Mirko im Mittelpunkt
Mirko Dickhaut hatte
alles versucht, um nicht im Mittelpunkt
zu stehen. Nach dem 2:0 gegen Pfullendorf
am Freitagabend verschwand der Trainer
des Fußball-Regionalligisten KSV
Hessen Kassel ziemlich schnell in den
Katakomben des Auestadions. Die Fans skandierten
derweil: "Wir woll’n den Mirko
seh’n." Doch der Mirko war
nicht zu sehen. Er wollte nicht im Mittelpunkt
stehen.
Die Anhänger aber blieben hartnäckig,
ließen keinen Zweifel daran, wer
die Humba, das Vorspiel des Freudentanzes,
anstimmen sollte: "Heute ist der
Mirko dran." Der Mirko aber kam nicht.
Also wurde der Präsident eingeschaltet.
Jens Rose stand in der Nähe der Katakomben,
weit weg von Mannschaft und Fans, aber
nah dran am Trainer. Über Handy erreichte
ihn die Nachricht, er solle doch den Mirko
holen. Kurze Zeit später schritt
Rose dann mit Dickhaut über den Platz
Richtung Team und Fans. Er legte den Arm
über die Schulter Dickhauts, als
ob er ihm noch einmal gut zureden wollte,
vielleicht doch einmal kurz im Mittelpunkt
zu stehen.
Als beide ankamen, warteten nicht nur
die Fans, sondern auch die Spieler, die
den Fans gehorchten und keine Party machten
ohne den Boss. Dickhaut ging noch einmal
zu Thorsten Bauer, dem Ober-Humba-Macher,
und wollte ihn überreden, den Dirigenten
zu geben. Doch auch die letzte Mittelpunktverhinderungsmaßnahme
half nichts. Dickhaut machte die Humba
und betonte später noch einmal, dass
er nicht so gern im Mittelpunkt steht,
aber er sagte auch: "Das war eine
überragende Geste der Fans."
Sie haben ein feines Gespür dafür,
wer wann Anerkennung verdient hat. Der
Ruf ereilte Dickhaut nach einem Drittel
der Saison, nach dem sich die Löwen
festgesetzt haben in der Tabellenspitze
und in dem die Mannschaft meistens einen
anderen Fußball gespielt hat als
zuvor. Dickhauts Fußball.
Der ist vor allem dann zu sehen, wenn
die Gegner so spielen wie Pfullendorf,
wenn sie sich nicht verstecken, sondern
auch gestalten wollen. Dann greift das
auf Flachpässe angelegte Kombinationsspiel
des KSV, das Enrico Gaede im defensiven
Mittelfeld ankurbelt und fortgesetzt wird
durch die Außen René Ochs
und Dennis Tornieporth oder durch Kevin
Wölk im offensiven Mittelfeld. Das
geht dann meist Ruck-Zuck.
Gegen Pfullendorf war der KSV zu Beginn
so aufgedreht, dass er fast schon gewonnen
hatte, bevor die letzten Zuschauer überhaupt
ihren Platz eingenommen hatten. Die frühen
Tore durch René Ochs und Thorsten
Bauer nach sechs Minuten dienen auch als
Beweis der neuen Entschlossenheit.
Das führt dazu, dass Mirko Dickhaut
nun wieder Probleme bekommt. Nachdem er
erfolglos versucht hat, nicht im Mittelpunkt
zu stehen, muss er nun versuchen, die
Euphorie in geordnete Bahnen zu lenken.
Die Fans sangen bereits: "Wir kommen
wieder – in die dritte Liga."
Nach dem 0:0 der zweiten Mannschaft von
Eintracht Frankfurt am Samstag gegen Wehen
Wiesbaden II sind die Löwen nur noch
einen Punkt vom ersten Platz entfernt.
Doch Dickhauts Spieler üben schon
einmal vorauseilenden Gehorsam: "Wir
heben jetzt nicht ab. Wir wissen, dass
wir jedes Spiel Gas geben müssen",
sagte etwa René Ochs, der mit fünf
Saisontoren von vielen positiven Überraschungen
die positivste ist. Und Dennis Lamczyk
erklärte: "Wir bleiben ganz
bescheiden." Das wird der Trainer
gerne hören.
Florian Hagemann (HNA-Sportredaktion,
08.11.2008)