Nur mit 100 Prozent
Herz
Noch in der vergangenen
Woche klang die Sache ganz anders. Beim
Interview-Termin auf der Dachterrasse
des MEG-Firmensitzes in der Falderbaumstraße
sagte Mehmet Göker auf die Frage,
ob er Vorsitzender des KSV Hessen Kassel
werden wolle: "Nein, das ist nicht
mein Job." Und auf erneute Nachfrage:
"Die Führung sollen andere machen.
So sehe ich das zumindest heute. Wie es
in zwei Jahren ist, weiß ich nicht."
Seit Sonntagabend ist jetzt doch schon
alles anders. Der Fußball-Regionalligist,
gerade am erträumten Aufstieg in
die dritte Liga gescheitert, will den
Versicherungs-Unternehmer und Hauptsponsor
des Klubs auch im Verein in führender
Position sehen. Nach einer Sitzung von
Aufsichtsrat und Vorstand soll Göker
auf der Mitgliederversammlung am Montag,
den 16. Juni, als Mitglied des geschäftsführenden
Vorstandes vorgeschlagen werden. Da die
Mitglieder nur noch den Aufsichtsrat wählen
(siehe Hintergrund), würde das bedeuten:
Göker übernähme den Vorsitz
im Vorstand und damit die Nachfolge von
Jens Rose.
Vorausgesetzt natürlich, der MEG-Chef
stimmt zu. "Die Dinge haben sich
am Sonntag überschlagen", sagt
der 28-jährige. Und: "Der KSV
hat mich angesprochen, nicht ich den Verein.
Das muss klargestellt werden." Egal,
ob er denn wirklich nur gerufen wurde:
Göker will sich für seine Entscheidung
einige Tage Zeit nehmen, denn "ich
muss mich fragen, ob ich diese Zeit leisten
kann. Ich muss schließlich ein Unternehmen
führen. Wenn ich es mache, dann nur
mit 100 Prozent Herz und Verstand."
Der Hauptsponsor, der den Vertrag mit
den Löwen gerade um zwei Jahre verlängert
hat, will aber auch Lage und Perspektive
beim KSV auf Herz und Nieren prüfen.
Angefangen bei der Mannschaft auf und
neben dem Feld, bei bestehenden Finanzen
und Verträgen, und vor allem auch
bei den Möglichkeiten. Denn Göker
wäre nicht Göker, wenn ihm nicht
Großes vorschweben würde. "Die
Perspektive muss in den nächsten
fünf Jahren 2. Bundesliga und ein
Etat von 6 Millionen Euro sein."
Erste Gespräche mit Unternehmen der
Region und überregionalen Partnern
aus der Versicherungsbranche würden
derzeit geführt.
Für die kommende Saison allerdings
könne nur gelten: Stabilisieren in
der vierten Liga und dann den Angriff
starten. Und das möglichst mit einem
gestandenen Profi als Leitfigur auf dem
Platz. So wie Göker die Leitfigur
neben dem Platz sein soll. "Wir brauchen
einen Vorstand mit finanzstarkem Hintergrund
und großem Sportbewusstsein."
So begründet Jens Rose den Vorschlag
an die Mitglieder. "Nur mit einem
wie Göker können wir angreifen",
sagt Rose. Und: "Natürlich gibt
es Leute, die ein Problem damit haben
werden. Aber Göker hat viel für
diesen Verein getan." Zudem habe
sich bisher niemand zur Nachfolge gefunden,
obwohl er seinen Rückzug in den Aufsichtsrat
seit Langem angekündigt habe.
Dem möglichen Vorwurf, ein Hauptsponsor,
der zugleich Vorstandsvorsitzender ist,
könne nur schwer kontrolliert werden,
widersprechen beide energisch. "Dafür
ist der Aufsichtsrat da", sagt Rose.
Und Göker erklärt: "In
diesem Aufsichtsrat wird Jens Rose sitzen.
Eine bessere Kontrolle kann es kaum geben."
Frank Ziemke (HNA-Sportredaktion,
02.06.2008)