"Dauerhaft
kein Mittelmaß"
Der KSV Hessen Kassel
bestreitet am morgigen Samstag sein letztes
Saisonspiel in der Fußball-Regionalliga
gegen Wacker Burghausen (13.30 Uhr, Auestadion).
Wir sprachen mit dem Vorsitzenden Jens
Rose über die Gründe für
die verpasste Drittliga-Qualifikation
und die Planungen für die nächste
Saison in der Viertklassigkeit.
Herr Rose, nach dem verpassten
Saisonziel ist nun die Zeit gekommen für
die Fehleranalyse. Wie weit sind Sie schon?
Rose: Wir müssen klar erkennen,
dass unser Spielermaterial nicht ausgereicht
hat, um sich für die dritte Liga
zu qualifizieren. In der Vergangenheit
haben wir aus unseren bescheidenen finanziellen
Mitteln meist das Optimale herausgeholt.
Diesmal war das anders.
Warum?
Rose: Hauptfehler war sicherlich, dass
wir auf viele junge Spieler gesetzt haben,
ohne einen halbwegs erfahrenen Akteur
verpflichtet zu haben. Jetzt müssen
wir akzeptieren, dass uns genau solch
einer gefehlt hat.
Ist das als Kritik an Ex-Trainer
Matthias Hamann, an Manager Marc Arnold
oder als Selbstkritik zu verstehen?
Rose: Wir haben es neun Jahre so gehandhabt,
dass wir vom Vorstand bei der Zusammenstellung
des Kaders mitentschieden haben. Das war
diesmal anders. Matthias Hamann hatte
seine Vorstellungen, die wir akzeptiert
haben - auch wenn es natürlich ein
Risiko war, nur auf junge Spieler zu setzen,
die Last auf ihren Schultern zu verteilen
und auf einen kreativen Mittelfeldspieler
zu verzichten. Aber im Nachhinein ist
man immer schlauer.
Im Nachhinein: Hätten Sie
früher einschreiten müssen?
Rose: Ja.
Wann und wie?
Rose: Wir hätten spätestens
im Winter einen kreativen Mittelfeldspieler
verpflichten sollen. Denn wenn Sebastian
Busch in der Rückrunde unser kreativster
Mittelfeldspieler ist, dann kann irgendwas
nicht stimmen.
Stand eine Trainerentlassung
schon vor dem letzten Spiel unter Trainer
Hamann in Karlsruhe zur Disposition?
Rose: Es gab schon gewisse Spiele, nach
denen wir darüber nachdenken mussten.
Aber die Ergebnisse und die Tabellensituation
haben ja über weite Strecken gestimmt.
Und es gab immer wieder ein Aufflackern.
Danach aber ging es jeweils immer weiter
nach unten.
Aber warum haben Sie den Trainer
dann entlassen, als es im Prinzip schon
zu spät war?
Rose: Schon nach der ersten Halbzeit
gegen Karlsruhe war die Schonfrist vorbei.
Da hat man gesehen, dass gerade die Spieler
den Trainer komplett im Stich lassen,
auf die Matthias Hamann gesetzt hat. Da
mussten wir sofort handeln - auch wenn
ich Matthias Hamann nach wie vor für
einen starken Trainer halte.
Aus dieser Aussage ist auch zu
hören, dass Matthias Hamann auf die
falschen Spieler gesetzt hat. War es zum
Beispiel ein Fehler, Denis Berger zum
Kapitän zu machen?
Rose: Ohne ihm zu nahe zu treten, aber
Denis Berger hat dieses Amt sicher nicht
mit viel Leben ausgefüllt. Die Entscheidung
Matthias Hamanns war sicher nicht glücklich.
Hamanns Nachfolger Mirko Dickhaut
hat mit zwei Niederlagen begonnen. Ist
er nicht schon verbrannt, bevor er richtig
angefangen hat?
Rose: Mirko Dickhaut kann jetzt nicht
noch das System ändern. Er macht
seine Sache bisher sehr gut. Es gibt keinen
Anlass zur Kritik.
Hätte Marc Arnold lieber
noch ein Jahr spielen sollen, anstatt
Manager zu werden?
Rose: Vielleicht stellt er sich die Frage
auch. Aber er hat Ende der vergangenen
Saison schon gesagt, dass sein Körper
nicht mehr mitmacht.
Wie geht es denn weiter mit dem
Manager Arnold?
Rose: Er hat einen Vertrag bis zum 30.6.
Wie es dann weitergeht, darüber muss
der neue Vorstand entscheiden.
Aber muss ein Manager nicht jetzt
die wichtige Arbeit für die kommende
Saison erledigen?
Rose: Deshalb stelle ich mich ja jetzt
wieder ganz nach vorn. Ich will ihm nicht
zumuten, Entscheidungen zu treffen, wenn
seine eigene Zukunft nicht entschieden
ist.
Trotzdem klingt das alles eher
nach Abschied.
Rose: Die Einschnitte, die nun kommen
müssen, treffen ja nicht nur die
Spieler. Wir wissen einfach noch nicht,
wie es mit dem Managerposten weitergeht.
Und: Die Verlängerung des Vertrages
war ja auch an sportlichen Erfolg geknüpft.
Wie sieht es bei der Mannschaft
aus? Planen Sie einen kompletten Umbruch?
Rose: Bis zu zwei Drittel der Spieler
werden den Verein sicher verlassen.
Aber kann der angekündigte
Weg, jetzt nur auf die Region zu setzen,
Erfolg haben?
Rose: Das sind ja zwei Schritte. Bisher
weiß ich nicht, wie hoch der Etat
genau sein wird. Also suchen wir zuerst
die Spieler aus der Region mit Perspektive.
Und dann werden wir sicher noch was draufsetzen.
Auch einen Spieler mit Namen wie Mayer,
Chalaskiewicz oder Arnold.
Der angekündigte Etat von
rund 900 000 Euro lässt viele Fans
fürchten, dass der KSV im Mittelmaß
stecken bleibt.
Rose: Nach dem Vertragsabschluss mit
MEG gehe ich davon aus, dass wir bei 1,2
bis 1,3 Millionen landen. Es kann gut
sein, dass wir im ersten Jahr nur einen
vernünftigen Platz im Mittelfeld
anpeilen können.
Und was sagen Sie denen, die
dauerhaft Mittelmaß befürchten?
Rose: Manchmal muss man Umwege gehen,
wenn der direkte Weg nicht zu schaffen
ist. Aber dauerhaft werden wir kein Mittelmaß
bleiben.
Geben Sie im Nachhinein denen
Recht, die sagen, dass Sie vor der Saison
mehr Geld für Neuverpflichtungen
in die Hand hätten nehmen sollen
- Zitat: "So einfach wird es nie
wieder sein, sich für die dritte
Liga zu qualifizieren"?
Rose: Ich habe als Vorsitzender die Verantwortung
für den Verein und für die Mitglieder.
Dessen bin ich mir bewusst - und deshalb
kann ich nicht so handeln wie ein Unternehmer.
Und wenn ich die Entwicklung bei manchen
Regionalligisten sehen, die kurz vor der
Insolvenz stehen, dann bin ich über
unseren eingeschlagenen Weg sehr froh.
Für manche ging es in dieser Saison
nur darum, sich für die dritte Liga
zu qualifizieren oder pleite zu gehen.
Und selbst wenn einige der angeschlagenen
Vereine nächste Saison in der dritten
Liga spielen, werden sie weiter Probleme
haben. Die aber wollen wir vermeiden.
Wir wollen in Nordhessen weiter Fuß
fassen. Unsere Fragen resultierten auch
aus unserer Aktion, bei der unsere Leser
und Nutzer unseres Internetangebots Fragen
an den KSV-Präsidenten formulieren
konnten. Wir bedanken uns bei Volker Hungerland,
Klaus Richter, Wolfgang Harmuth und den
Internetnutzern Bernd Schneider, Matthias
Spirk, Uwe, Steffen, "Insider",
"Spoon", "S.K"., "Prickel1970,
"cui bono", "Bernd RWS
82" für die Mitarbeit.
HNA-Sportredaktion,
30.05.2008