Löwen entlassen
Trainer Hamann
Die unglaubliche 1:6-Pleite
bei der zweiten Mannschaft des Bundesligisten
Karlsruher SC hat ganz schnelle Folgen.
Am Tag danach gab Fußball-Regionalligist
KSV Hessen Kassel die sofortige Trennung
von Trainer Matthias Hamann bekannt. In
den letzten drei Spielen wird der frühere
Profi und jetzige Trainer der zweiten
Mannschaft, Mirko Dickhaut, die Löwen
betreuen. "Wir wollen uns wenigstens
mit Anstand aus der Saison verabschieden",
sagte Jens Rose heute gegenüber der
HNA.
Der Vorsitzende, derzeit
zu Sponsorengesprächen unterwegs
und deshalb nicht Zeuge der Schmach von
Karlsruhe, hatte Hamann am späten
Freitag Abend telefonisch von seiner Entscheidung
in Kenntnis gesetzt. Hamann habe gewohnt
professionell und nach Außen gelassen
reagiert, so Rose. Der 40jährige,
seit 2005 KSV-Trainer, war heute telefonisch
nicht zu erreichen. Er bestritt mit dem
Team 99 Spiele und schaffte den Aufstieg
in die Regionalliga.
Am Freitag jedoch musste auch Hamann
hilflos mit ansehen, wie seine Spieler
absolut wehrlos untergingen und wohl schon
die Chance auf den Aufstieg in die Dritte
Liga verspielten. Jens Rose war telefonisch
während des Spiels informiert worden
und erklärte: "Meine Entscheidung
war im Grunde schon nach 20 Minuten klar."
Sein Hauptvorwurf an Hamann: "Zwischen
den Ankündigungen und dem, was dann
passiert, liegen Welten. In der Zeitung
lese ich, wir holen da drei Punkte - und
dann kriegen wir das Fell über die
Ohren gezogen. Das hat mich unheimlich
geärgert." Offenbar sei es Hamann
nicht mehr gelungen, sein Selbstbewusstsein
auf die Mannschaft zu übertragen.
Immer dann, wenn der Trainer versucht
habe, sie stark zu reden, habe das Team
versagt.
Trotz der Entlassung betont Rose aber:
"Hamann ist ein guter Trainer. Jeder
weiß das. Allein seine Selbstsicherheit
damals beim Spiel in Frankfurt hat uns
den Aufstieg gebracht." Doch es sein
nun einmal so, dass der Trainer leider
das schwächste Glied in der Kette
sei. Deshalb wurde der Beschluss nach
Absprache mit dem Aufsichtsrat gefasst.
Auf der Zielgeraden einer dramatischen
Saison wurden Hamann vielleicht auch zwei
andere Punkte zum Verhängnis. Zum
einen natürlich die nie endende Diskussion
um die taktische Ausrichtung der Mannschaft
mit freiwilligem Verzicht auf einen Spielmacher.
"Ich hätte gerne einen gesehen",
sagt Rose dazu, "aber die Entscheidung
hat der Trainer getroffen. Die haben wir
so mitgetragen." Zum anderen gibt
es mehrere Spieler, die mit Hamanns Art
nicht mehr zurechtgekommen sind. Dazu
sagt Rose: "Jeder Trainer hat Spieler,
mit denen er zurecht kommt und welche,
mit denen er nicht zurecht kommt."
Und er sagt diesen Satz: "Die Spieler,
auf die er gesetzt hat, haben ihn jetzt
im Stich gelassen."
Deshalb wird es auch bis zum Saisonende
keine Vertragsgespräche mit dem Kader
geben. Am Montag um 15 Uhr wird die Mannschaft
erstmals wieder zusammenkommen und unter
Mirko Dickhaut trainieren. "Da können
sie sich ein Beispiel an ihrer eigenen
Reserve nehmen", sagt Rose, "die
kämpft selbst dann noch, wenn sie
nur noch acht Spieler auf dem Platz hat."
Und die Spieler werden auch ihren Torhüter
wiedertreffen. Oliver Adler hatte sich
am Freitag geweigert, mit den Kollegen,
die ihn so im Stich gelassen hatten, in
einem Bus zu sitzen. Er nahm den Zug!
Frank Ziemke (HNA-Sportredaktion, 10.05.2008)
"Dieser letzte Tag gehört
einfach dazu"
Der Anruf von Jens Rose kam am Freitagabend
gegen halb zwölf. Wenige Stunden
nach der 1:6-Pleite gegen Karlsruhes zweite
Mannschaft erfuhr Matthias Hamann von
seiner Entlassung als Trainer beim Regionalligisten
KSV Hessen Kassel. Der 40-Jährige
war überrascht, reagierte aber gewohnt
professionell. Nach einem Tag "Verschnaufpause"
stellte er sich unseren Fragen.
Herr Hamann, wie sehr hat Sie
die Entlassung getroffen, die trotz der
1:6-Pleite überraschend schnell kam?
Hamann: Natürlich ist so eine Entscheidung
hart. Im ersten Augenblick habe ich beim
Gespräch mit Jens Rose gedacht: Was
läuft denn jetzt ab? Der Anruf kam
so um halb zwölf. Jens ist auch nicht
sofort damit rausgerückt. Vielleicht
wollte er es nicht so hart machen. Letztendlich
war die Tendenz dann, dass der Verein
ja nicht 10 bis 15 Spieler abmahnen kann.
Also ist, das kann ich nachvollziehen,
die Entlassung des Trainers der Impuls,
der alle Spieler trifft.
Aber Sie waren trotzdem überrascht.
Hamann: Ja, ich habe damit nicht gerechnet.
Aber wenn die Mannschaft sich in so einem
Spiel so präsentiert wie wir beim
1:6, dann ...
... bleibt oft nur die Entlassung
des Trainers.
Hamann: Wenn ich vorher ankündige,
wir gewinnen da, und dann spielen wir
1:6, dann sieht das schlimm aus. Und am
Ende bleibt: Ziel verfehlt ist Ziel verfehlt.
Dieses große Selbstvertrauen,
die Art, wie Sie die Mannschaft stark
geredet haben, galt lange als Ihre Stärke.
Zum Schluss wurde Ihnen vorgeworfen, dass
zwischen Ankündigung und Ergebnis
eine zu große Diskrepanz lag. Nutzt
sich Starkreden ab?
Hamann: Weiß ich nicht. Ich werde
mich immer weiter vor meine Jungs stellen
und sie verteidigen bis aufs Blut. Dass
dann von Außen Druck kommt, wenn
es nicht läuft, damit muss ich leben.
Gab es für Sie im Vorfeld
der Partie irgendwelche Anzeichen, dass
die Mannschaft so einbrechen würde?
Hamann: Überhaupt nicht. Ich habe
nach dem Stuttgart-Spiel sofort den Eindruck
gehabt, dass der Wille da ist, jetzt in
Karlsruhe das Ruder herumzureißen.
Deshalb habe ich mich auch sofort so weit
aus dem Fenster gelehnt. Was dann passiert
ist, ist ein Total-Blackout, den ich mir
bis jetzt noch nicht erklären kann.
Der zweite Vorwurf, den Ihre
Kritiker Ihnen machen, ist immer wieder
der Verzicht auf den klassischen Spielmacher
und die einfallslose Spielweise der Mannschaft.
Hamann: Ich habe nun mal auf das System
mit zwei echten Flügelspielern und
zwei kampf- und spielstarken Sechsern
gesetzt. Dass vielleicht die Qualität
fehlte, hatte auch finanzielle Gründe.
Sie haben also vor der Saison
nicht die Spieler bekommen, die Sie wollten?
Hamann: Ich hätte gerne zwei, drei
andere Leute gehabt. Aber der Vorstand
hat klare Grenzen gesetzt. Also sind wir
den Weg gegangen, uns Talente der Bundesligisten
zu sichern. So haben wir uns in der Breite
verstärkt. Aber in der Spitze fehlte
leider eine gewisse Klasse. Das soll aber
keine Kritik oder Ausrede sein. Ich habe
diesen Weg mitgetragen. Und ich sage auch
jetzt noch, dass die Mannschaft die Qualität
hat. Ich traue ihr immer noch zu, die
letzten drei Spiele zu gewinnen. Nur wenigen
Mannschaften ist es in dieser Saison gelungen,
uns zu schlagen. Das darf man nicht vergessen.
Aus der Mannschaft war ab und
an Kritik zu hören, dass Sie die
gerade nicht eingesetzten Spieler zu sehr
links liegen lassen. Wie sehen Sie das?
Hamann: Diese Empfindlichkeit ist leider
ein Problem im heutigen Profifußball.
Wichtig sind zunächst mal die elf,
die am Wochenende spielen. Ich kann nicht
noch eine Stunde mit jedem Kaffee trinken
gehen und ihm erklären, warum er
nicht dabei ist. Dass einige sauer sind,
wenn sie nicht spielen, ist aber logisch.
Die Vorwürfe kann ich nicht verstehen.
Ich habe trotzdem immer zu allen Spielern
gestanden.
Jens Rose sagt, die Spieler hätten
Sie im Stich gelassen. Empfinden Sie das
auch so?
Hamann: Nein, das sehe ich nicht so.
Ich werde mich in der Woche von allen
Spielern verabschieden und ihnen danken.
Sie haben zu Jens Rose und dem
KSV-Vorstand stets ein gutes und enges
Verhältnis gehabt. Ist das jetzt
zerstört?
Hamann: Auf keinen Fall. Es waren drei
schöne Jahre. Wir haben tolle Erfolge
gefeiert. Dieser letzte Tag, der gehört
zu einem Trainerleben einfach dazu. Und
auch zu einem Vorstand-Trainer-Verhältnis.
Ich schätze Jens Rose und Holger
Günter sehr. Ich bin sicher, dass
wir immer in Kontakt bleiben werden.
Und wie geht es jetzt weiter?
Hamann: Ich werde nach Köln ziehen
und dort ab 31. Mai meinen Fußball-Lehrer
machen. Deshalb wird es sicher vorerst
nichts mit einem neuen Verein. In der
Zeit mache ich auch ein Praktikum beim
FC Bayern.
Und arbeiten dann unter Jürgen
Klinsmann?
Hamann: Ja, ich bin sehr gespannt, was
ich von ihm lernen kann. Oder er von mir
(lachend).
Frank Ziemke (HNA-Sportredaktion, 12.05.2008)