"Wir nehmen
die Spieler an die Kandare"
Der KSV Hessen Kassel
bündelt die Kräfte für
die entscheidene Phase der Saison. Im
Interview mit unserer Zeitung forderte
Trainer Matthias Hamann von seinen Spielern
vollste Konzentration, um das große
Ziel zu erreichen: die Qualifikation für
die eingleisige dritte Liga.
Herr Hamann, Verfluchen Sie manchmal,
dass Marc Arnold Manager des KSV Hessen
Kassel geworden ist?
Hamann: Nein, wieso?
Weil er auf dem Platz fehlt.
Hamann: Nein. Wir haben uns bewusst dafür
entschieden, dass wir mit zwei Stürmern
spielen. Vergangene Saison waren wir da
etwas gebundener: Weil wir mit einem Spielmacher
agiert haben, konnten wir meist nur mit
einer Stürmer spielen. Natürlich
sind Marc Arnolds Fähigkeiten unbestritten
gewesen: seine Coolness, seine Standards.
Losgelöst von der Person
Marc Arnold. Fehlt dem KSV derzeit nicht
ein Spielmacher oder ein ganz erfahrener
Mittelfeldspieler?
Hamann: So einen Spieler wollten wir
ja haben vor der Saison. Es ist auch kein
Geheimnis, dass wir mit Richard Dostalek
in Verbindung gestanden haben, einem klasse
Mann, der dann nach Siegen gegangen ist.
Aber das war ein Problem des Geldes. Er
hat gesagt, dass er zu uns kommt. Aber
dann fährt er nach Siegen –
und dort haben sie ihm das doppelte Gehalt
angeboten.
Aber warum ist zur Winterpause
nicht noch einmal ein Versuch gestartet
worden, einen solchen Spieler zu verpflichten
– einen wie Christian Mikolajczak
zum Beispiel, der für den FSV Frankfurt
das Spiel im Auestadion gemacht hat.
Hamann: Das ist ein finanzielles Problem.
Wenn Sie zwei, drei Gehälter von
Leitenden Angestellten bei Ihnen zusammenlegen,
dann hätten wir auch einen Mikolajczak
verpflichten können.
Sie haben Petrukhin geholt. Doch
der hat erst einmal gespielt...
Hamann: Bis jetzt ist er eine Enttäuschung.
Das weiß er selbst. Er weiß
auch, dass seine Möglichkeiten begrenzt
sind, sich jetzt noch zu präsentieren
und zu empfehlen. Jedes Training ist für
ihn ein Kampf ums berufliche Überleben.
Aber es war doch absehbar, dass
er sich auch nach der Winterpause nicht
wird durchsetzen können, oder?
Hamann: Bis zum Winter war die Situation
noch nicht so, dass wir etwas auf der
Position hätten machen müssen.
Petrukhin hatte zunächst private
Probleme, die sich gelegt haben. Von daher
waren wir davon ausgegangen, dass er nach
der Winterpause so weit ist, uns zu helfen.
Aber er hat nach wie vor zu viele lethargische
Momente.
Sie haben eben das Geld angesprochen.
Der KSV ist ein schlafender Riese. Sind
Sie enttäuscht, dass die großen
Unternehmen nicht mehr Geld zur Verfügung
stellen?
Hamann: Es hilft kein Lamentieren. Wir
sind seit drei Jahren gewohnt, so zu arbeiten.
Ich gebe mich zufrieden mit dem, was ich
habe. Dass der KSV ein schlafender Riese
ist, da besteht kein Zweifel. Aber wir
haben ihn auch schon wieder ein bisschen
erweckt. Jetzt steht er zumindest schon
mal – wenn auch auf wackeligen Füßen.
Damit er richtig gehen kann, brauchen
wir noch mehr Sponsorengeld, noch mehr
Fernseheinnahmen, noch mehr Zuschauereinnahmen.
Aber dafür brauche wir in erster
Linie die dritte Liga.
Wie wollen Sie die erreichen?
Rein spielerisch scheint Ihr Team derzeit
nicht reif dafür: Die Bälle
werden immer hoch nach vorne gespielt,
auch bei den Standardsituationen hapert
es.
Hamann: Die Platzverhältnisse im
Auestadion lassen einfach keinen geordneten
Spielaufbau zu. Zwei, drei Direktpässe
hintereinander sind dort nicht möglich.
Wir haben unsere Heimspiele in den Monaten
gewonnen, in denen der Rasen noch ganz
gut war. Da haben wir auch kombiniert
und gut gespielt. Aber das geht im Moment
nicht. Wir können hier keine Mannschaft
ausspielen. Im Gegenteil: Die Spieler
setzen mit den langen Bällen genau
das um, was ich als Marschroute vorgebe,
weil wir eben um die miserablen Platzverhältnisse
wissen. Hinzu kommt die Tabellensituation
gepaart mit der Unsicherheit und dem Playoff-Charakter,
den wir jetzt haben für den Rest
der Saison. Wir sind uns bewusst: Die
Spieler wissen, sie dürfen keine
Fehler machen. Also hauen sie die Bälle
nach vorne.
Ist die Mannschaft dem Druck
der Situation gewachsen?
Hamann: Es werden derzeit unheimlich
viele Dinge von außen in die Mannschaft
hineingetragen. Die belasten natürlich
die Jungen. Aber wir stehen hinter ihnen
und nehmen ihnen den Druck.
Also stimmt es nicht, dass einige
Spieler angeblich vor einem Spiel bis
tief in die Nacht gefeiert haben?
Hamann: Die Jungs haben es uns in die
Hand versprochen, dass an den Gerüchten
nichts dran ist. Und wir glauben ihnen,
wir vertrauen ihnen mehr als einem anonymen
Hinweisgeber. Alles andere darf für
sie nicht entscheidend sein: keine Fans,
keine Zeitung, niemand. Aber natürlcih
nehmen wir sie auch an die Kandare. Wir
verlangen von ihnen, dass sie in den nächsten
acht Wochen keinen Anlass geben, dass
etwas fehlinterpretiert wird und jemand
uns einen Strick daraus drehen könnte.
Sie führen die Sittenpolizei
ein?
Hamann: Es gibt seit Wochen die Ansage,
dass wir um 23 Uhr Zapfenstreich haben.
Die Ansage ist generell. Nach dem Spiel
kann das aber auch mal anders aussehen.
Darüber hinaus schauen wir natürlich
schon darauf, wie sich jeder in der Öffentlichkeit
äußert. Es soll kein Presseboykott
geben, aber es soll im Moment auch keine
Homestory über die Spieler geben.
Die Jungs sollen sich auf den Fußball
konzentrieren.
Was macht Sie so optimistisch,
dass der KSV ohne einen Sieg nach der
Winterpause bisher, doch noch sein Ziel
erreicht?
Hamann: Wir wissen, was wir können.
In den vergangenen Spielen hat uns einfach
auch das Quäntchen Glück gefehlt.
Und wenn der Fußballgott in den
vergangenen vier Wochen nicht bei uns
war, dann hoffen wir, dass er in den restlichen
zehn Spielen bei uns ist. Wir haben noch
sechs Heimspiele plus vier Auswärtsspiele
bei schlagbaren Gegnern.
Sie machen einen sehr lockeren
Eindruck. Wie gehen Sie mit dem Druck
um?
Hamann: Ich spüre keinen extremen
Druck. Druck gibt es in jeder Liga. Wenn
ich in der Bezirksliga spiele, gibt es
denselben Druck wie in der Bundesliga.
Den Druck macht man sich nämlich
immer selbst. Ich will für mich gewinnen.
Aber das ist nichts Außergewöhnliches.
Trotzdem: Wie entspannen Sie
sich?
Hamann: Am Tag nach dem Spiel haben wir
meistens frei, da schaue ich mir dann
ein anderes Spiel an, oder ich gehe mit
meiner Frau spazieren oder schön
Essen.
Es steht auch für Sie viel
auf dem Spiel. Was ist, wenn es mit der
dritten Liga nicht klappen sollte? Verlassen
Sie dann den KSV?
Hamann: Für mich gibt es nur zwei
Instanzen, die über meinen Verbleib
entscheiden können. Entweder Vorstand
und Management sagen: Hamann, es geht
nicht mehr. Oder ich selbst ziehe die
Konsequenz. Über das Scheitern an
der Qualifikation mache ich mir noch keine
Gedanken. Ich weiß, was die Mannschaft
kann, und sie ist gut genug für Platz
zehn.
Aber gibt es einen persönlichen
Plan B, wenn es mit der dritten Liga nicht
klappen sollte?
Hamann: Zunächst einmal: Für
die dritte Liga habe ich noch einen Vertrag,
für die Regionalliga nicht. Dann
wäre der Verein zunächst am
Zug. Darüber mache ich mir aber noch
keine Gedanken.
HNA-Sportredaktion, 02.04.2008