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Regionalliga Süd, Saison 2007/08
Presse

Eine Pleite, ein Rausschmiss, ein Anfang

Die unglaubliche 1:6-Pleite bei der zweiten Mannschaft des Bundesligisten Karlsruher SC am Freitag hatte ganz schnelle Folgen. Noch in derselben Nacht trennte sich Fußball-Regionalligist KSV Hessen Kassel von Trainer Matthias Hamann. Am Samstag gab Vereinsboss Jens Rose die Entscheidung bekannt. Hamanns Nachfolge wird in den letzten drei Spielen der frühere Profi und jetzige Trainer der zweiten Mannschaft, Mirko Dickhaut, übernehmen.

Gestern trainierte Dickhaut erstmals mit der Mannschaft. Ein Neuanfang? Das Protokoll eines turbulenten Pfingstwochenendes bei den Löwen:

Freitag, 20 Minuten nach dem 1:6-Debakel
Nur Erich Strobel ist noch da. Der Rest der Mannschaft ist längst in der Kabine. Strobel, der ehemalige Karlsruher, spricht mit alten Freunden. Mit der Familie. Zwischendurch geht sein Blick immer wieder zurück auf den Rasen. 1:6 verloren. Ein Debakel gegen die zweite Mannschaft des Karlsruher SC. Eine Mannschaft, für die die Saison gelaufen war. "Ich kann das gar nicht realisieren", sagt Strobel, "das ist einfach nur peinlich. Katastrophal. So darf man sich nicht präsentieren." 1:6 hat seine Mannschaft verloren. War damit noch gut bedient. Strobel, lange verletzt, war spät eingewechselt worden. Er sagt: "Selbst wenn es früh 0:2 steht, muss man eine Reaktion zeigen."

Freitag, 30 Minuten nach dem 1:6-Debakel
Matthias Hamann hat keine Erklärung. "Sie werden viele Fragen haben", sagt er, "aber ich habe leider darauf keine Antworten." Da ist er noch KSV-Trainer und auf der Suche nach Gründen für den unfassbaren Auftritt seiner Mannschaft. "Ich hatte nach dem Stuttgart-Spiel schnell den Geist gespürt, dass die Mannschaft es in Karlsruhe packen will. Aber ich hätte alle elf auswechseln können. Es hätte sich nichts geändert. Wir können uns nur bei allen Fans entschuldigen." Er spricht vom schlimmsten Tag, seit er in Kassel ist. Erklärt, dass mit Manager Marc Arnold und dem Vorsitzenden Jens Rose für Montag eine Krisensitzung anberaumt ist. Konsequenzen? "Natürlich kann es die nach so einem Spiel geben", sagt Hamann.

Samstag, 9.05 Uhr, eine Pressemitteilung
Zu der Sitzung kommt es nicht mehr. Am Samstag um 9.05 Uhr schickt KSV-Pressesprecher Herbert Puhmann die Mail, in der die Entlassung Hamanns bekannt gegeben wird. Mirko Dickhaut, Trainer der zweiten Mannschaft, wird das Team bis zum Saisonende betreuen.

Samstagmittag, am Telefon: Jens Rose
Der Vorsitzende, zu Sponsorengesprächen unterwegs und deshalb nicht Zeuge der Schmach von Karlsruhe, hatte Hamann am späten Freitagabend telefonisch in Kenntnis gesetzt. Jetzt begründet er die Entlassung. "Meine Entscheidung war im Grunde schon nach 20 Spielminuten klar", sagt Rose. Sein Hauptvorwurf: "Zwischen den Ankündigungen und dem, was passiert, liegen Welten. In der Zeitung lese ich, wir holen drei Punkte - und dann kriegen wir das Fell über die Ohren gezogen. Das hat mich geärgert." Offenbar sei es Hamann nicht mehr gelungen, sein Selbstbewusstsein auf die Mannschaft zu übertragen. Immer dann, wenn der Trainer versucht habe, sie stark zu reden, hätten die Spieler versagt.

Trotz der Entlassung betont Rose: "Hamann ist ein guter Trainer. Jeder weiß das. Allein seine Selbstsicherheit beim Spiel in Frankfurt hat uns den Aufstieg gebracht." Doch es sei nun einmal so, dass der Trainer das schwächste Glied in der Kette sei. Deshalb wurde der Beschluss nach Absprache mit dem Aufsichtsrat gefasst. Zum Abschluss sagt Rose: "Die Spieler, auf die er gesetzt hat, haben ihn im Stich gelassen." Vertragsgespräche mit den Akteuren werden vorerst ausgesetzt.

Sonntag, 12 Uhr, Gespräch mit Hamann
Einen Tag lang wollte Matthias Hamann seine Ruhe. Am Sonntag ist er bereit, über seine Entlassung zu reden (siehe Interview kommende Seite). Hamann ist enttäuscht, aber auch Profi genug, die Maßnahme zu verstehen. Einem schlimmen Freitag ist für ihn ein nervenaufreibender Samstag gefolgt. Motorschaden auf der Autobahn, später eine Vollsperrung. Die Fahrt an den Bodensee wurde zur Odyssee. Erst am Abend, beim Klassikkonzert in Bregenz, kam Hamann zur Ruhe.

Sonntag ging es weiter nach München zur Familie. In der Woche will der scheidende Trainer sich von seinen Spielern verabschieden, den Umzug nach Köln vorbereiten. Er hat jetzt Zeit, sich in aller Ruhe um die Fortbildung zum Fußball-Lehrer zu kümmern. Ob er in der vierten Liga überhaupt für den KSV zur Verfügung gestanden hätte? "Mein Vertrag hätte sich nur beim Aufstieg automatisch verlängert", sagt Hamann. Weil ein Engagement in der Regionalliga beim DFB nicht als das nötige Praktikum für die Ausbildung gegolten hätte, wäre der Verbleib bei den Löwen ohnehin schwierig gewesen. Umgekehrt heißt das für den KSV: Sollte noch ein Wunder passieren, der Aufstieg geschafft werden, verlängert sich Hamanns Vertrag und eine Abfindung wird fällig.

Sonntagnachmittag, 2 Spielergebnisse
Die KSV-Reserve verliert das Landesliga-Spitzenspiel in Vellmar 1:2. Zwei umstrittene Elfmeter kurz vor Spielschluss lassen die Aufstiegshoffnungen auch für die Zweite auf den Nullpunkt sinken. In der Regionalliga besiegt Reutlingen überraschend Spitzenreiter Ingolstadt. Der Rückstand beträgt jetzt vier Punkte. Das katastrophale Pfingstwochenende ist perfekt.

Montag, am Telefon: Kapitän Denis Berger
Berger steht hörbar unter dem Eindruck der letzten Ereignisse. "Wenn der Erfolg ausbleibt, muss der Vorstand handeln. Aber ob das was bringt", fragt er. Und stellt fest: "Am Trainer hat es auf keinen Fall gelegen!" Unruhe im Team habe es nicht gegeben. "Sicher werden manche sauer, wenn sie nicht spielen. Aber das ist normal. Ich bin mit Hamann immer super zurechtgekommen", stellt der Kapitän fest. Und wie ist die 1:6-Pleite zu erklären? "Keine Ahnung. Vielleicht sind uns die englischen Wochen nicht bekommen."

Rückblende, Freitag nach dem Spiel
Der Stadionsprecher in Karlsruhe hat seine Arbeit erledigt. Mikrofon abgeschaltet. Tasche gepackt. Beim Abschied sagt er: "Ich war enttäuscht von Kassel. Die Mannschaft hätte sich wenigstens wehren können."

Frank Ziemke (HNA-Sportredaktion, 12.05.2008)