Dreimal das Ziel
knapp verpasst
Da war sie plötzlich
wieder, die Fußballbegeisterung
in Kassel und Umgebung.
Mehrere Jahre lang hatte das Auestadion
Mitte der 70er-Jahre in der bundesdeutschen
Kickerszene lediglich die Rolle eines
Nebenschauplatzes inne. Die Löwen
als Hausherren waren drittklassig, spielten
eher durchwachsen. Folglich hielt sich
das Interesse auch in Grenzen.
Das änderte sich gegen Ende des
Jahrzehnts, als der Aufstieg nahte und
die nordhessischen Fans ihre alte Liebe
wieder neu entdeckten. 18000 pilgerten
in den Frühlingstagen 1980 in die
Arena zum Spiel gegen den damaligen Oberligarivalen
FSC Bergshausen, 16000 waren es, als der
KSV Baunatal im Auestadion zu Gast war.
Und nochmals knapp 10000 hatten den Weg
in die Arena gefunden, als der KSV am
3. Mai 1980 gegen den FCA Darmstadt sein
Meisterstück und damit den Aufstieg
in die damals noch zweigeteilte 2. Bundesliga
perfekt machte.
Eine ganze Region war im Fußballfieber.
Das hatte es seit 16 Jahren, also seit
der Aufstiegsrunde in die Bundesliga mit
KSV-Beteiligung nicht mehr gegeben. Das
heißt aber nicht, dass alles genau
so war, die Anfang der 60er-Jahre.
Konkret: Die Fan-Struktur hatte sich
im Lauf der Zeit verändert. Nicht
unbedingt zum Vorteil, denn Fußball
bedeutete immer häufiger auch Randale.
Der DFB baute vor, indem er die Vereine
zwang, in den Stadien Vorkehrungen dagegen
zu treffen. So auch im Auestadion. Käfige
für die Fanblocks entstanden auf
den Rängen hinter den Toren. Außerdem
wurde der gesamte Stehplatzbereich hin
zum Spielfeld mit einem zwei Meter hohen
Drahtzaun abgetrennt. Kosten: 180000 Mark.
Und erstmals gabs auch den Auftrag an
die Ordner, Fans am Eingang nach Wurfgeschossen
und Schlagstöcken und dergleichen
zu durchsuchen.
Die Löwen waren gerüstet,
es konnte losgehen. Und wie! Was vorher
an Spieltagen Ausnahme war, wurde Alltag:
Staus auf den Zu- und Abfahrtsstrecken,
völlig überlastete Parkplätze,
überfüllte Straßenbahnen,
lange Warteschlangen vor den Kassenhäuschen,
berittene Polizei vorm Stadion. Rund 10000
Fans sahen im Schnitt die Heimspiele des
KSV in der ersten Zweitligasaison. Das
Ende der Fahnenstange war aber noch nicht
erreicht.
Als Tabellenvierter der zweigleisigen
zweiten Liga qualifizierten sich die Löwen
1981 für den neuen eingleisigen Unterbau
der Bundesliga. Und damit hatte man in
der Folge auch die Hochkaräter zu
Gast: Schalke kam, Hertha, Nürnberg,
Offenbach und auch Hannover 96. Im Stadion
brodelte es trotz der Einzäunungen
sowie der Anwesenheit ganzer Hundertschaften
von Polizisten.
Und auch außerhalb der Arena gings
zuweilen kräftig zur Sache. Offenbacher
Fans wüteten im Oktober 1981 in der
Straßenbahn, Sitze und Neonröhren
gingen zu Bruch. Großkampftage bescherten
der Polizei in jener Zeit auch Fans von
Schalke, Hertha BSC und dem MSV Duisburg,
die nicht nur im und am Stadion randalierten,
sondern auch in der Kasseler Innenstadt
für Unruhe sorgten. Schlägereien
mit Verletzten gabs und in der Regel auch
immer wieder einige Festnahmen. Und zwar
hüben und drüben, denn auch
der KSV hatte inzwischen sein Hooligan-Problem.
Die Schattenseite des Fußballs.
Sportlich liefs bei den Löwen umso
besser. Sie siegten, insbesondere zu Hause,
und verpassten drei Mal in Folge als Vierter
den Aufstieg nur denkbar knapp. Nervenaufreibend
vor allem das Saisonfinale 1985. Bis zum
Anpfiff des letzten Spiels des KSV in
Nürnberg führten die Nordhessen
die Liga an. Dort gabs vor 57000 Zuschauern
eine 0:2-Niederlage mit der Folge, dass
sie auf den vierten Rang zurückfielen.
Dabei hätten die KSVer in jener
Saison schon am vorletzten in Auestadion
gegen Hannover 96 mit einem Sieg alles
klar machen können. 2:0 führten
sie damals vor 24000 Zuschauern und alles
freute sich in Nordhessen schon auf die
Bundesliga. Die 96er schlugen dann aber
noch vor der Pause zurück, erreichten
ein 2:2. Im Stadion wurde es fortan wieder
ruhiger. Die Löwen spielten sportlich
keine Rolle mehr, das Interesse sank.
1987 gings runter in die Oberliga, ein
Jahr später nochmals hoch. Allerdings
nur für die Dauer einer Spielzeit.
Damit war das Kapitel Profi-Fußball
in Kassel bis auf Weiteres beendet.
Von Ulrich Brehme / HNA-Kassel, 19. 07.
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