Brechler
rettet einen Punkt
Am Ende dieses
nervenaufreibenden Spiels blieb noch eine
Frage an Spieler und Trainer des Fußball-Regionalligisten
KSV Hessen Kassel: Was überwiegt jetzt
eigentlich - die Freude über den Ausgleich
in letzter Sekunde oder die Enttäuschung
darüber, dass es trotz der deutlichen
Überzahl an Chancen doch nur zu einem
1:1 gegen Freiburg II gereicht hatte?
Kapitän Enrico Gaede
erbat sich bei der Suche nach einer Antwort
Bedenkzeit, Torschütze Thomas Brechler
war glücklich, Mittelfeldspieler René
Ochs zwiegespalten. Und für Coach Mirko
Dickhaut ließ sich das Ganze nicht in
einem Satz beantworten.
Schließlich gab es
zu jedem Einerseits an diesem Tage auch ein
Andererseits, wobei nach der Partie vor 5000
Zuschauern im Kasseler Auestadion eines im
Vordergrund stand: Einerseits hat der KSV
keinen Boden gutgemacht gegen die zweite Mannschaft
des SC Freiburg, den bisherigen Spitzenreiter.
Andererseits hat er gerade noch so den größten
Schaden abgewendet und den Abstand nicht von
fünf auf acht Punkte anwachsen lassen.
Die Löwen dürfen weiterhin ein Wörtchen
mitreden in der Liga. Aber sie haben eben
immer noch drei Vorgesetzte.
Selbst bei der Beurteilung
des reinen Spiels dominiert der Zwiespalt,
das Einerseits-Andererseits: Einerseits hat
der KSV wieder über weite Strecken gut
gespielt. Nur am Ende der ersten Halbzeit
erinnerte das Gezeigte an den Fußball,
den Ex-Trainer Matthias Hamann mit Vorliebe
und dem Verweis auf die unmöglichen Platzverhältnisse
zwischen Oktober und April hat präsentieren
lassen: hoch und weit nach vorne. Am Anfang
und fast die komplette zweite Halbzeit aber
boten die Löwen den Hurra-Fußball
mit gepflegtem Kurzpassspiel aus der aktuellen
Ära Dickhaut.
Andererseits ist gerade dieser
Fußball derzeit nicht sonderlich von
Erfolg gekrönt: Die Großchancen
(Artikel unten) in der ersten Halbzeit blieben
alle ungenutzt - und nach der Pause kam es
bis zur letzten Sekunde noch nicht einmal
zu solchen Großchancen trotz kämpferisch
einwandfreier Leistung und optischer Dauer-Überlegenheit.
Immerhin fiel eben noch dieses eine Tor -
wenn auch diesmal nicht das 1:0 wie in den
beiden vergangenen Heimspielen, sondern das
1:1. Der Torschütze war aber derselbe
wie schon bei den Siegen gegen Frankfurt II
und Alzenau. Nach einem Freistoß von
Kevin Wölk köpfte Brechler ein und
belohnte so die Moral der Mannschaft.
Schock kurz vor Schluss
Die hätte allen Grund
dazu gehabt, die Ungerechtigkeit des Fußballs
zu geißeln. Schließlich hatten
die sehr kompakten, aber alles andere als
stürmenden Gäste kurz zuvor aus
Gelegenheit zwei Tor eins gemacht. Daniel
Caligiuri stand plötzlich frei vor Dennis
Lamczyk. Er lupfte den Ball über den
KSV-Keeper und brachte das Stadion zum Schweigen.
Bis kurz vor Schluss. Bis Jubel aufkam.
Also noch einmal: Was überwiegt
- Freude oder Enttäuschung? Vielleicht
hätten sie sich beim KSV Rat holen sollen
bei Lukas Podolski. Der allseits geschätzte
Nationalspieler beantwortete diese Frage kürzlich
so: "Beides."
Von Florian Hagemann (HNA-Sportredaktion,
25.10.2009)
Zu viel Aufwand für
ein Tor
Wer wissen will, woran es
beim Fußball-Regionalligisten KSV Hessen
Kassel derzeit krankt, der muss sich eigentlich
nur noch einmal die ersten 20 Minuten der
Partie am Samstag gegen Freiburg II vor Augen
führen.
Da vergaben die Löwen
Großchancen fast im Minutentakt: Enrico
Gaede fing in der zweiten Minute damit an,
als er frei stehend an Freiburgs Torwart Oliver
Baumann scheiterte. Nach der anschließenden
Ecke bot sich Michael Zepek die große
Kopfball-Gelegenheit zum 1:0. Aber auch er
vergab.
Später ließ sich
auch Torjäger Thorsten Bauer von dieser
Treffunsicherheit anstecken: Ein Schuss aus
20 Metern ging knapp daneben (6.), einen Drehschuss
eine Minute später wehrte erneut Baumann
ab, und in der 20. Minute schoss Bauer aus
aussichtsreicher Position über das Tor.
Mittelfeldspieler René Ochs, zweimaliger
Passgeber zu Großchancen, haderte hernach:
"Im Moment will der Ball einfach nicht
rein." Kapitän Enrico Gaede findet:
"Wir spielen uns die Chancen selbst heraus,
aber dann hakt es vorm Tor." Und Trainer
Dickhaut sagt: "Der Aufwand, den wir
betreiben, passt derzeit nicht zum Ertrag."
Was fehlt, ist die Leichtigkeit,
die in der vergangenen Saison den KSV noch
ausgemacht hat. Nach zwölf Spieltagen
waren die Löwen damals mit 26 Toren die
treffsicherste Mannschaft der Liga. In dieser
Serie haben sie bisher 22-mal getroffen, Freiburg
(27) und Weiden (23) sind da besser.
Sogar sieben Tore hinter
der persönlichen Marke vom Vorjahr hinkt
Thorsten Bauer hinterher. Er war bisher fünfmal
erfolgreich. Schüsse, die vor einem Jahr
noch ins Tor gingen, gehen heute knapp daneben
- oder der gegnerische Torwart hält.
Hinzu kommt, dass Bauer bei Elfmetern nicht
mehr die traumwandlerische Sicherheit umgibt:
Zwei verschoss er schon in diesem Jahr.
So bleibt derzeit zumindest
zuhause nur Thomas Brechler, der trifft. Er
erzielte die letzten drei KSV-Tore im Auestadion
- und das, obwohl er immer nur eingewechselt
wird. Ihn ficht das nicht an, im Gegenteil:
"Ich weiß, ich krieg' meine Chance.
Das spornt mich an, entscheidende Treffer
zu schießen. Daran glaube ich bis zum
Schluss."
Immerhin hat es der 23 Jahre
alte Neuzugang innerhalb von zwölf Spieltagen
schon geschafft, eine Diskussion anzustoßen,
ob nicht vielleicht Mirko Dickhaut generell
mit zwei Stürmern von Anfang an spielen
sollte. Dass er das gegen Freiburg nicht tat,
begründete der Trainer auch damit, so
noch jemanden auf der Bank sitzen zu haben,
der in der Schlussphase noch einmal für
Druck sorgen kann. Brechler als personifizierte
Brechstange, die das macht, was die anderen
derzeit versäumen: ein Tor.
Von Florian Hagemann (HNA-Sportredaktion,
25.10.2009) |