Der KSV und das
Stühlerücken
Die Löwen stehen
vor einer richtungsweisenden Woche. Der
Kasseler Versicherungsunternehmer Mehmet
E. Göker (28) soll Jens Rose (46)
auf dem Chefposten ablösen. Eingefädelt
wurde der Wechsel an der Spitze schon
vor eineinhalb Wochen. Am Montag auf der
Jahreshauptversammlung (18 Uhr in der
Kasseler Martini-Brauerei) soll er mit
der Wahl des neuen Aufsichtsrates quasi
besiegelt werden. Das neue fünfköpfige
Gremium, um dessen Vorsitz sich Rose bewirbt,
soll dann am Mittwoch Göker zum geschäftsführenden
Vorstand berufen. Der hatte sich auf Bitten
der Vereinsspitze am zurück liegenden
Wochenende bereiterklärt, den Posten
antreten zu wollen.
Weitere einschneidende Änderung:
Erstmals seit Wiedergründung des
KSV vor über zehn Jahren wird die
Ikone des nordhessischen Fußballs,
Holger Brück (60), bei den Löwen
ab Montag kein offizielles Amt mehr inne
haben. Der ehemalige Profi zieht sich
aus dem Aufsichtsrat, dem er vorstand,
zurück. Vor zehn Jahren war er maßgeblich
an der Wiedergründung beteiligt.
Sein Rückzug habe mit der Neuorientierung
des Klubs nichts, aber auch gar nichts
zu tun, betonte er gestern. Vielmehr habe
er die Entscheidung schon vor längerer
Zeit getroffen.
Womit wir beim Kern wären: Mehmet
E. Göker. Der Unternehmer wird nicht
nur Vorsitzender sein, sondern auch maßgeblicher
Geldgeber. Schon in der Vergangenheit
war er als Sponsor der Löwen tätig,
stellte jährlich 300 000 Euro bereit.
Jetzt hat er angekündigt, eine Million
Euro zu zahlen. Damit verbunden sind grundlegende
Änderungen der Vereinspolitik. Klotzen
statt kleckern ist angesagt. Namhafte
Spieler sollen kommen, ein neuer, prominenter
Trainer (angedacht ist der ehemalige Eintracht-Coach
Horst Ehrmanntraut) und ein Manager. Bereits
ausgesucht ist Rüdiger Lamm (59).
Ein umtriebiger Macher. Der powert, polarisiert
und bei Bedarf auch mal seine gute Kinderstube
vermissen lässt. So herrschte Lamm
mal eine Journalistin an, sie könne
ihn mal da lecken, wo sie es am liebsten
habe. Unkooperativ zeigte er sich vor
einigen Tagen auch unserer Zeitung gegenüber,
als er die telefonische Bitte nach Antworten
auf Fragen zu seiner Zukunft beim KSV
unwirsch abwimmelte. Er liege in der Sonne
und sage nichts, teilte er mit und brach
das Gespräch ab.
Der 59-Jährige war früher als
Manager auch in Bielefeld, Offenbach und
zuletzt in Waldhof Mannheim tätig.
Sein Strickmuster: Er akquiriert relativ
viele Sponsoren aus dem Mittelstand, setzt
bei der Einkaufspolitik auf ältere,
gestandene Profis, und liebt das Risiko.
Letzteres wurde ihm denn nach Anfangserfolgen
auch mehrfach zum Verhängnis. In
Bielefeld, wo er einen Scherbenhaufen
hinterließ, wurde er beispielsweise
ebenso gefeuert wie in Offenbach.
Mit Kassel trat Lamm erstmals vor elf
Jahren in Kontakt, als er - von Bielefeld
aus - mit dem damaligen Regionalligisten
FC Hessen Kassel ein Leihgeschäft
einfädelte. Inhalt: Vier Arminenspieler,
unter ihnen Armin Eck, wurden für
eine Gesamtsumme von zwei Millionen DM
nach Kassel transferiert. Der FC erhielt
das Recht, das Geld in Raten nach und
nach abzutragen. Der damalige FC-Hessen-Chef
Horst Flöck (heute 70): „Ich
hatte nie das Gefühl, über den
Tisch gezogen zu werden." Lamm habe
sich eigentlich an alle Absprachen gehalten.
Ärger gab es allerdings, als der
klamme FC Hessen nicht mehr in der Lage
war, seine Zahlungsverpflichtungen einzuhalten.
Flöck diplomatisch: „Wir hatten
kritische Gespräche." Er sei
dabei aber immer oberhalb der Gürtellinie
geblieben. Letztlich habe Bielefeld einen
Großteil des Geldes abschreiben
müssen. Seitdem habe er niemals mehr
mit Lamm gesprochen.
Anders als Armin Eck (43). Der frühere
Profi ist heute Trainer, zurzeit aber
ohne Job. Er habe mit Lamm nur positive
Erfahrungen gemacht, meint er. Bis jetzt
sei der Kontakt nie abgerissen. Meist
gehe es um den Transfermarkt, also um
Spieler, an denen Lamm interessiert sei.
Letztmals während dessen Zeit als
Sportmanager des SV Waldhof Mannheim.
Dem jetzigen Aufsichtsrat des KSV Hessen
gehören folgende Personen an: Holger
Brück, Christian Kropf (Chef Kurhessische
Getränke), Karl-Heinz Bonnet (BMW,
Verkauf Automobile), Rolf Schwarz (Verleger
und Geschäftsführer des Druck-
und Verlagshauses Thiele und Schwarz)
und Dr. Michael Lacher (VW-Coaching-Chef).
Mit Ausnahme von Christian Kropf treten
alle übrigen Mitglieder nicht mehr
zur Wahl an. Hängt der Rückzug
mit der Neuausrichtung zusammen? Unklar,
weil Lacher und Bonnet gestern nicht zu
erreichen waren. Schwarz sagt, sein Ausscheiden
hänge damit nicht zusammen. Er habe
schon im vergangenen Jahr angekündigt,
sich zurückzuziehen.
Ein Wahlausschuss unter Leitung von Jochem
Weikert benennt Kandidaten, um die Lücken
zu füllen. Diese werden dann von
den Mitgliedern gewählt oder nicht.
Sind auch Personen aus dem Umfeld Gökers
dabei? Nein, sagt Weikert.
Nichtsdestotrotz rumort es hier und da
unter den Mitgliedern. So wollen Oliver
Zehe (38) und Tim Siebrecht, die seit
Jahren beim KSV u.a. für die Stadionzeitung
„Hessen-Löwe" zuständig
sind, ihren Ausweis zurückgeben,
wenn Göker zum Chef ernannt wird.
„Ich lehne seine risikoreiche Politik
ab, mag es eher solide", begründet
Zehe seinen Schritt.
Uli Brehme (HNA-Sportredaktion,
13.06.2008)