Der kuriose Fall
Zinke
So viel steht fest: Sebastian
Zinke wird auch am kommenden Samstag beim
Spiel des Fußball-Regionalligisten
KSV Hessen Kassel gegen den FSV Frankfurt
fehlen. Der Grund: Nach seiner Roten Karte
im Hessenpokal vor eineinhalb Wochen beim
SV Bernbach ist der Verteidiger des KSV
weiterhin gesperrt. Aber genau diese Tatsache
sorgt für Unverständnis bei
den Löwen. Sie fühlen sich benachteiligt.
Aber warum? Der Hessische
Fußball-Verband hat Zinke für
seine Notbremse im Pokal bestraft - nicht
für die nächsten Pokalspiele,
sondern für die nächsten Pflichtspiele.
Und zu denen zählen auch die Meisterschaftsspiele
in der Regionalliga. "Nach unserer
Spielordnung ist das so. Wir mussten diese
Strafe so aussprechen und haben nichts
falsch gemacht", sagt Armin Keller
aus Mücke, der dem KSV die Sperre
Zinkes in seiner Eigenschaft als Klassenleiter
der Pokalrunde mitteilte.
Andere Landesverbände allerdings
handhaben das anders - beispielsweise
der Bayerische Fußball-Verband.
Der sperrt Spieler eines Regionalligisten,
die im Pokal vom Platz fliegen, nur für
anstehende Pokalpartien, nicht aber für
die Meisterschaft, wie Pressesprecher
Walter Brugger bestätigt.
Das führt zu einer kuriosen Situation:
Wäre Zinke nicht beim KSV aktiv,
sondern beispielsweise beim bayerischen
Regionalligisten Jahn Regensburg, dürfte
er trotz seines Platzverweises im Pokal
in der Liga wieder mitmischen - obwohl
Regensburg und Kassel ein- und derselben
Klasse angehören. "Wir wollen,
dass alle gleich behandelt werden",
sagt KSV-Manager Marc Arnold, der die
Situation schlichtweg als doof bezeichnet
- zumal sich bei seinen Bemühungen
um eine Aufhebung der Strafe für
Sebastian Zinke eine weitere Kuriosität
ergeben hat: Zinke ist für zwei Pflichtspiele
gesperrt. Darunter versteht Arnold auch
Begegnungen der KSV-Reserve, nicht aber
der Hessische Fußball-Verband. Der
gab Arnold zu verstehen: Ein Spiel der
Reserve dient nicht zur Reduzierung der
Pflichtspielsperre. Allerdings: Spielen
darf Zinke auch nicht in der Reserve.
Das hat ihm der Verband verboten. Zinke
ist ja gesperrt. "Das ist doch unsinnig",
sagt Arnold.
Rolf Hocke, Präsident des Hessischen
Fußball-Verbandes, verweist im Fall
Zinke ebenso wie Armin Keller auf die
Unterschiede der 21 Landesverbände
in Sachen Sportgerichtsbarkeit. Während
der Hessische Fußball-Verband bei
seiner Strafe nicht zwischen Meisterschaft
und Pokal unterscheide, täten das
andere Verbände. Im Fall Zinke habe
sich sein Verband zunächst beim Deutschen
Fußball-Bund erkundigt, ob nicht
er zuständig sei. Der Deutsche Fußball-Bund
verwies die Angelegenheit zurück
- insofern nahm der Hessische Fußball-Verband
seine Rechtsgrundlagen zum Maßstab.
Die Keller verteidigt. "Wann sollten
wir den Spieler sonst sperren?",
fragt er, "im Kreispokal der kommenden
Saison? Dann spielt er vielleicht für
einen anderen Verein."
Eine Änderung ist aber in Sicht.
Rolf Hocke erklärte, dass beim Hessischen
Fußball-Verband darüber nachgedacht
werde, die Regeln zu erneuern. Es liege
bereits an Antrag vor, der die Trennung
der Strafen für Pokal- und Meisterschaftsspiele
vorsähe.
Das sagt Adolf Hildebrandt
"Die Sperre von Sebastian Zinke
ist ein Fall, den wir so noch nicht hatten.
Das Problem ist, dass in Hessen das Thema
der Differenzierung zwischen Pokal- und
Serienspiel bisher nicht aufgegriffen
wurde. Wir reden bei Sperren leider immer
noch vom Pflichtspielbetrieb. Für
den KSV ist das jetzt zum Nachteil geworden.
Allerdings gibt es auch Fälle, in
denen es den Vereinen genutzt hat, indem
sie eine Sperre im Pokal praktisch weggespielt
haben, damit der Spieler in der Meisterschaft
wieder dabei sein konnte. Wir werden sicher
über Veränderungen reden müssen,
um in solchen Fällen anders reagieren
zu können."
Der Kasseler Adolf "Ady" Hildebrandt,
52, ist Vorsitzender des Verbandsgerichtes
im Hessischen Fußballverband.
Das sagt Sebastian Zinke
"Am vergangenen Samstag hat es noch
ganz gut gepasst mit der Sperre, weil
ich krank war und Antibiotika nehmen musste.
Aber jetzt trainiere ich wieder mit, und
gegen Frankfurt am nächsten Samstag
wäre ich wieder fit gewesen. Umso
ärgerlicher ist es, dass ich da immer
noch gesperrt bin. Darüber bin ich
sehr enttäuscht – zumal ich
immer davon ausgegangen bin, dass Pokal
und Meisterschaft zwei verschiedene Paar
Schuhe sind – und ich nur für
Pokalspiele gesperrt werden kann. Dass
es anders ist, habe ich erst hinterher
erfahren. Ich verstehe die Regelung nicht.
Für die Spieler der Regionalliga
sollten vielmehr auch einheitliche Regeln
gelten."
Florian Hagemann und Frank Ziemke (HNA-Sportredaktion,
04.03.2008)