| Tore:
0:1 Duhnke (13.), 1:1 Cesar da Rosa (16.),
1:2 Schmitt (27., Foulelfmeter), 1:3 Burkhard
(31.), 2:3 Bauer (43.), 2:4 Duhnke (45.),
2:5 Schmitt (53.), 2:6 Ziegenbein (61.), 2:7
Holebas (66.), 2:8 Szukala (69.), 3:8 Bauer
(78., Foulelfmeter) - Gelbe Karte:
Schönewolf, Kümmerle, Busch
- Schiedsrichter:
Dr. Jochen Drees (Mainz) - Zuschauer:
5.554 |
| Der
Jubel der anderen
Als der Schiedsrichter
abpfiff und der Trainer aufs Spielfeld lief,
übergossen ihn die Spieler mit Sekt,
den sie an der Seitenlinie gebunkert und flugs
dort abgeholt hatten. Sie strahlten, sie jubelten,
sie umarmten sich. Sie hatten es geschafft.
Die Hände zum Himmel. Nur Oliver Adler
hatte ein anderes Ziel: die Kabine. Schnell
weg von diesem Ort. Denn es waren nicht seine
Jungs, die dort feierten. Sie gehörten
zum Gegner, zum zweiten Team des TSV 1860
München, das mit einem Sieg im Auestadion
gegen den KSV Hessen Kassel den Klassenerhalt
in der Fußball-Regionalliga schaffte.
Was Adler, den Torwart des
KSV, so sprachlos machte, war nicht der Triumph
des Kontrahenten an sich; es war vielmehr
die Höhe des Erfolges, die ihn in einen
Schockzustand versetzte: 8:3. In Worten: acht
zu drei. Anders ausgedrückt: Adler kassierte
an diesem Nachmittag mehr Gegentore als sein
Kollege aus San Marino am Abend gegen die
deutsche Nationalmannschaft. Das sind neue
Dimensionen für den 39-Jährigen.
Welch Debakel, welch Blamage
für den KSV an einem Tag, an dem die
Spieler mit den 5555 Fans den schon lange
sicheren Klassenerhalt feiern wollten. An
einem Tag, an dem solche Mannschaften wie
der KSV, die schon lange den Klassenerhalt
sicher haben, gegen Mannschaften wie den TSV
1860, die den Klassenerhalt noch lange nicht
sicher haben, ganz gerne mal verlieren, aber
nicht so dämlich wie die Kasseler. Nicht
so wehrlos. Nicht so, dass die anderen, die
den Klassenerhalt nun nicht mehr sichern,
von Wettbewerbsverzerrung sprechen können.
Nicht 3:8 eben.
Nicht alle waren wie Oliver
Adler ohne Worte nach der Partie, die eigentlich
ein nettes Spielchen zum Saisonende hätte
werden sollen, statt Harmonie aber nur Misstöne
brachte. "Ich schäme mich bis auf
die Knochen", sagte Thorsten Schönewolf,
der Kapitän. Und Thorsten Bauer, immerhin
noch zweifacher Torschütze, erklärte:
"Das war eine Katastrophe, was wir gespielt
haben. Einfach bitter." Nur Trainer Matthias
Hamann blieb gelassen, sprach von einem Einzelereignis
und bat, nicht zu vergessen, dass der KSV
sein Saisonziel sehr wohl erreicht habe: den
Klassenerhalt. Platz zehn. Eine tolle Sache.
Wäre da nicht dieses 3:8.
Kam das 2:4 zur Halbzeit
noch unglücklich zu Stande, so steuerte
der KSV nach dem Seitenwechsel eine gepflegte
Portion Gleichgültigkeit zum außergewöhnlichen
Erfolg der Gäste bei. So unbedrängt
zu Toren kamen Ralf Schmitt, Björn Ziegenbein,
Jose Holebas und Lukasz Szukala wohl zuletzt
im Kindergarten, als die Steppkes aus der
anderen Gruppe schon heulend an Mamas Rockzipfel
hingen, weil die anderen stärker waren.
Dass in den ersten 45 Minuten
der KSV in Ansätzen sogar Fußball
spielte und auch Bundesliga-Schiedsrichter
Dr. Jochen Drees seinen Anteil hatte an zwei
der vier Münchner Tore, war da schon
vergessen. Der Unparteiische pfiff vor dem
1:2 einen Elfmeter für 1860, der keiner
war, und vor dem 1:3 einen Freistoß,
der keiner war. Drees schaffte es somit zum
zwölftschlechtesten Mann auf dem Platz.
An die Leistung der KSV-Akteure
kam aber auch er nicht heran. Oliver Adler
schlich anschließend zwar wortlos von
dannen, kommentiert hatte er das Spiel dennoch:
Zwei Minuten nach dem 2:8 in der 69. Minute,
als die Hochrechnung für das Endergebnis
ein beängstigendes 3:11 ergab, ereignete
sich die Szene, die alles sagt: Als die Fans
Beifall klatschten, nachdem der Torwart einen
Ball gefangen hatte, drosch er ihn auf die
Tribüne - frei nach dem Schnauze-voll-Prinzip.
Die Saison hat für den KSV ein Spiel
zu lange gedauert. Den Gegner freute es.
Florian Hagemann
(HNA-Sportredaktion, 03.06.2007) |