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KSV
zu Beginn wie im Rausch
Fußball-Regionalligist
KSV Hessen Kassel ist wieder in der Spur.
Nach drei Unentschieden gelang der Mannschaft
von Trainer Mirko Dickhaut am Samstagnachmittag
gegen Aufsteiger SG Sonnenhof Großaspach
mit 3:0 der erste Saisonsieg.
In der Tabelle
kletterte er von Platz zwölf auf Rang
acht. Vor 3000 Zuschauern im Kasseler Auestadion
sorgte der Aufstiegsaspirant dabei schon schnell
für klare Verhältnisse. Nach neun
Minuten stand es schon 3:0 – als ob
die Kasseler ein Signal an die Liga senden
wollten: Seht her, mit uns ist trotz des Holperstarts
in dieser Saison doch zu rechnen.
Beim 1:0 in der dritten Minute
leistete allerdings Großaspachs Torwart
Dennis Grab Unterstützung. Sein Abwurf
landete beim KSV-Spielmacher Kevin Wölk,
der nur noch einzuschieben brauchte. 1:0 –
und das war erst der Anfang der besten sechs
KSV-Minuten seit langer Zeit. Nur kurze Zeit
später nämlich war Wölk auf
der linken Seite so frei, dass er sich aussuchen
konnte, ob er direkt aufs Tor schießt
oder Stürmer Thorsten Bauer bedient.
Wölk entschied sich für einen Schlenzer
– und wurde mit einem Tor belohnt. Der
Ball klatschte an den Pfosten und flog von
dort aus ins Tor. Ein überaus sehenswerter
Treffer.
Damit aber nicht genug: Der
KSV machte weiter Druck, er spielte in dieser
Phase wie im Rausch. Die SG Sonnenhof Großaspach
wusste gar nicht, wie ihr geschieht. Kaum
hatte sie das 0:2 verkraften müssen,
stand schon wieder René Ochs frei vor
dem Tor. Eiskalt verwandelte er zum 3:0 für
die Kasseler. Nach neun Minuten.
Danach verflachte die Begegnung.
Gäste-Trainer Jürgen Hartmann sagte
nachher, dass es fortan ein typischen 0:0-Spiel
war. Damit lag er richtig. Allerdings stand
es eben schon 3:0. Anders als gegen Darmstadt
zwei Wochen zuvor hielt der KSV diesmal aber
den Vorsprung. Damals hieß es nach einem
2:0 noch 2:2. Daraus lernten die Löwen.
Das Interessanteste ereignete sich noch in
der 85. Minute: als Jung-Stürmer Mario
Kilian eingewechselt wurde. Akzente setzte
der 20-Jährige allerdings nicht mehr.
Mirko Dickhaut war aber
auch so zufrieden. Nach der Begegnung sagte
er: "Wir haben schon ein bisschen unter
Druck gestanden und wollten unbedingt den
ersten Dreier. Dass es dann so losgeht, damit
konnte keiner rechnen. Jetzt sind wir hoffentlich
so richtig drin in der Saison."
Von Florian Hagemann (HNA-Sportredaktion,
29.08.2009)
Neun
Minuten losgelöst
Als Mirko
Dickhaut mal wieder mit einem Rucksack über
der Schulter den Raum betrat, in dem die Pressekonferenzen
stattfinden, konnte sich Jens Rose die Bemerkung
nicht verkneifen: "Mirko", sagte
der Präsident des Fußball-Regionalligisten
KSV Hessen Kassel zum Trainer, "heute
sieht dein Rucksack viel voller aus als beim
letzten Mal."
Und was als Scherz gemeint
war, ging gleichzeitig als Anspielung durch:
Diesmal - nach dem 3:0 gegen Aufsteiger SG
Sonnenhof Großaspach - hatte Dickhaut
nach Roses gewollt kindlicher Vorstellung
drei Punkte im Rucksack, nach dem Heimspiel
zuvor gegen Darmstadt hatte sich dort hinein
nur ein einziges Pünktchen verirrt.
Damals, vor zwei Wochen,
machte schon die Formulierung Fehlstart die
Runde. Nach dem ersten Saisonsieg nun und
sechs Punkten nach vier Spielen sieht das
alles wieder viel freundlicher aus für
den ambitionierten KSV. Nach drei Unentschieden
zu Saisonbeginn war er nicht verunsichert,
wie nachher alle versicherten, aber zumindest
angespannt.
Wie Usain Bolt
Vielleicht passt dieses Bild
tatsächlich besser, das vornehmlich Kapitän
Enrico Gaede benutzte. Angespannt. Gespannt.
Wie ein Stein in der Zwille. Wird er losgelassen,
zischt er ab wie Usain Bolt auf den zweiten
50 Metern. Dann gibt es kein Halten mehr.
So in etwa haben sich die Löwen in den
ersten neun Minuten gegen Großaspach
präsentiert. Völlig losgelöst.
Vor 3000 Zuschauern im Kasseler
Auestadion haben sie den Gegner so vorgeführt,
dass der am Ende dieser neun Minuten wohl
selbst nicht mehr wusste, ob er nun aus Großaspach
oder Kleinaspach kommt. Kevin Wölk legte
zwei Treffer vor (siehe Artikel unten), René
Ochs erhöhte nach einem Zuckerpässchen
von Thorsten Bauer auf 3:0 - und schwuppdiwupp
war die heile Welt des KSV aus der vergangenen
Saison wieder nah. Sehr viel hatte an die
schönen Kombinationen und den herzerfrischenden
Fußball von damals erinnert. Und so
war die Erleichterung anschließend groß:
Ja, sie haben nichts verlernt.
Auf Nummer sicher
Und sie haben gelernt. Den
2:0-Vorsprung gegen Darmstadt haben die Löwen
noch leichtfertig verzockt. Diesmal gingen
sie nicht nur deshalb auf Nummer sicher, weil
sie sich vorsichtshalber mal drei Tore Vorsprung
erarbeiteten, sondern weil sie gefestigter
wirkten. Die zweite Halbzeit gegen Darmstadt
war ihnen eine Mahnung. "Wir hatten das
alle noch vor Augen", sagte Dickhaut.
Typisches 0:0-Spielchen
So entwickelte sich nach
der neunten Minute ein typisches 0:0-Spiel,
wie es Großaspachs Trainer Jürgen
Hartmann erklärte. Er hatte damit durchaus
Recht - das Problem für ihn und seine
Mannschaft war nur, dass es schon 3:0 für
den KSV stand, bevor sich beide Teams auf
dieses 0:0-Spielchen einließen.
Es passierte dann wirklich
nicht mehr viel, was auch daran lag, dass
die Defensive der Kasseler nun kompakt steht,
seit Michael Zepek Mitglied der Verteidigung
ist. Mit ihm hat die Mannschaft noch kein
Gegentor kassiert: 0:0 in Ulm, nun 3:0. Er
selbst gab sich bescheiden und sprach nur
von "Wir": "Wir haben den Punkt
gegen Ulm heute vergoldet."
Mirko Dickhaut drückte
das anders aus. Er sagte: "Wir haben
heute den ganzen Ballast der letzten Wochen
abgeworfen." Das passte ganz gut. Sein
Rucksack war ja mit den drei Punkten schon
gut gefüllt.
Von Florian Hagemann (HNA-Sportredaktion,
30.08.2009)
Wölks kleiner
Geniestreich
Als er ging, wusste er nicht
mehr, welcher Tag ist und wo er sich überhaupt
befindet. Nach einem Kopfballduell war er
benommen auf dem Platz liegen geblieben. Das
Gedächtnis hatte für kurze Zeit
seinen Dienst versagt. Dabei hatte es zuvor
eigentlich so viel Positives gespeichert an
diesem Tag, an dem der Fußball-Regionalligist
KSV Hessen Kassel 3:0 gegen die SG Sonnenhof
Großaspach gewann - am Tag des Kevin
Wölk.
Dieser Kevin Wölk musste
Anfang der zweiten Halbzeit ausgewechselt
werden, und es dauerte ein paar Momente, bis
das Gedächtnis wieder so funktionierte,
wie es funktionieren sollte. Nach der Begegnung
sollte es zumindest wieder behilflich sein,
die wichtigsten Szenen noch einmal aufzuarbeiten.
Szenen, in denen Kevin Wölk die Hauptrolle
gespielt hatte. Szenen wie jene in der vierten
Minute.
Da bewies Kevin Wölk,
was sein Köpfchen im Normalzustand zu
leisten im Stande ist. Als Großaspachs
Torwart Kevin Kraus den Ball abwerfen wollte,
zeigte sich der KSV-Kevin gedankenschnell:
"Ich habe gehofft, dass er den Ball in
meine Richtung abrollt." Gedacht, geschehen.
Wölk fing den Ball ab und schoss ein
zum 1:0. Seine erste Heldentat war vollbracht.
Sie war aber noch nichts gegen die zweite
an diesem Nachmittag.
Diese ereignete sich nur
vier Minuten später. Da gelang dem 24
Jahre alten KSV-Spielmacher mit dieser enormen
Spielintelligenz ein kleiner Geniestreich.
Auf der linken Angriffsseite war er nach einem
langen Pass von Stefan Markolf frei wie ein
Vogel in der Luft. Er hätte in die Mitte
auf Stürmer Thorsten Bauer passen können.
Kevin Wölk aber entschied sich für
die komplizierte Variante: Er schlenzte den
Ball aus spitzem Winkel über den Torwart-Kevin
hinweg, der Ball klatschte an den Pfosten,
von dort aus flog er ins Tor. Der Treffer
ähnelte dem, den er gegen Darmstadt erzielt
hatte. Der Unterschied war nur, dass diesmal
kein Zufall zum Erfolg geführt hatte,
sondern Absicht. "In solch einer Situation
überlegst du kurz, was du machst",
sagte nachher der, der vorher überlegt
hatte. Flanken? Schlenzen? Flanken? Schlenzen?
"So etwas läuft automatisch ab -
ein ganz normaler Vorgang." Dann die
Entscheidung: schlenzen. Fußball kann
so einfach sein - oder? "Solche Sachen
übe ich halt auch im Training."
Tor Nummer zwei in diesem
Spiel hat für Kevin Wölk nun die
Folge, dass er doppelt so viele Treffer in
dieser Saison erzielt hat wie Thorsten Bauer
- was eigentlich so unmöglich ist wie
eine Schalker Meisterschaft in den nächsten
30 Jahren. Kevin Wölk ficht das nicht
an. Er sagt vielmehr: "Wir pushen uns
gegenseitig."
Derzeit bekommt ihm das besser
als dem Dauer-Torschützen. Wie viele
Tore er in den bisherigen vier Spielen geschossen
hat, ist Kevin Wölk nach dem Spiel gefragt
worden. "Vier", antwortete er. Spätestens
da war klar, dass sein Gedächtnis wieder
voll funktionstüchtig war. Gegen Fürth
II am Mittwoch will er wieder dabei sein.
Von Florian Hagemann (HNA-Sportredaktion,
30.08.2009) |