Löwen
verlieren dramatisches Pokalfinale: Beherzter
Auftritt nicht belohnt
Fulda. Wie
bitter! Der Traum von der Teilnahme an der
ersten Hauptrunde im DFB-Pokal ist ausgeträumt.
Fußball-Regionalligist KSV Hessen Kassel
verlor Dienstagabend gegen den eine Klasse
höher eingestuften Drittligisten Kickers
Offenbach mit 1:2.
Was die Niederlage
so schmerzhaft macht: Die Löwen zeigten
eine klasse Leistung, spielten mit viel Herz
und Verstand, sie glichen in der 85. Minute
den 0:1-Rückstand aus, sie waren dem
Sieg kurze Zeit näher als die Südhessen
- und unterlagen durch einen Treffer in fast
letzter Sekunde. - Schlimmer geht es kaum.
Das Glück hatte die Mannschaft von Trainer
Mirko Dickhaut auch für diesen Abend
nicht bestellt. Auf das große Los darf
nun nur Offenbach hoffen.
Wenn der
OFC bei der Auslosung so viel Dusel hat wie
im Spiel gegen den KSV, dann kann der nächste
Gegner nur Bayern München heißen.
Dass dieses Spiel ein besonderes sein würde,
zeigte sich schon vor der ersten Aktion auf
dem Platz. Der Anpfiff verzögerte sich
um zehn Minuten, weil längst nicht alle
Fans rechtzeitig im Fuldaer Stadion Johannisau
waren.
Insgesamt
bildeten die annähernd 1700 Kasseler
und 2700 Offenbacher Anhänger gemeinsam
mit weiteren 200 Zuschauern eine stimmungsvolle
Kulisse. Alle gemeinsam sahen, wie beide Teams
ihre jeweils zugedachte Rolle annahmen: Favorit
Offenbach begann offensiv, der KSV fand schnell
Gefallen am David-Dasein. Er kämpfte
- und mehr noch: Er zeigte dem Gegner durch
hartes, aber faires Einsteigen, dass er nicht
gewillt ist, hier das Weichei zu geben. So
erwarb sich das Team von Trainer Mirko Dickhaut
Respekt, das Selbstvertrauen wuchs mit jedem
Offenbacher Angriff, der spätestens bei
einem der starken Innenverteidiger Marcel
Stadel und Mentor Latifi oder bei Torwart
Tobias Wolf endete.
Nach einer
halben Stunde befreiten sich die Löwen
mehr und mehr vom Offenbacher Druck. Sie setzten
kleine Ausrufezeichen und wären beinahe
sogar in Führung gegangen: Nach einem
verunglückten Rückpass des Offenbacher
Verteidigers Marko Kopilas wäre Stefan
Markolf, der den Vorzug vor Dennis Tornieporth
erhielt, um ein Haar an den Ball gekommen.
Die Partie nahm an Fahrt auf und schaffte
es ganz bald zu dem, was ZDF-Reporter Rolf
Töpperwien als echten Pokalfight bezeichnen
würde.
Die Chancen
häuften sich: In der 51. Minute blockte
Sebastian Gundelach den Ball nach einem Schuss
des Offenbacher Kapitäns Steffen Haas
gerade noch ab, kurze Zeit später hatte
Thorsten Bauer mit einem Kopfball Pech. Und
dann der Schock in der 58. Minute: Einmal
gelang den Südhessen der Pass in die
Schnittstelle der Abwehr, David Ulm auf Steffen
Haas, der freie Bahn hatte und nur noch einzuschieben
brauchte.
Der KSV
geschlagen? Noch nicht. Er kämpfte weiter,
er spielte weiter, er brachte die Offenbacher
Fans in Rage - aber er traf nicht. Enrico
Gaede allein hätte das Spiel drehen können.
Erst lief er aus halbrechter Position frei
auf des Gegners Tor zu, anstatt zu schießen
aber passte er zurück. Dann verfehlte
der Ball nach seinem Schuss aus 18 Metern
knapp das Tor. Es ging so weiter: Thorsten
Bauer auf Markus Unger, doch auch er hat keinen
Erfolg. Für die Löwen war es zum
Verzweifeln. Bis Marcel Stadel kam.
Im zweiten
Versuch drückte er den Ball nach einem
Freistoß von Kevin Wölk hinter
die Linie. Der KSV war zurück im Spiel.
Er drängte weiter, er wollte jetzt alles
- und bekam nichts. Nach einer Unachtsamkeit
in der Hintermannschaft machte Mirnes Mesic
das 2:1 für den Favoriten. Für den
KSV blieb keine Zeit mehr, um erneut den Ausgleich
anzustreben. Ihm blieb nur das Entsetzen und
das Kopfschütteln über so viel Pech.
Von Florian
Hagemann (HNA-Sportredaktion, 11.05.2010)
Trotz
Niederlage: KSV-Fans feierten ihr Team
In der Verlängerung
hätte Offenbach verloren“, da ist
sich Rainer Maurer aus Kassel sicher. Die
Enttäuschung ist dem KSV-Fan gestern
Abend anzusehen, als er mit seinen Freunden
den Sportpark Johannisau in Fulda verlässt.
Die Chance
war zum Greifen nah, dass der KSV nach fast
20 Jahren wieder um den DFB-Pokal spielen
kann. Als Werder Bremen 1991 im Auestadion
das DFB-Viertelfinale gewann, war Maurer auch
dabei. 20 Jahre bis zur nächsten DFB-Teilnahme
will er nicht mehr warten.
Knappe Entscheidung
An den 1700
Fans, die gestern zum Finale des Hessenpokals
nach Fulda gekommen waren, hat es jedenfalls
nicht gelegen, dass der KSV in der 90. Minute
doch noch gegen die Kickers aus Offenbach
verloren hat. „Auf geht’s Kassel,
kämpfen und siegen“ sangen die
Anhänger.
„1:1,
das könnt ihr doch“, feuerte Fan
Michael Eisenberg in Anspielung an die vielen
Unentschieden in dieser Saison an. Die Unterstützung
wirkte. Als Marcel Stadel in der 85. Minute
den Ausgleich erzielte, da waren aller Frust
und Ärger vergessen.
Denn mit
den Gegebenheiten im Fuldaer Stadion waren
die Kasseler gar nicht zufrieden. Die Fans
auf den Stehplätzen fühlten sich
eingeengt, nur ein Block war für sie
geöffnet worden. „Wir doofen Kasseler
können durch den Zaun schauen“,
schimpfte ein Fan.
Von Affen
im Zoo war da die Rede. „Hier komme
ich nie wieder her“, motzte ein Löwen-Anhänger.
Besonders lang waren die Gesichter einiger
Fans, als sie feststellten, dass im Stadion
kein Alkohol verkauft wurde. „Das ist
eine Vorgabe des Deutschen Fußball-Bundes“,
erklärte eine junge nette Frau in der
Getränkebude. Fassungslosigkeit in einigen
Männergesichtern. „Ist das Alster
etwa auch ohne Alkohol?“
Senf und
Bratwurst waren in der Pause auch schon vergriffen.
Doch das Alkoholverbot wirkte. Weder vor noch
während des Spiels kam es zu Ausschreitungen
auf den Kasseler Rängen, wie Martin Schäfer,
Fuldas Polizeisprecher, erklärte. Mehrere
Hundert Polizeibeamte und Sicherheitskräfte
im Stadion achteten darauf, dass die Fans
aus Kassel und Offenbach bei diesem Risikospiel
nicht aneinandergerieten.
Die gegenseitige
Missachtung wurde nur in den klassischen Fangesängen
zum Ausdruck gebracht. Während die Offenbacher
den Pokalsieg ihrer Mannschaft bejubelten,
feierten die Kasseler trotz Niederlage ihre
Mannschaft. „Wir sind stolz auf unser
Team, Hessen Kassel“.
Die Löwen
dankten es und stiegen über die Absperrung
zu ihren Anhängern. „Die Mannschaft
hat alles gegeben und war klar besser“,
sagte Cornelia Pfromm auf dem Weg zu ihrem
Auto. Die Enttäuschung über die
knappe Niederlage war der Frau aus Kassel
trotzdem anzusehen.
HNA-Sportredaktion,
11.05.2010
KSV
Hessen Kassel: Hessenpokalsieger der Herzen
Fulda. Am
Ende dieses frustrierenden Abends dachte Mirko
Dickhaut noch einmal kurz an nächste
Woche. Da muss der Trainer mit seiner Mannschaft
vom Fußball-Regionalligisten KSV Hessen
Kassel schon wieder im Kreispokal antreten
– ganz unten also.
„Dann
geht es nach Hertingshausen“, sagte
Dickhaut. Und grinste mehr gequält als
erfreut. Hertingshausen. Hätte der KSV
das Finalspiel im Hessenpokal an diesem Abend
in Fulda gegen Kickers Offenbach gewonnen,
die Löwen hätten an Bayern München
gedacht, an Schalke 04, an Borussia Dortmund,
an das große Los also. Aber nun dachte
zumindest der Coach an Hertingshausen.
Es war ein
so bitterer Abend, an dem die Löwen einmal
mehr erfahren mussten, dass im Fußball
nicht immer der Bessere gewinnt, sondern manchmal
schlicht nur der Glücklichere. 0:1 gegen
den favorisierten Drittligisten zurückgelegen,
gedrängt, gedrückt, den Ausgleich
erzielt fünf Minuten vor Schluss, weiter
gedrängt, gedrückt – und in
fast letzter Sekunden das 1:2 kassiert. So
reichte es nur zum Hessenpokalsieger der Herzen,
der sogar vom gegnerischen Trainer viel Anerkennung
bekam: Wolfgang Wolf gratulierte nach Abpfiff
jedem KSV-Spieler persönlich. Aber auch
das mochte nicht alle trösten, die am
Boden lagen und nicht fassen konnten, zu welcher
emotionalen Brutalität ihr Sport fähig
ist.
Einer, der
schnell Worte fand, war Stürmer Thorsten
Bauer. „Wir haben am Ende vielleicht
zu viel gewollt.“ Nach dem späten
Ausgleich ließen sie sich von ihrer
Euphorie leiten und nicht vom Verstand. Dickhaut
überlegte noch kurz, ob er seine Abwehrreihe
wieder auf vier Mitglieder aufstocken sollte.
Aber er ließ es laufen. Das hätte
nicht falsch sein müssen, weil die Offenbacher
angeschlagen waren und ein kleiner Windstoß
genügt hätte, damit sie umfallen.
Sie wankten stark, aber sie fielen nicht um.
Sie kamen nur noch einmal gefährlich
vor das Kasseler Tor. Nach einer Standardsituation.
In der Nachspielzeit. Der Ball gelangte zu
Mirnes Mesic, es fehlten Abwehrspieler um
ihn herum. Mesic war auf einmal frei vor Torwart
Tobias Wolf. Der Angreifer schoss. Er traf
noch nicht einmal richtig den Ball. Der trudelte
nur Richtung Tor. Aber es gab niemanden, der
ihn hätte aufhalten können. Wer
für den KSV die Daumen drückte,
der hoffte, dass er vielleicht an den Pfosten
gehen würde, dass vielleicht der Schiedsrichter
abpfeift, dass vielleicht ein Herr Westhelle
aus dem Boden krabbelt und einen Formfehler
anmahnt. Aber nichts dergleichen geschah.
KSV-Präsident Jens Rose sagte, dass sei
Fußball, wie man ihn sich vorstellt:
mit Leidenschaft, mit Emotion – nur
eben mit dem falschen Ergebnis. Immerhin bleibt
die Erkenntnis, dass „wir in der dritten
Liga gut mitspielen könnten“.
So verließen
die Löwen zwar sichtlich niedergeschlagen
das Stadion Johannisau, aber auch innerlich
gestärkt: „Wie wir heute gegen
eine höherklassige Mannschaft agiert
haben, das spricht für uns“, sagte
Thorsten Bauer. „Es war keine Qualitätsfrage“,
meinte auch Enrico Gaede. „Nur in gewissen
Momenten fehlt uns etwas.“ Der Regen
setzte ein, es blitzte und donnerte. Und es
schien, als wolle das Wetter auch noch mal
seinen Unmut äußern über diese
Ungerechtigkeit im Fußball, als der
KSV-Bus den Ort dieser schmerzhaften Niederlage
verließ. Nächste Woche geht es
nach Hertingshausen.
Von Florian
Hagemann und Frank Ziemke (HNA-Sportredaktion,
12.05.2010)
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