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Regionalliga Süd, Saison 2007/08
Presse

"Wir nehmen die Spieler an die Kandare"

Der KSV Hessen Kassel bündelt die Kräfte für die entscheidene Phase der Saison. Im Interview mit unserer Zeitung forderte Trainer Matthias Hamann von seinen Spielern vollste Konzentration, um das große Ziel zu erreichen: die Qualifikation für die eingleisige dritte Liga.

Herr Hamann, Verfluchen Sie manchmal, dass Marc Arnold Manager des KSV Hessen Kassel geworden ist?

Hamann: Nein, wieso?

Weil er auf dem Platz fehlt.

Hamann: Nein. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, dass wir mit zwei Stürmern spielen. Vergangene Saison waren wir da etwas gebundener: Weil wir mit einem Spielmacher agiert haben, konnten wir meist nur mit einer Stürmer spielen. Natürlich sind Marc Arnolds Fähigkeiten unbestritten gewesen: seine Coolness, seine Standards.

Losgelöst von der Person Marc Arnold. Fehlt dem KSV derzeit nicht ein Spielmacher oder ein ganz erfahrener Mittelfeldspieler?

Hamann: So einen Spieler wollten wir ja haben vor der Saison. Es ist auch kein Geheimnis, dass wir mit Richard Dostalek in Verbindung gestanden haben, einem klasse Mann, der dann nach Siegen gegangen ist. Aber das war ein Problem des Geldes. Er hat gesagt, dass er zu uns kommt. Aber dann fährt er nach Siegen – und dort haben sie ihm das doppelte Gehalt angeboten.

Aber warum ist zur Winterpause nicht noch einmal ein Versuch gestartet worden, einen solchen Spieler zu verpflichten – einen wie Christian Mikolajczak zum Beispiel, der für den FSV Frankfurt das Spiel im Auestadion gemacht hat.

Hamann: Das ist ein finanzielles Problem. Wenn Sie zwei, drei Gehälter von Leitenden Angestellten bei Ihnen zusammenlegen, dann hätten wir auch einen Mikolajczak verpflichten können.

Sie haben Petrukhin geholt. Doch der hat erst einmal gespielt...

Hamann: Bis jetzt ist er eine Enttäuschung. Das weiß er selbst. Er weiß auch, dass seine Möglichkeiten begrenzt sind, sich jetzt noch zu präsentieren und zu empfehlen. Jedes Training ist für ihn ein Kampf ums berufliche Überleben.

Aber es war doch absehbar, dass er sich auch nach der Winterpause nicht wird durchsetzen können, oder?

Hamann: Bis zum Winter war die Situation noch nicht so, dass wir etwas auf der Position hätten machen müssen. Petrukhin hatte zunächst private Probleme, die sich gelegt haben. Von daher waren wir davon ausgegangen, dass er nach der Winterpause so weit ist, uns zu helfen. Aber er hat nach wie vor zu viele lethargische Momente.

Sie haben eben das Geld angesprochen. Der KSV ist ein schlafender Riese. Sind Sie enttäuscht, dass die großen Unternehmen nicht mehr Geld zur Verfügung stellen?

Hamann: Es hilft kein Lamentieren. Wir sind seit drei Jahren gewohnt, so zu arbeiten. Ich gebe mich zufrieden mit dem, was ich habe. Dass der KSV ein schlafender Riese ist, da besteht kein Zweifel. Aber wir haben ihn auch schon wieder ein bisschen erweckt. Jetzt steht er zumindest schon mal – wenn auch auf wackeligen Füßen. Damit er richtig gehen kann, brauchen wir noch mehr Sponsorengeld, noch mehr Fernseheinnahmen, noch mehr Zuschauereinnahmen. Aber dafür brauche wir in erster Linie die dritte Liga.

Wie wollen Sie die erreichen? Rein spielerisch scheint Ihr Team derzeit nicht reif dafür: Die Bälle werden immer hoch nach vorne gespielt, auch bei den Standardsituationen hapert es.

Hamann: Die Platzverhältnisse im Auestadion lassen einfach keinen geordneten Spielaufbau zu. Zwei, drei Direktpässe hintereinander sind dort nicht möglich. Wir haben unsere Heimspiele in den Monaten gewonnen, in denen der Rasen noch ganz gut war. Da haben wir auch kombiniert und gut gespielt. Aber das geht im Moment nicht. Wir können hier keine Mannschaft ausspielen. Im Gegenteil: Die Spieler setzen mit den langen Bällen genau das um, was ich als Marschroute vorgebe, weil wir eben um die miserablen Platzverhältnisse wissen. Hinzu kommt die Tabellensituation gepaart mit der Unsicherheit und dem Playoff-Charakter, den wir jetzt haben für den Rest der Saison. Wir sind uns bewusst: Die Spieler wissen, sie dürfen keine Fehler machen. Also hauen sie die Bälle nach vorne.

Ist die Mannschaft dem Druck der Situation gewachsen?

Hamann: Es werden derzeit unheimlich viele Dinge von außen in die Mannschaft hineingetragen. Die belasten natürlich die Jungen. Aber wir stehen hinter ihnen und nehmen ihnen den Druck.

Also stimmt es nicht, dass einige Spieler angeblich vor einem Spiel bis tief in die Nacht gefeiert haben?

Hamann: Die Jungs haben es uns in die Hand versprochen, dass an den Gerüchten nichts dran ist. Und wir glauben ihnen, wir vertrauen ihnen mehr als einem anonymen Hinweisgeber. Alles andere darf für sie nicht entscheidend sein: keine Fans, keine Zeitung, niemand. Aber natürlcih nehmen wir sie auch an die Kandare. Wir verlangen von ihnen, dass sie in den nächsten acht Wochen keinen Anlass geben, dass etwas fehlinterpretiert wird und jemand uns einen Strick daraus drehen könnte.

Sie führen die Sittenpolizei ein?

Hamann: Es gibt seit Wochen die Ansage, dass wir um 23 Uhr Zapfenstreich haben. Die Ansage ist generell. Nach dem Spiel kann das aber auch mal anders aussehen. Darüber hinaus schauen wir natürlich schon darauf, wie sich jeder in der Öffentlichkeit äußert. Es soll kein Presseboykott geben, aber es soll im Moment auch keine Homestory über die Spieler geben. Die Jungs sollen sich auf den Fußball konzentrieren.

Was macht Sie so optimistisch, dass der KSV ohne einen Sieg nach der Winterpause bisher, doch noch sein Ziel erreicht?

Hamann: Wir wissen, was wir können. In den vergangenen Spielen hat uns einfach auch das Quäntchen Glück gefehlt. Und wenn der Fußballgott in den vergangenen vier Wochen nicht bei uns war, dann hoffen wir, dass er in den restlichen zehn Spielen bei uns ist. Wir haben noch sechs Heimspiele plus vier Auswärtsspiele bei schlagbaren Gegnern.

Sie machen einen sehr lockeren Eindruck. Wie gehen Sie mit dem Druck um?

Hamann: Ich spüre keinen extremen Druck. Druck gibt es in jeder Liga. Wenn ich in der Bezirksliga spiele, gibt es denselben Druck wie in der Bundesliga. Den Druck macht man sich nämlich immer selbst. Ich will für mich gewinnen. Aber das ist nichts Außergewöhnliches.

Trotzdem: Wie entspannen Sie sich?

Hamann: Am Tag nach dem Spiel haben wir meistens frei, da schaue ich mir dann ein anderes Spiel an, oder ich gehe mit meiner Frau spazieren oder schön Essen.

Es steht auch für Sie viel auf dem Spiel. Was ist, wenn es mit der dritten Liga nicht klappen sollte? Verlassen Sie dann den KSV?

Hamann: Für mich gibt es nur zwei Instanzen, die über meinen Verbleib entscheiden können. Entweder Vorstand und Management sagen: Hamann, es geht nicht mehr. Oder ich selbst ziehe die Konsequenz. Über das Scheitern an der Qualifikation mache ich mir noch keine Gedanken. Ich weiß, was die Mannschaft kann, und sie ist gut genug für Platz zehn.

Aber gibt es einen persönlichen Plan B, wenn es mit der dritten Liga nicht klappen sollte?

Hamann: Zunächst einmal: Für die dritte Liga habe ich noch einen Vertrag, für die Regionalliga nicht. Dann wäre der Verein zunächst am Zug. Darüber mache ich mir aber noch keine Gedanken.

HNA-Sportredaktion, 02.04.2008