Eine Pleite,
ein Rausschmiss, ein Anfang
Die unglaubliche 1:6-Pleite
bei der zweiten Mannschaft des Bundesligisten
Karlsruher SC am Freitag hatte ganz schnelle
Folgen. Noch in derselben Nacht trennte
sich Fußball-Regionalligist KSV
Hessen Kassel von Trainer Matthias Hamann.
Am Samstag gab Vereinsboss Jens Rose die
Entscheidung bekannt. Hamanns Nachfolge
wird in den letzten drei Spielen der frühere
Profi und jetzige Trainer der zweiten
Mannschaft, Mirko Dickhaut, übernehmen.
Gestern trainierte Dickhaut
erstmals mit der Mannschaft. Ein Neuanfang?
Das Protokoll eines turbulenten Pfingstwochenendes
bei den Löwen:
Freitag, 20 Minuten nach dem 1:6-Debakel
Nur Erich Strobel ist noch da. Der Rest
der Mannschaft ist längst in der
Kabine. Strobel, der ehemalige Karlsruher,
spricht mit alten Freunden. Mit der Familie.
Zwischendurch geht sein Blick immer wieder
zurück auf den Rasen. 1:6 verloren.
Ein Debakel gegen die zweite Mannschaft
des Karlsruher SC. Eine Mannschaft, für
die die Saison gelaufen war. "Ich
kann das gar nicht realisieren",
sagt Strobel, "das ist einfach nur
peinlich. Katastrophal. So darf man sich
nicht präsentieren." 1:6 hat
seine Mannschaft verloren. War damit noch
gut bedient. Strobel, lange verletzt,
war spät eingewechselt worden. Er
sagt: "Selbst wenn es früh 0:2
steht, muss man eine Reaktion zeigen."
Freitag, 30 Minuten nach dem 1:6-Debakel
Matthias Hamann hat keine Erklärung.
"Sie werden viele Fragen haben",
sagt er, "aber ich habe leider darauf
keine Antworten." Da ist er noch
KSV-Trainer und auf der Suche nach Gründen
für den unfassbaren Auftritt seiner
Mannschaft. "Ich hatte nach dem Stuttgart-Spiel
schnell den Geist gespürt, dass die
Mannschaft es in Karlsruhe packen will.
Aber ich hätte alle elf auswechseln
können. Es hätte sich nichts
geändert. Wir können uns nur
bei allen Fans entschuldigen." Er
spricht vom schlimmsten Tag, seit er in
Kassel ist. Erklärt, dass mit Manager
Marc Arnold und dem Vorsitzenden Jens
Rose für Montag eine Krisensitzung
anberaumt ist. Konsequenzen? "Natürlich
kann es die nach so einem Spiel geben",
sagt Hamann.
Samstag, 9.05 Uhr, eine Pressemitteilung
Zu der Sitzung kommt es nicht mehr. Am
Samstag um 9.05 Uhr schickt KSV-Pressesprecher
Herbert Puhmann die Mail, in der die Entlassung
Hamanns bekannt gegeben wird. Mirko Dickhaut,
Trainer der zweiten Mannschaft, wird das
Team bis zum Saisonende betreuen.
Samstagmittag, am Telefon: Jens Rose
Der Vorsitzende, zu Sponsorengesprächen
unterwegs und deshalb nicht Zeuge der
Schmach von Karlsruhe, hatte Hamann am
späten Freitagabend telefonisch in
Kenntnis gesetzt. Jetzt begründet
er die Entlassung. "Meine Entscheidung
war im Grunde schon nach 20 Spielminuten
klar", sagt Rose. Sein Hauptvorwurf:
"Zwischen den Ankündigungen
und dem, was passiert, liegen Welten.
In der Zeitung lese ich, wir holen drei
Punkte - und dann kriegen wir das Fell
über die Ohren gezogen. Das hat mich
geärgert." Offenbar sei es Hamann
nicht mehr gelungen, sein Selbstbewusstsein
auf die Mannschaft zu übertragen.
Immer dann, wenn der Trainer versucht
habe, sie stark zu reden, hätten
die Spieler versagt.
Trotz der Entlassung betont Rose: "Hamann
ist ein guter Trainer. Jeder weiß
das. Allein seine Selbstsicherheit beim
Spiel in Frankfurt hat uns den Aufstieg
gebracht." Doch es sei nun einmal
so, dass der Trainer das schwächste
Glied in der Kette sei. Deshalb wurde
der Beschluss nach Absprache mit dem Aufsichtsrat
gefasst. Zum Abschluss sagt Rose: "Die
Spieler, auf die er gesetzt hat, haben
ihn im Stich gelassen." Vertragsgespräche
mit den Akteuren werden vorerst ausgesetzt.
Sonntag, 12 Uhr, Gespräch mit Hamann
Einen Tag lang wollte Matthias Hamann
seine Ruhe. Am Sonntag ist er bereit,
über seine Entlassung zu reden (siehe
Interview kommende Seite). Hamann ist
enttäuscht, aber auch Profi genug,
die Maßnahme zu verstehen. Einem
schlimmen Freitag ist für ihn ein
nervenaufreibender Samstag gefolgt. Motorschaden
auf der Autobahn, später eine Vollsperrung.
Die Fahrt an den Bodensee wurde zur Odyssee.
Erst am Abend, beim Klassikkonzert in
Bregenz, kam Hamann zur Ruhe.
Sonntag ging es weiter nach München
zur Familie. In der Woche will der scheidende
Trainer sich von seinen Spielern verabschieden,
den Umzug nach Köln vorbereiten.
Er hat jetzt Zeit, sich in aller Ruhe
um die Fortbildung zum Fußball-Lehrer
zu kümmern. Ob er in der vierten
Liga überhaupt für den KSV zur
Verfügung gestanden hätte? "Mein
Vertrag hätte sich nur beim Aufstieg
automatisch verlängert", sagt
Hamann. Weil ein Engagement in der Regionalliga
beim DFB nicht als das nötige Praktikum
für die Ausbildung gegolten hätte,
wäre der Verbleib bei den Löwen
ohnehin schwierig gewesen. Umgekehrt heißt
das für den KSV: Sollte noch ein
Wunder passieren, der Aufstieg geschafft
werden, verlängert sich Hamanns Vertrag
und eine Abfindung wird fällig.
Sonntagnachmittag, 2 Spielergebnisse
Die KSV-Reserve verliert das Landesliga-Spitzenspiel
in Vellmar 1:2. Zwei umstrittene Elfmeter
kurz vor Spielschluss lassen die Aufstiegshoffnungen
auch für die Zweite auf den Nullpunkt
sinken. In der Regionalliga besiegt Reutlingen
überraschend Spitzenreiter Ingolstadt.
Der Rückstand beträgt jetzt
vier Punkte. Das katastrophale Pfingstwochenende
ist perfekt.
Montag, am Telefon: Kapitän Denis
Berger
Berger steht hörbar unter dem Eindruck
der letzten Ereignisse. "Wenn der
Erfolg ausbleibt, muss der Vorstand handeln.
Aber ob das was bringt", fragt er.
Und stellt fest: "Am Trainer hat
es auf keinen Fall gelegen!" Unruhe
im Team habe es nicht gegeben. "Sicher
werden manche sauer, wenn sie nicht spielen.
Aber das ist normal. Ich bin mit Hamann
immer super zurechtgekommen", stellt
der Kapitän fest. Und wie ist die
1:6-Pleite zu erklären? "Keine
Ahnung. Vielleicht sind uns die englischen
Wochen nicht bekommen."
Rückblende, Freitag nach dem Spiel
Der Stadionsprecher in Karlsruhe hat seine
Arbeit erledigt. Mikrofon abgeschaltet.
Tasche gepackt. Beim Abschied sagt er:
"Ich war enttäuscht von Kassel.
Die Mannschaft hätte sich wenigstens
wehren können."
Frank Ziemke (HNA-Sportredaktion, 12.05.2008)