HOME
News
Regionalliga
Verbandsliga
Vereinsbilanz
Hall of Fame
Spielerarchiv
Trainerarchiv
Saisonarchiv
Auestadion
Hessenlöwe
LINKS
IMPRESSUM

Regionalliga Süd, Saison 2007/08
Presse

Löwen entlassen Trainer Hamann

Die unglaubliche 1:6-Pleite bei der zweiten Mannschaft des Bundesligisten Karlsruher SC hat ganz schnelle Folgen. Am Tag danach gab Fußball-Regionalligist KSV Hessen Kassel die sofortige Trennung von Trainer Matthias Hamann bekannt. In den letzten drei Spielen wird der frühere Profi und jetzige Trainer der zweiten Mannschaft, Mirko Dickhaut, die Löwen betreuen. "Wir wollen uns wenigstens mit Anstand aus der Saison verabschieden", sagte Jens Rose heute gegenüber der HNA.

Der Vorsitzende, derzeit zu Sponsorengesprächen unterwegs und deshalb nicht Zeuge der Schmach von Karlsruhe, hatte Hamann am späten Freitag Abend telefonisch von seiner Entscheidung in Kenntnis gesetzt. Hamann habe gewohnt professionell und nach Außen gelassen reagiert, so Rose. Der 40jährige, seit 2005 KSV-Trainer, war heute telefonisch nicht zu erreichen. Er bestritt mit dem Team 99 Spiele und schaffte den Aufstieg in die Regionalliga.

Am Freitag jedoch musste auch Hamann hilflos mit ansehen, wie seine Spieler absolut wehrlos untergingen und wohl schon die Chance auf den Aufstieg in die Dritte Liga verspielten. Jens Rose war telefonisch während des Spiels informiert worden und erklärte: "Meine Entscheidung war im Grunde schon nach 20 Minuten klar." Sein Hauptvorwurf an Hamann: "Zwischen den Ankündigungen und dem, was dann passiert, liegen Welten. In der Zeitung lese ich, wir holen da drei Punkte - und dann kriegen wir das Fell über die Ohren gezogen. Das hat mich unheimlich geärgert." Offenbar sei es Hamann nicht mehr gelungen, sein Selbstbewusstsein auf die Mannschaft zu übertragen. Immer dann, wenn der Trainer versucht habe, sie stark zu reden, habe das Team versagt.

Trotz der Entlassung betont Rose aber: "Hamann ist ein guter Trainer. Jeder weiß das. Allein seine Selbstsicherheit damals beim Spiel in Frankfurt hat uns den Aufstieg gebracht." Doch es sein nun einmal so, dass der Trainer leider das schwächste Glied in der Kette sei. Deshalb wurde der Beschluss nach Absprache mit dem Aufsichtsrat gefasst.

Auf der Zielgeraden einer dramatischen Saison wurden Hamann vielleicht auch zwei andere Punkte zum Verhängnis. Zum einen natürlich die nie endende Diskussion um die taktische Ausrichtung der Mannschaft mit freiwilligem Verzicht auf einen Spielmacher. "Ich hätte gerne einen gesehen", sagt Rose dazu, "aber die Entscheidung hat der Trainer getroffen. Die haben wir so mitgetragen." Zum anderen gibt es mehrere Spieler, die mit Hamanns Art nicht mehr zurechtgekommen sind. Dazu sagt Rose: "Jeder Trainer hat Spieler, mit denen er zurecht kommt und welche, mit denen er nicht zurecht kommt." Und er sagt diesen Satz: "Die Spieler, auf die er gesetzt hat, haben ihn jetzt im Stich gelassen."

Deshalb wird es auch bis zum Saisonende keine Vertragsgespräche mit dem Kader geben. Am Montag um 15 Uhr wird die Mannschaft erstmals wieder zusammenkommen und unter Mirko Dickhaut trainieren. "Da können sie sich ein Beispiel an ihrer eigenen Reserve nehmen", sagt Rose, "die kämpft selbst dann noch, wenn sie nur noch acht Spieler auf dem Platz hat." Und die Spieler werden auch ihren Torhüter wiedertreffen. Oliver Adler hatte sich am Freitag geweigert, mit den Kollegen, die ihn so im Stich gelassen hatten, in einem Bus zu sitzen. Er nahm den Zug!

Frank Ziemke (HNA-Sportredaktion, 10.05.2008)

"Dieser letzte Tag gehört einfach dazu"

Der Anruf von Jens Rose kam am Freitagabend gegen halb zwölf. Wenige Stunden nach der 1:6-Pleite gegen Karlsruhes zweite Mannschaft erfuhr Matthias Hamann von seiner Entlassung als Trainer beim Regionalligisten KSV Hessen Kassel. Der 40-Jährige war überrascht, reagierte aber gewohnt professionell. Nach einem Tag "Verschnaufpause" stellte er sich unseren Fragen.

Herr Hamann, wie sehr hat Sie die Entlassung getroffen, die trotz der 1:6-Pleite überraschend schnell kam?

Hamann: Natürlich ist so eine Entscheidung hart. Im ersten Augenblick habe ich beim Gespräch mit Jens Rose gedacht: Was läuft denn jetzt ab? Der Anruf kam so um halb zwölf. Jens ist auch nicht sofort damit rausgerückt. Vielleicht wollte er es nicht so hart machen. Letztendlich war die Tendenz dann, dass der Verein ja nicht 10 bis 15 Spieler abmahnen kann. Also ist, das kann ich nachvollziehen, die Entlassung des Trainers der Impuls, der alle Spieler trifft.

Aber Sie waren trotzdem überrascht.

Hamann: Ja, ich habe damit nicht gerechnet. Aber wenn die Mannschaft sich in so einem Spiel so präsentiert wie wir beim 1:6, dann ...

... bleibt oft nur die Entlassung des Trainers.

Hamann: Wenn ich vorher ankündige, wir gewinnen da, und dann spielen wir 1:6, dann sieht das schlimm aus. Und am Ende bleibt: Ziel verfehlt ist Ziel verfehlt.

Dieses große Selbstvertrauen, die Art, wie Sie die Mannschaft stark geredet haben, galt lange als Ihre Stärke. Zum Schluss wurde Ihnen vorgeworfen, dass zwischen Ankündigung und Ergebnis eine zu große Diskrepanz lag. Nutzt sich Starkreden ab?

Hamann: Weiß ich nicht. Ich werde mich immer weiter vor meine Jungs stellen und sie verteidigen bis aufs Blut. Dass dann von Außen Druck kommt, wenn es nicht läuft, damit muss ich leben.

Gab es für Sie im Vorfeld der Partie irgendwelche Anzeichen, dass die Mannschaft so einbrechen würde?

Hamann: Überhaupt nicht. Ich habe nach dem Stuttgart-Spiel sofort den Eindruck gehabt, dass der Wille da ist, jetzt in Karlsruhe das Ruder herumzureißen. Deshalb habe ich mich auch sofort so weit aus dem Fenster gelehnt. Was dann passiert ist, ist ein Total-Blackout, den ich mir bis jetzt noch nicht erklären kann.

Der zweite Vorwurf, den Ihre Kritiker Ihnen machen, ist immer wieder der Verzicht auf den klassischen Spielmacher und die einfallslose Spielweise der Mannschaft.

Hamann: Ich habe nun mal auf das System mit zwei echten Flügelspielern und zwei kampf- und spielstarken Sechsern gesetzt. Dass vielleicht die Qualität fehlte, hatte auch finanzielle Gründe.

Sie haben also vor der Saison nicht die Spieler bekommen, die Sie wollten?

Hamann: Ich hätte gerne zwei, drei andere Leute gehabt. Aber der Vorstand hat klare Grenzen gesetzt. Also sind wir den Weg gegangen, uns Talente der Bundesligisten zu sichern. So haben wir uns in der Breite verstärkt. Aber in der Spitze fehlte leider eine gewisse Klasse. Das soll aber keine Kritik oder Ausrede sein. Ich habe diesen Weg mitgetragen. Und ich sage auch jetzt noch, dass die Mannschaft die Qualität hat. Ich traue ihr immer noch zu, die letzten drei Spiele zu gewinnen. Nur wenigen Mannschaften ist es in dieser Saison gelungen, uns zu schlagen. Das darf man nicht vergessen.

Aus der Mannschaft war ab und an Kritik zu hören, dass Sie die gerade nicht eingesetzten Spieler zu sehr links liegen lassen. Wie sehen Sie das?

Hamann: Diese Empfindlichkeit ist leider ein Problem im heutigen Profifußball. Wichtig sind zunächst mal die elf, die am Wochenende spielen. Ich kann nicht noch eine Stunde mit jedem Kaffee trinken gehen und ihm erklären, warum er nicht dabei ist. Dass einige sauer sind, wenn sie nicht spielen, ist aber logisch. Die Vorwürfe kann ich nicht verstehen. Ich habe trotzdem immer zu allen Spielern gestanden.

Jens Rose sagt, die Spieler hätten Sie im Stich gelassen. Empfinden Sie das auch so?

Hamann: Nein, das sehe ich nicht so. Ich werde mich in der Woche von allen Spielern verabschieden und ihnen danken.

Sie haben zu Jens Rose und dem KSV-Vorstand stets ein gutes und enges Verhältnis gehabt. Ist das jetzt zerstört?

Hamann: Auf keinen Fall. Es waren drei schöne Jahre. Wir haben tolle Erfolge gefeiert. Dieser letzte Tag, der gehört zu einem Trainerleben einfach dazu. Und auch zu einem Vorstand-Trainer-Verhältnis. Ich schätze Jens Rose und Holger Günter sehr. Ich bin sicher, dass wir immer in Kontakt bleiben werden.

Und wie geht es jetzt weiter?

Hamann: Ich werde nach Köln ziehen und dort ab 31. Mai meinen Fußball-Lehrer machen. Deshalb wird es sicher vorerst nichts mit einem neuen Verein. In der Zeit mache ich auch ein Praktikum beim FC Bayern.

Und arbeiten dann unter Jürgen Klinsmann?

Hamann: Ja, ich bin sehr gespannt, was ich von ihm lernen kann. Oder er von mir (lachend).

Frank Ziemke (HNA-Sportredaktion, 12.05.2008)