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"Wir
bräuchten vielleicht mehr Dreckschweine"
Kassel. Nach
dem 1:1 gegen 1860 München II durch ein
Gegentor in der Nachspielzeit sind die Aufstiegschancen
für den Fußball-Regionalligisten
KSV Hessen Kassel noch einmal gesunken.
Im Interview spricht Mittelfeldspieler
Kevin Wölk über die aktuelle Situation
der Mannschaft – aber auch eines Spielers,
der sich am Scheideweg seiner Karriere befindet.
Kevin Wölk,
wie verarbeiten Sie ein Gegentor in letzter
Minute wie das zum 1:1 gegen 1860 München
II, das zugleich die Hoffnung auf den Drittliga-Aufstieg
schwinden lässt?
Wölk: Das Gegentor
hat mir zwei schlaflose Nächte bereitet.
Ich habe es einfach nicht mehr aus dem Kopf
bekommen. Und das hat weniger mit den schwindenden
Hoffnungen auf den Aufstieg zu tun, sondern
vielmehr damit, dass uns wieder 1860 München
II die Tour vermasselt hat und dass wir wieder
in der Nachspielzeit ein Tor kassiert haben.
Da fragt man sich irgendwann, was man eigentlich
verbrochen hat.
Macht das dann jeder
für sich selbst aus oder bespricht sich
die Mannschaft noch einmal nach solch einem
Erlebnis?
Wölk: Einige sprechen
darüber. Ich habe an den freien Tagen
danach auch SMS von Mitspielern bekommen,
aber ich hatte keine Lust zu antworten, weil
ich so mit mir selbst beschäftigt, so
wütend war und einfach nichts mehr vom
Fußball wissen wollte. Ich hatte auch
keine Lust, mir Fußball im Fernsehen
anzuschauen. Und das will schon was heißen.
Zu welchem Ergebnis
sind Sie denn beim Grübeln gekommen?
Wölk: Dass wir an Kleinigkeiten
scheitern. Wir haben auch gegen 1860 München
gut gespielt und nur versäumt, das 2:0
zu machen. Allerdings: Wenn wir das nicht
machen, müssen wir eben in der Lage sein,
ein 1:0 nachhause zu bringen. Da sollten wir
den Ball in der letzten Minute nach vorne
schlagen und souveräner auftreten. So
hat man das Gefühl, dass wir in solch
einer Situation förmlich um ein Gegentor
betteln. Wir versuchen, weiter attraktiv zu
spielen, dabei müssen wir in erster Linie
effektiv sein.
Der Zusammenhalt
der Mannschaft wird stets betont. Gefährden
solche Negativ-Erlebnisse die Moral?
Wölk: Es gibt sicher
Mannschaften, die sich nun öffentlich
zerfleischen würden. Aber zu denen gehören
wir nicht. Ich habe keine Zweifel, dass wir
auch in Zukunft zusammenhalten. Nehmen Sie
die vergangene Saison: Da haben wir selbst
das letzte Spiel in Freiburg noch gewonnen,
obwohl wir enttäuscht waren und es um
nichts mehr ging. Das zeigt: Wir verstehen
uns immer.
Aber vielleicht
ist das auch das Problem. Es fehlt die Reibung?
Wölk: Womöglich.
Vielleicht bräuchten wir mehr Dreckschweine
im Team, die auch mal provozieren.
Mehr Kevin Wölks?
Wölk: Zumindest würde
ich mich als Dreckschwein bezeichnen, ja.
Sie sind 24 –
und somit am sportlichen Scheideweg. Sollte
es mit dem Aufstieg nicht klappen, müssten
Sie sich Gedanken machen. Würde der KSV
dann eines seiner letzten Dreckschweine verlieren?
Wölk: Das ist nicht
automatisch gesagt, auch wenn sich mein Vertrag
nur im Falle des Aufstiegs verlängert.
Aber ich bin auch nicht abgeneigt, in Kassel
zu bleiben, wenn wir es wieder nicht schaffen
würden – was im übrigen noch
längst nicht gesagt ist. Der KSV ist
auf alle Fälle mein erster Ansprechpartner.
Aber wäre ein
weiteres Jahr in der Regionalliga Ihrer Karriere
wirklich dienlich?
Wölk: Mein Anspruch
ist es natürlich, höherklassig zu
spielen. Aber ich muss auch bedenken: In Kassel
habe ich mir etwas erarbeitet, was ich mir
in einer neuen, womöglich höherklassigen
Mannschaft erst noch erarbeiten müsste.
Hier bin ich Leistungsträger.
Aber ist die Regionalliga
nicht problematisch für jemanden, der
mit Fußball sein Geld verdient und natürlich
auch seine eigene Zukunft planen muss?
Wölk: Das stimmt. Wenn
ich in drei Jahren nicht in der zweiten Liga
spiele, muss ich mir natürlich auch Gedanken
über ein zweites Standbein machen. Weil
dann werde ich nicht nach dem Ende meiner
Karriere die Schäfchen im Trockenen haben.
Aber vielleicht schaffen wir ja doch noch
den Aufstieg.
Sind das mittlerweile
nicht alles Durchhalteparolen?
Wölk: Was wir brauchen,
ist eine Serie. Es zählen nur noch Siege.
Und dass Aalen auch nicht ganz so souverän
ist, hat man ja beim 0:0 gegen Karlsruhe II
am Donnerstag gesehen.
Von Florian Hagemann (HNA-Sportredaktion,
02.04.2010) |