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Regionalliga Süd, Saison 2007/08
Presse

Der KSV und das Stühlerücken

Die Löwen stehen vor einer richtungsweisenden Woche. Der Kasseler Versicherungsunternehmer Mehmet E. Göker (28) soll Jens Rose (46) auf dem Chefposten ablösen. Eingefädelt wurde der Wechsel an der Spitze schon vor eineinhalb Wochen. Am Montag auf der Jahreshauptversammlung (18 Uhr in der Kasseler Martini-Brauerei) soll er mit der Wahl des neuen Aufsichtsrates quasi besiegelt werden. Das neue fünfköpfige Gremium, um dessen Vorsitz sich Rose bewirbt, soll dann am Mittwoch Göker zum geschäftsführenden Vorstand berufen. Der hatte sich auf Bitten der Vereinsspitze am zurück liegenden Wochenende bereiterklärt, den Posten antreten zu wollen.

Weitere einschneidende Änderung: Erstmals seit Wiedergründung des KSV vor über zehn Jahren wird die Ikone des nordhessischen Fußballs, Holger Brück (60), bei den Löwen ab Montag kein offizielles Amt mehr inne haben. Der ehemalige Profi zieht sich aus dem Aufsichtsrat, dem er vorstand, zurück. Vor zehn Jahren war er maßgeblich an der Wiedergründung beteiligt. Sein Rückzug habe mit der Neuorientierung des Klubs nichts, aber auch gar nichts zu tun, betonte er gestern. Vielmehr habe er die Entscheidung schon vor längerer Zeit getroffen.

Womit wir beim Kern wären: Mehmet E. Göker. Der Unternehmer wird nicht nur Vorsitzender sein, sondern auch maßgeblicher Geldgeber. Schon in der Vergangenheit war er als Sponsor der Löwen tätig, stellte jährlich 300 000 Euro bereit. Jetzt hat er angekündigt, eine Million Euro zu zahlen. Damit verbunden sind grundlegende Änderungen der Vereinspolitik. Klotzen statt kleckern ist angesagt. Namhafte Spieler sollen kommen, ein neuer, prominenter Trainer (angedacht ist der ehemalige Eintracht-Coach Horst Ehrmanntraut) und ein Manager. Bereits ausgesucht ist Rüdiger Lamm (59). Ein umtriebiger Macher. Der powert, polarisiert und bei Bedarf auch mal seine gute Kinderstube vermissen lässt. So herrschte Lamm mal eine Journalistin an, sie könne ihn mal da lecken, wo sie es am liebsten habe. Unkooperativ zeigte er sich vor einigen Tagen auch unserer Zeitung gegenüber, als er die telefonische Bitte nach Antworten auf Fragen zu seiner Zukunft beim KSV unwirsch abwimmelte. Er liege in der Sonne und sage nichts, teilte er mit und brach das Gespräch ab.

Der 59-Jährige war früher als Manager auch in Bielefeld, Offenbach und zuletzt in Waldhof Mannheim tätig. Sein Strickmuster: Er akquiriert relativ viele Sponsoren aus dem Mittelstand, setzt bei der Einkaufspolitik auf ältere, gestandene Profis, und liebt das Risiko. Letzteres wurde ihm denn nach Anfangserfolgen auch mehrfach zum Verhängnis. In Bielefeld, wo er einen Scherbenhaufen hinterließ, wurde er beispielsweise ebenso gefeuert wie in Offenbach.

Mit Kassel trat Lamm erstmals vor elf Jahren in Kontakt, als er - von Bielefeld aus - mit dem damaligen Regionalligisten FC Hessen Kassel ein Leihgeschäft einfädelte. Inhalt: Vier Arminenspieler, unter ihnen Armin Eck, wurden für eine Gesamtsumme von zwei Millionen DM nach Kassel transferiert. Der FC erhielt das Recht, das Geld in Raten nach und nach abzutragen. Der damalige FC-Hessen-Chef Horst Flöck (heute 70): „Ich hatte nie das Gefühl, über den Tisch gezogen zu werden." Lamm habe sich eigentlich an alle Absprachen gehalten. Ärger gab es allerdings, als der klamme FC Hessen nicht mehr in der Lage war, seine Zahlungsverpflichtungen einzuhalten. Flöck diplomatisch: „Wir hatten kritische Gespräche." Er sei dabei aber immer oberhalb der Gürtellinie geblieben. Letztlich habe Bielefeld einen Großteil des Geldes abschreiben müssen. Seitdem habe er niemals mehr mit Lamm gesprochen.

Anders als Armin Eck (43). Der frühere Profi ist heute Trainer, zurzeit aber ohne Job. Er habe mit Lamm nur positive Erfahrungen gemacht, meint er. Bis jetzt sei der Kontakt nie abgerissen. Meist gehe es um den Transfermarkt, also um Spieler, an denen Lamm interessiert sei. Letztmals während dessen Zeit als Sportmanager des SV Waldhof Mannheim.

Dem jetzigen Aufsichtsrat des KSV Hessen gehören folgende Personen an: Holger Brück, Christian Kropf (Chef Kurhessische Getränke), Karl-Heinz Bonnet (BMW, Verkauf Automobile), Rolf Schwarz (Verleger und Geschäftsführer des Druck- und Verlagshauses Thiele und Schwarz) und Dr. Michael Lacher (VW-Coaching-Chef). Mit Ausnahme von Christian Kropf treten alle übrigen Mitglieder nicht mehr zur Wahl an. Hängt der Rückzug mit der Neuausrichtung zusammen? Unklar, weil Lacher und Bonnet gestern nicht zu erreichen waren. Schwarz sagt, sein Ausscheiden hänge damit nicht zusammen. Er habe schon im vergangenen Jahr angekündigt, sich zurückzuziehen.

Ein Wahlausschuss unter Leitung von Jochem Weikert benennt Kandidaten, um die Lücken zu füllen. Diese werden dann von den Mitgliedern gewählt oder nicht. Sind auch Personen aus dem Umfeld Gökers dabei? Nein, sagt Weikert.

Nichtsdestotrotz rumort es hier und da unter den Mitgliedern. So wollen Oliver Zehe (38) und Tim Siebrecht, die seit Jahren beim KSV u.a. für die Stadionzeitung „Hessen-Löwe" zuständig sind, ihren Ausweis zurückgeben, wenn Göker zum Chef ernannt wird. „Ich lehne seine risikoreiche Politik ab, mag es eher solide", begründet Zehe seinen Schritt.

Uli Brehme (HNA-Sportredaktion, 13.06.2008)