Die sechs Probleme
des KSV
Fußball-Regionalligist
KSV Hessen Kassel tritt seit Beendigung
der Winterpause in der Tabelle auf der
Stelle. Kein Sieg, Platz elf - und die
Sorgen in der Anhängerschaft wachsen,
dass die Löwen ihr Ziel, die Qualifikation
für die eingleisige Dritte Liga,
verfehlen könnten. Für Panik
ist es zu früh. Es sind nur drei
Punkte Rückstand, die Mannschaft
hat ihre Qualitäten oft genug bewiesen.
Trotzdem: Probleme sind nicht zu übersehen.
Die wichtigsten sechs nennen wir hier:
1. DAS REMIS-PROBLEM
Der KSV ist mit bisher
neun Unentschieden zwar nicht der Remis-König
der Regionalliga Süd. Dennoch: Drei
Unentschieden nach der Winterpause bringen
die Mannschaft von Trainer Matthias Hamann
nicht nur in der Tabelle kaum voran, sondern
sie verhindern auch die klare Sicht auf
die Situation. Unentschieden sind Helfer
beim Schönreden - erst recht, wenn
sie nach einem Rückstand erzielt
werden. Gegen 1860 München, gegen
den FSV Frankfurt und gegen die Stuttgarter
Kickers haben Verein, Fans und Medien
sagen können: immerhin, noch ein
Punkt! Doch der kann auch trügerisch
sein. Eine Niederlage rüttelt eher
wach, als es drei Unentschieden hintereinander
tun. Und: Das 1:1 gegen den Tabellenletzten
Oggersheim zuhause und nun das 1:1 gegen
die schwachen Kickers sind zwei Unentschieden
zu viel.
2. DAS ERSATZBANK-PROBLEM
Läuft es mal schlecht beim KSV,
ist keiner da, der über das gewisse
Etwas verfügt, auf den Platz kommt
und das Spiel an sich reißt. Trainer
Hamann verfügt über einen Stamm
von 18, 19 Spielern, die sich fast alle
auf demselben Niveau bewegen. Das ist
einerseits gut: Fällt einer aus,
schwächt das die Mannschaft kaum.
Andererseits ist es wiederum von Nachteil:
Der KSV ist berechenbar, ihm fehlt der
Mann, der den Unterschied ausmachen kann
in bestimmten Spielsituationen.
3. DAS ABWEHRPROBLEM
Das zugleich ein Rotationsproblem ist.
"Wir haben keine Idealformation",
sagt auch Matthias Hamann. Keine vier
Spieler eben, die das komplette Anforderungsprofil
erfüllen in Kopfball- und Zweikampfstärke,
Grundschnelligkeit und der Fähigkeit,
das Spiel nach der Balleroberung von hinten
aufzubauen. Aus diesem Grund muss der
Trainer seine Defensive immer wieder ändern
- angepasst an den Gegner oder die Form
der eigenen Akteure. Das klappt manchmal
gut, oft aber auch nicht: Der KSV stellt
mit mittlerweile 38 Gegentreffern die
zweitschlechteste Hintermannschaft der
Liga.
4. DAS MITTELFELD-PROBLEM
Es muss noch nicht einmal ein Regisseur
der klassischen Art wie Marc Arnold sein,
den der KSV gut gebrauchen könnte.
Was derzeit fehlt, ist ein erfahrener
Mann, der zur richtigen Zeit dazwischenhaut.
Ottmar Hitzfeld hat diesen Typ Spieler
Aggressivleader getauft. Mirko Dickhaut
war in der entscheidenden Phase der vergangenen
Saison so jemand, der auch mal ein taktisches
Foul begangen und sich im richtigen Moment
in das Angriffsspiel eingeschaltet hat.
Es kommt nicht von ungefähr, dass
er eines der wichtigsten Tore erzielt
hat. Derzeit kann niemand bei den Löwen
diese Position ausfüllen. Jan Fießer
ist noch nicht so weit, Arne Schmidt gehört
zwar zu den positiven Erscheinungen der
Saison, er ist aber noch zu brav. Und
Sebastian Busch fehlt das kreative Moment
nach vorne. So herrscht im KSV-Spiel oft
ein Mittelfeldvakuum.
5. DAS HAAS-BAUER-PROBLEM
Neuzugang Andreas Haas hat in seinen
ersten vier Spielen beim KSV überzeugt,
sogar schon drei Tore geschossen. Aber:
Seit er mitwirkt, ist das Angriffsspiel
der Löwen ein anderes: Torjäger
Thorsten Bauer fungiert mittlerweile in
erster Linie als Vorbereiter. Das macht
er gut, aber: Er fällt somit als
Vollstrecker aus, als Mann, der zuletzt
so oft den Unterschied machte. Solange
Haas trifft, ist das kein Problem. Gegen
die Stuttgarter Kickers hat er nicht getroffen.
Und natürlich stellt sich die Frage,
ob der KSV es sich leisten kann, den bisher
mit Abstand gefährlichsten Angreifer
der Liga aus der vordersten Front zu nehmen.
6. DAS DRUCK-PROBLEM
Denn dieser Druck ist da. Für den
Verein ist es ungeheuer wichtig, die Dritte
Liga zu erreichen. Höhere Aufmerksamkeit,
lukrative TV-Gelder, größerer
Stellenwert bei Sponsoren - es geht um
die Zukunft. Auch für die Spieler,
deren Verträge sich meist nur im
Aufstiegsfall automatisch verlängern.
Mit dieser Situation müssen vor allem
die vielen jungen Spieler erst einmal
fertig werden. Die nächsten Wochen
werden zeigen, ob sie dazu in der Lage
sind.
Florian Hagemann und Frank Ziemke (HNA-Sportredaktion,
25.03.2008)