Abendessen geht,
und danach auf der Hotelterrasse alle
gemeinsam das erste WM-Viertelfinale sehen
können. Ein ereignisreicher Tag geht
zu Ende, die letzte Nacht vor unserem
großen Spiel bricht an...
Von Albrecht Striegel
(HNA-Sportredaktion, 03.07.2010)