Das Wunder von
Frankfurt
Jens Rose ist im Nostalgie-T-Shirt
da. „Das Wunder von Bern“
prangt auf der Brust des KSV-Vorsitzenden.
In der Brusttasche seiner Jacke steckt
ein Filzstift. „Den brauche ich
nach dem Spiel“, verkündet
Rose. Und hängte fast flehentlich
an: „Hoffentlich!“ 90 Minuten
sind es da noch bis zum Anpfiff. Der Bornheimer
Hang aber ist bereits jetzt ganz fest
in Kasseler Hand.
3000 Anhänger in Rot-Weiß.
Wann hat es einen vergleichbaren Aufmarsch
an Löwen-Fans zuletzt gegeben? „Hier
sind Leute, die habe ich noch nie oder
seit Jahren nicht gesehen“, sagt
Carsten Müller, Macher der KSV-Homepage
im Internet, begeistert. Auch frühere
Aktive haben den Weg an den Main gefunden.
Andi Mayer ist da. Aufgestiegen gerade
mit Wilhelmshaven. „Und nächstes
Jahr vielleicht in der Regionalliga gegen
Kassel. Das wär’s“, sagt
der einstige Publikumsliebling. Als seine
frühere Mannschaft zu den Klängen
des AC/DC-Songs „Hell’s Bells“
im Stadion aufläuft, bilden die 2000
Schlachtenbummler in der Kurve eine einzige
Wand in Rot und Weiß.
Die Stimmung ist sensationell. Sie wird
euphorisch, als Thorsten Bauer den KSV
um 16.21 Uhr an die Tabellenspitze schießt.
Sie steigert sich zur Ekstase, als Schiedsrichter
Viktora endlich abpfeift. Was jetzt passiert,
sorgt für Gänsehaut. Es ist
die endgültige Rückkehr des
KSV auf Deutschlands Fußball-Landkarte.
Von Mannschaft und Fans gefeiert im großen
Stil. Jens Rose tollt über den Rasen
wie ein kleiner Junge. Selbst DFB-Vizepräsident
Rolf Hocke ist vor seinen stürmischen
Umarmungen nicht sicher. Bei Manager Jörg
Schmidt fließen Tränen. Später
zündet er eine Zigarre an. Beruhigen,
genießen. Feiern.
Die Spieler präsentieren sich schnell
in roten T-Shirts. „3. Liga - Kassel
ist dabei“ steht da. Als die ersten
Jubelknäuel sich aufgelöst haben,
eilen sie in ihre Kurve. Es wird die große
Fußballparty. „Das ist ein
Traum“, jubelt Kapitän Thorsten
Schönewolf, „als Kasseler mit
Kassel aufsteigen. Einer der schönsten
Tage in meinem Leben.“ Christoph
Keim, der Abwehrrecke, bemerkt süffisant:
„Einmal in der Saison sollte man
oben stehen.“
Und das möglichst am letzten Tag.
Die Feiern nehmen einfach keine Ende.
Jens Rose stürmt immer noch über
den Rasen. „Was für ein Spiel.
Was für ein geiles Spiel“,
jubelt er unentwegt.
Marc Arnold benötigt inmitten des
Trubels eine kurze Ruhepause. Der Antreiber
im Kasseler Mittelfeld sitzt gedankenverloren
auf einer Werbebande. „Das ist es“,
sagt der frühere Profi, „dafür
spielen wir Fußball.“ Für
einen solchen Augenblick, der sich tief
eingraben wird in die Geschichte des in
den letzten Jahren so leidgeprüften
KSV. Ein Wunder? Auf dem T-Shirt des Vorsitzenden
in jedem Fall. Um 18 Uhr, als die Mannschaft
wieder in der Kabine ist, kommt der Filzstift
zum Einsatz. Alle unterschreiben. Bern
wird gestrichen. Jetzt steht da: „Das
Wunder von Frankfurt.“
Frank Ziemke (HNA-Sportredaktion,
27.05.2006)