"Ich habe
einfach Fußball gespielt"
Eigentlich wollte er
mit 37 aufhören, er schlug sogar
ein Angebot des VfB Stuttgart als zweiter
Torwart aus. Doch im Fußball kommt
es oft anders. Jetzt beendet Torwart Oliver
Adler mit 40 seine Karriere - am Samstag
im Auestadion mit seinem KSV Hessen Kassel
in der Regionalliga gegen Wacker Burghausen
(Anpfiff: 13.30 Uhr). Mit ihm geht ein
Typ, der nicht nur in Kassel beliebt ist.
Ein Rückblick und Ausblick in Stichpunkten.
Spätzünder
Oliver Adler absolvierte erst mit 29
Jahren sein erstes von 224 Spielen in
der zweiten Bundesliga - für Rot-Weiß
Oberhausen. Davor war er in der Oberliga
und in der Regionalliga aktiv, arbeitete
hauptberuflich zunächst als Stuckateur
auf dem Bau, später als Lagerist
bei den Stadtwerken Duisburg. Er sagt,
er habe sich alles erarbeiten müssen.
Als Torwart war es ihm immer wichtig,
die Nummer eins zu sein. Als Ersatzkeeper
in die Bundesliga zu wechseln, kam für
ihn nie infrage. Er ist mit dem Verlauf
seiner Karriere zufrieden: "Ich habe
einfach Fußball gespielt. Es hätte
schlechter laufen können."
Fußballgott
Die Anhänger von Rot-Weiß
Oberhausen nennen Oliver Adler noch heute
Fußballgott, auch die vom KSV Hessen
haben ihn in ihr Herz geschlossen. Als
das ZDF vor zwei Jahren Deutschlands beste
Fußballer wählen ließ,
landete Adler auf Platz 55 - noch vor
Kevin Kuranyi und Oliver Neuville. "Da
haben wohl alle Oberhausener und Kasseler
ordentlich mitgestimmt", sagt Adler.
Er schmunzelt darüber, sieht das
aber auch als "kleine Bestätigung
dafür, dass ich nicht völlig
daneben bin".
Familie
Seit 25 Jahren ist Adler mit Andrea zusammen,
seit 1991 sind die beiden verheiratet.
Sie haben zwei Kinder: Sein Sohn heißt
René (René Adler!), ist
16 Jahre, spielt aber zum Leidwesen seines
Vaters kein Fußball, auch wenn er
großer Anhänger von Rot-Weiß
Oberhausen ist. Tochter Celine ist neun.
Adler hat sie die vergangenen drei Jahre
selten gesehen, weil die Familie weiter
in Duisburg lebte. "Das sind drei
Jahre, die man in der Hinsicht verpasst
hat und die man nicht zurückbekommt."
Um nicht noch mehr zu verpassen, geht
er zurück nach Duisburg zur Familie.
Denn: "Sie gibt mir den Halt, wenn
es nicht läuft."
Rauchen
"Das mache ich, seit ich 19 bin",
erzählt Adler. "Heute wäre
ich froh, wenn ich nie damit angefangen
hätte." Weil er nicht damit
aufhören kann. Jetzt will er einen
Anlauf nehmen. Er glaubt, die Voraussetzungen
seien nun besser. Die Zigarette nach dem
Spiel fällt weg. Während seiner
Karriere gehörte sie dazu. "So
konnte ich in Ruhe abschalten."
Das Zitat
Oliver Adler gehört nicht zu den
Quasselstrippen. Ein Satz aber wird für
immer bleiben. Nach dem Aufstieg vor zwei
Jahren mit dem KSV in die Regionalliga
sagte er im Fernsehinterview: "Heute
knalle ich mich richtig weg." Auf
das Zitat wird er heute noch angesprochen.
"Das war vielleicht nicht vorbildlich.
Aber der Aufstieg war einfach unglaublich."
Dafür allein habe es sich gelohnt,
seine Karriere noch einmal zu verlängern.
40 Jahre
Adler macht sich nicht so viele Gedanken
über sein Alter. Er weiß aber
schon zu schätzen, dass er bis auf
einen Bandscheibenvorfall keine größeren
Verletzungen zu verzeichnen hat. Der Bandscheibenvorfall
ereignete sich vor sechs Jahren. Die Ärzte
wollten ihn operieren, doch Adler winkte
ab, machte Gymnastik und stand sechs Wochen
später wieder im Tor. In seinen drei
Jahren beim KSV fehlte er keine einzige
Minute, stand 96 Ligaspiele in Folge im
Tor.
Abschiede
Adler sagte zunächst ab, als er
vor knapp drei Jahren überraschend
den Anruf von KSV-Präsident Jens
Rose erhielt und die Frage im Raum stand,
ob er nach Kassel wechseln will. Vier
Wochen später probierte es Rose noch
einmal - Adler war umgestimmt. Er erklärte
sich bereit, auszuhelfen, nachdem sich
Stammtorwart Mirko Bitzer verletzt hatte.
Vor der Winterpause verabschiedete er
sich, weil er in Duisburg einen Job in
der Immobilienbranche annehmen wollte.
Doch der Plan zerschlug sich - Rose rief
ein drittes Mal an, und Adler kam ein
zweites Mal nach Kassel.
Nun verlässt er endgültig das
Tor - und auch den KSV. Am Samstag ist
Schluss - kurz vor halb vier. So richtig
begreifen kann er das noch nicht. Das
i-Tüpfelchen ist ihm verwehrt geblieben:
die Qualifikation zur dritten Liga. Adler
bedauert das, aber er hat sich damit abgefunden.
Kassel und "die netten Menschen hier"
wird er trotzdem in guter Erinnerung behalten.
Zukunft
Adler will den A-Trainerschein machen,
mehr Zeit mit der Familie in Duisburg
verbringen und wieder nach Kassel kommen:
zur Wehlheider Kirmes im August.
HNA-Sportredaktion,
29.05.2008