Bauer macht die
100 voll
Zu den Ritualen des Thorsten
Bauer gehört es, sich vor einem jeden
Spiel im Kabinentrakt ein wenig warmzulaufen.
Er benutzt dazu keine Fußballschuhe,
sondern ganz normale Joggingschuhe. Vor
ein paar Wochen hat er die Marke gewechselt.
Und seitdem trifft er nicht mehr. Also
sagte sein Teamkollege Tobias Willers
vor dem so wichtigen Spiel des KSV Hessen
Kassel in der Fußball-Regionalliga
gegen die zweite Mannschaft des Karlsruher
SC, er solle es doch wieder mit den alten
Tretern probieren. Thorsten Bauer hörte
auf den Rat. Zufall oder nicht? Jetzt
trifft er wieder.
Und wie! Thorsten Bauer ist zurück
und somit der ganze KSV Hessen Kassel.
4:0 am Samstag vor 3700 Zuschauern, gefestigt
in der oberen Tabellenhälfte nach
zuletzt vier Spielen ohne Sieg. Es scheint,
als hätten die Kasseler den glücklosen
Oktober hinter sich gelassen und knüpften
nun an die erfolgreichen Monate davor
an. Der beste Beweis: Thorsten Bauer schießt
wieder das 1:0 in Heimspielen. Diesmal
dauerte es nur sieben Minuten. Der 30-Jährige
stand nach einer Ecke am langen Pfosten.
Der Ball flog durch den Strafraum, es
gab genügend Spieler, die hätten
köpfen können. Aber der Ball
wollte nur zu Thorsten Bauer - als ob
sich Minuspol und Pluspol aufeinanderzubewegten.
Bauer schob ganz locker ein und sagte
später: „Vielleicht habe ich
mit dem Alter einfach die Erfahrung und
weiß, wo ich stehen muss."
Er lief danach zu Tobias Willers und jubelte
mit seinem Tippgeber, der diesmal nur
auf der Bank saß. Irgendwann auf
dem Weg zu Willers dachte Bauer auch kurz
an sein Jubiläum, wie er nachher
erzählte: Das 1:0 war zugleich sein
100. Pflichtspieltor im Trikot des KSV
Hessen.
Er setzte noch einen drauf - in einer
Phase, in der die Löwen Chancen des
Gegners zuließen und ihren schwungvollen
Fußball zu Beginn einfach nicht
mehr praktizierten. Da kam Bauer in der
45. Minute gerade recht. Nach Denis Bergers
Flanke köpfte er den Ball mit Wucht
ins lange Eck: an die Unterkante der Latte
und schließlich ins Netz. Es ist
gut möglich, dass dieser Treffer
mal wieder in der Sportschau landet. Es
war einer der Marke „Tor der Woche"
- und einer der Marke „ganz wichtig".
Denn nach dem Seitenwechsel hat der KSV
nicht mehr viel zugelassen, wie auch Trainer
Matthias Hamann konstatierte. Spätestens
nach der vergebenen Kopfballchance von
Mathias Fetsch in der 60. Minute stellten
die Karlsruher ihre Bemühungen ein,
auch im achten Spiel in Folge ungeschlagen
zu bleiben. Sie überließen
einem ehemaligen Mitspieler die Rolle
des Hauptakteurs für das Finale:
Erich Strobel.
Gegen seinen alten Verein verdoppelte
der Stürmer seine Torausbeute in
dieser Saison auf vier. Es gehört
aber zu dem Phänomen Bauer, dass
nach dem 3:0 erneut fast alle mehr über
ihn redeten als über Strobel. Denn
Bauer legte seinem Sturmkollegen den Ball
in der 73. Minute mustergültig auf.
Strobel verriet nachher: „In der
Pause hat er das sogar angekündigt."
Nach dem 4:0 durch Erich Strobel in der
85. Minute waren die Treffer am Ende gerecht
verteilt unter den KSV-Angreifern. Die
Fans feierten nach dem Schlusspfiff beide
- und stellten fest: „Der KSV ist
wieder da!"
Florian Hagemann (HNA-Sportredaktion,
05.11.2007)