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Regionalliga Süd, Saison 2010/11
Presse

KSV im Trainingslager: Kleine Könige in Tadschikistan

Kassel. Für Enrico Gaede ist das alles eine große Wundertüte, was da auf ihn und seine Kollegen vom KSV Hessen Kassel zukommt. Und Trainer Mirko Dickhaut verspürt eine gewisse Vorfreude, weil der Fußball ihn einmal mehr in ein Land bringt, in dem der Ottonormaltourist nicht urlaubt. Am Dienstag geht es für den Regionalligisten ins Trainingslager nach Tadschikistan.

Abflug: 15.20 Uhr in Frankfurt. Zwischenstopp in Riga, Lettland. Ankunft in Duschanbe, der Hauptstadt Tadschikistans, um 3.50 Uhr Ortszeit. Nach neun Stunden Reisezeit.

Kommt alles so, wie es bis nach Kassel gedrungen ist, dann erwartet die 21 Löwen-Spieler sowie die neun Trainer und Betreuer auf dem Flughafen ein Empfangskommando. Denn für die Einheimischen ist der KSV nicht irgendeine Mannschaft, sondern es ist das erste westeuropäische Team, das dort für längere Zeit gastiert. Dementsprechend groß soll das Interesse der Menschen in Duschanbe an Hessen Kassel sein.

Fünf-Sterne-Hotel

KSV-Vorstandsmitglied Albrecht Striegel berichtet als Delegationsleiter von einer großen Euphorie in Tadschikistan. Seinen Erzählungen zufolge dürfen sich die Löwen fühlen wie kleine Könige: Sie nächtigen im besten Hotel des Landes, beste Lage, fünf Sterne. Ihnen steht ein eigener Bus zur Verfügung für die kurze Fahrt zum Stadion, das in unmittelbarer Nähe des Hotels liegen soll. Striegel, so ist ihm mitgeteilt worden, muss aber nicht unbedingt den Bus benutzen, er kann auf eine Limousine mit Chauffeur zurückgreifen, wenn er möchte.

Höhepunkt der Reise wird ein Freundschaftsspiel am kommenden Samstag gegen Istiqlol Duschanbe sein, den Meister Tadschikistans, dessen Vorsitzender der Sohn des Staatspräsidenten sein soll. Für das Spiel sind angeblich schon 13 000 Karten verkauft worden. Drei örtliche Fernsehsender wollen die Partie live übertragen. Der KSV kommt groß raus in Tadschikistan. Die Organisatoren vor Ort haben Striegel schon einmal gesagt, dass er trotz hochsommerlicher Temperaturen auf alle Fälle einen Anzug mitnehmen soll – für die Pressekonferenzen.

Ein Abenteuer für nichts

Enrico Gaede kann sich das alles noch nicht vorstellen, doch auch der KSV-Kapitän freut sich, ein neues Land kennenzulernen. Möglich macht das ein Unternehmen, das mit dem KSV-Sponsor VW zusammenarbeitet. Das hatte beim VfL Wolfsburg, Borussia Dortmund und in Kassel angefragt – Wolfsburg und Dortmund sagten dem Vernehmen nach ab. Der KSV griff zu. Von den Kosten in Höhe von mehr als 70 000 Euro muss er nichts zahlen. Das Abenteuer gibt es umsonst.

Dass es ganz nebenbei auch harte Trainingsarbeit zu bewältigen gilt, dessen ist sich Enrico Gaede bewusst: „Laufen und Fußball spielen kannst du überall.“ Auch in Duschanbe. 7500 Kilometer entfernt von Kassel.

Von Florian Hagemann (HNA-Sportredaktion, 29.06.2010)

Dickhaut besucht Sohn des Staatspräsidenten

Dushanbe. Während die deutsche National-Elf in Südafrika um den Einzug ins Viertelfinale kämpft, absolviert der KSV Hessen Kassel ein Testspiel in Tadschikistan (Samstag, 17 Uhr). Doch nicht nur Fußball steht auf dem Plan.

Auch der dritte Tag in Tadschikistan hält für den KSV-Tross wieder einige Überraschungen bereit. Während die Mannschaft um 8.30 Uhr die erste Trainingseinheit im Nationalstadion absolvierte, warten Mirko Dickhaut, Reiner Homburg und ich im Hotelfoyer auf unseren Gastgeber Rustam Avganov.

Wir sind zu einem Besuch in der Datscha von Rustami Emomali, dem Sohn des Staatspräsidenten, eingeladen. Mit einem Konvoi aus drei schwarzen Porsche Cayenne mit abgedunkelten Scheiben sowie dem Mercedes G 500 der Security befinden wir uns dort nach einer halben Stunde auf geschotterten Gebirgspisten.

Alik, ein Freund unserer Gastgeber, bittet uns darum, kurz anzuhalten und seinem Großvater die Aufwartung zu machen. An einer palastgleichen Datscha hält der Konvoi, und wir werden einem 91-Jährigen vorgestellt, der uns herzlich die Hände schüttelt und sich auf Deutsch erkundigt, wie viele Frauen und Kinder jeder von uns hat. Dann plausert er mit uns über den 2. Weltkrieg als seien auch wir dabei gewesen. Schnell ein Foto geknipst, und weiter geht es bis auf 2500 m Höhe.

Dort liegt unser Ziel, die Datscha, die aussieht wie ein Chalet in den Schweizer Alpen. Wir werden auf eine Terrasse mit traumhaftem Blick über die Gebirgslandschaft geführt, wo zwei Tische gedeckt sind: einer davon ist niedrig, sodass man sich nach tadschikischer Sitte im Schneidersitz davor hocken oder auf Kissen lagern kann. Am anderen stehen Stühle, wir wir es gewohnt sind.

Gedeckt sind beide Tische. Erst nachdem wir entschieden haben, das Essen „auf traditionelle Art“ einzunehmen, wird der andere Tisch wieder abgedeckt. Dann muss Mirko Dickhaut entscheiden, ob zum Essen französischer Cognac oder russischer Wodka getrunken werden soll.

Auch hier fällt die Entscheidung zugunsten der Tradition. Dann wird aufgefahren: frisches Fladenbrot, Kräuter und Buttermilch, dann gekochtes Rindfleisch mit Kartoffeln und Gemüse, danach frischer, in den Gebirgsbächen geangelter Fisch, der knusprig gebraten ist und ohne weitere Beilage auf den Tisch kommt. Der Plov, das traditionelle tadschikische Reisgericht, muss mindestens drei Stunden in den Ofen. Deswegen gibt es erst einmal eine Verdauungspause.

Dass wir zu diesem Zeitpunkt schon sechs Mal mit Wodka anstoßen mussten, merken wir bei angenehmen 22 Grad gar nicht. Wir überreichen Rustami Emomali ein KSV-Trikot mit seinem Namen, eine KSV-Fahne und einen Vereinswimpel, worüber er sich sehr freut; das Trikot zieht er gleich über.
Jetzt zerstreut sich die Gruppe etwas: im Nachbarraum vergnügen sich einige beim Billard, andere spielen ein Kartenspiel. Dessen Regeln kann ich mir trotz aufmerksamen Zusehens nicht erschließen. Es gipfelt aber immer darin, dass der Verlierer ein Tier imitieren muss.

Mirko Dickhaut und ich müssen zahllose Fragen zum deutschen und europäischen Fußball beantworten – auf Englisch, mit Händen und mit Füßen. Nachdem Plov und Schaschlik verspeist sind, geht es durch die beeindruckende Landschaft erst am Nachmittag zurück nach Dushanbe.

Die Mannschaft hat derweil unter Anleitung von Christoph Keim und Dominik Suslik eine leichtere Einheit in Fitnessraum und Hotel-Pool überstanden. Auch die Spieler sind froh, dass es heute etwas früher zum Abendessen geht, und danach auf der Hotelterrasse alle gemeinsam das erste WM-Viertelfinale sehen können. Ein ereignisreicher Tag geht zu Ende, die letzte Nacht vor unserem großen Spiel bricht an...

Von Albrecht Striegel (HNA-Sportredaktion, 03.07.2010)