Nach dem Schock
viel Arbeit
Am Morgen danach ist
Jens Rose noch sichtlich mitgenommen.
Der Mann, der sich beim Fußball-Regionalligisten
KSV Hessen Kassel eigentlich aus der vordersten
Linie zurückziehen wollte und der
nun wohl doch weiter der Vorstandsvorsitzende
sein wird, kann die Geschehnisse des Vortages,
an dem plötzlich alles ganz anders
wurde, noch immer nicht ganz fassen.
Der plötzliche Stimmungsumschwung
des Sponsors und potenziellen neuen Vorsitzenden
Mehmet Göker nach Beleidigungen und
Hakenkreuzschmierereien gegen seine Familie
hat Rose und den KSV absolut unerwartet
getroffen: „Ich habe am Montag noch
meinen Schreibtisch auf der Geschäftsstelle
ausgeräumt und war um 16 Uhr mit
Göker zur Übergabe verabredet",
schildert Rose den Tag. Göker aber
kam nicht. Eine halbe Stunde vor der Jahreshauptversammlung
erfuhr Rose von dem Versicherungs-Unternehmer
dann, warum.
Immerhin: Der KSV handelte schnell. In
kürzester Zeit wurde ein neuer Aufsichtsrat
zusammengestellt. Rose entschied sich,
weiter im Amt zu bleiben. Die Löwen
sind also nicht handlungsunfähig.
Vor ihnen aber liegt ein unglaublicher
Berg an Arbeit. Die wichtigsten Punkte:
FINANZEN UND SPONSOREN
Eine Million Euro wollte Göker im
Fall seiner Ernennung als Vereinschef
dem KSV zur Verfügung stellen. Daraus
wird nun nichts. Der KSV muss also weiter
eher kleine Brötchen backen. Erste
Planungen sehen vor, dass die Löwen
mit einem 1,4-Millionen-Euro-Etat in die
neue Saison gehen (07/08: 2,1 Mio. Euro).
Dabei erhofft sich der Klub Sponsoreneinnahmen
von knapp 700 000 Euro. Etwa 60 Prozent
der aus diesem Topf stammenden Gelder
seien sicher, so Rose. Göker wird
künftig mit 100 000 Euro dabei sein.
Dies war schon vorher vertraglich fixiert
worden.
Der KSV kalkuliert mit einem Zuschauerschnitt
von 2300. Vor einem Jahr waren 4500 erreicht
worden. Der scheidende Schatzmeister Hermann
Schmidt betont ausdrücklich, dass
der KSV schuldenfrei sei. Andere Meldungen
seien falsch. Man habe allerdings auch
nichts auf der hohen Kante.
TEAM UND TRAINER
Ganze vier Spieler sind bisher für
die erste Mannschaft verpflichtet: Thorsten
Bauer, Thorsten Schönewolf, René
Ochs und Torhüter Tobias Wolf. „Sieben,
acht Spieler des alten Kaders haben Angebote
vorliegen", sagt Jens Rose, der gestern
mit dem nun doch als Trainer feststehenden
Mirko Dickhaut intensive Gespräche
führte. Zu den angesprochenen Kickern
gehören übrigens auch Daniel
Beyer, Sebastian Busch, Dominik Suslik
und Arne Schmidt. Etwa 20 Mann seien nötig.
Dabei hofft Dickhaut auch auf gute Spieler
von außerhalb der Region. Das erste
Training soll Anfang Juli stattfinden.
Wer Trainer der nunmehr in der Hessenliga
kickenden Reserve und damit Nachfolger
Dickhauts dort wird, steht noch nicht
fest.
VORSTAND UND MANAGER
Noch in dieser Woche wird der neue Aufsichtsrat
zu seiner ersten Sitzung zusammentreten.
Das Gremium wird dann den Vereinsvorsitzenden
bestellen. Das wird nach dem Stand der
Dinge wieder Jens Rose sein. Ein Vize
soll der Kasseler Anwalt Albrecht Striegel
werden. Der zweite Vize steht noch nicht
fest. Hauptamtlicher Manager könnte
Joe Gibbs werden.
Polizei ermittelt nicht
Nach den Beleidigungen gegen sich und
seine Familie, von denen Mehmet Göker
auf der KSV-Versammlung berichtete - unter
anderem seien an seine Mutter Briefe mit
Hakenkreuzen geschickt worden - sieht
die Polizei noch keinen Grund, Ermittlungen
anzustellen. Das sagte Polizeisprecher
Wolfgang Jungnitsch. Anders sei die Sache,
wenn Göker Anzeige erstatten würde.
Von sich aus würde die Polizei Ermittlungen
nur aufnehmen, wenn solche Symbole beispielsweise
für die Öffentlichkeit sichtbar
an ein Gebäude geschmiert würden.
Uli Brehme und Frank
Ziemke (HNA-Sportredaktion, 18.06.2008)