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Sie kennen den KSV nicht nur aus Ihrer Zeit als Trainer in Kassel Anfang der 90er. Wie stark schätzen Sie den KSV von heute ein?

Hans-Ulrich Thomale: Der KSV von heute ist nicht mit dem KSV aus den 80er Jahren zu vergleichen. Damals gab es Profifußball, was jetzt hier abläuft, ist reiner Amateurfußball. Und so muss man die Leistungen, die hier erbracht werden, einschätzen. Man darf in dieser Situation nicht den Fehler machen, die Erwartungen zu hoch zu schrauben, wofür die Voraussetzungen überhaupt nicht gegeben sind. In dem Moment, wo der KSV in die Regionalliga aufsteigt, wird es schon problematisch.

Was meinen Sie damit genau?

Hans-Ulrich Thomale: Das Umfeld des KSV, die Stadt und die Wirtschaft in dieser Region. Man muss jetzt Voraussetzungen schaffen, um auch den vielen Zuschauern des KSV gerecht zu werden. Dazu müssen natürlich erstklassige sportliche Leistungen her, aber um diese sportlichen Leistungen zu produzieren, braucht man gewisse Voraussetzungen. Und die sind in den letzten Erfolgsjahren des KSV nicht mitgewachsen. Der Verein ist viermal hintereinander aufgestiegen und musste irgendwann einmal an eine Grenze kommen. Diese Grenze ist jetzt erreicht und dem Verein ist nicht gedient, wenn man nun unrealistische Vorstellungen hat.

Was ist momentan realistisch?

Hans-Ulrich Thomale: Realistisch ist im Moment Oberliga-Fußball in Kassel. Wenn man aufsteigen will, muss man in der Liga darunter die Voraussetzungen für die nächst höhere Spielklasse schaffen. Der Abstieg von Darmstadt war zum Beispiel ein reiner Betriebsunfall, der nie hätte passieren dürfen. Die haben professionelle Strukturen und trainieren auch unter professionellen Verhältnissen. Das heißt, dass der Großteil der Spieler nichts anderes macht, außer Fußball zu spielen. Dort kann man sofort den Anspruch „Regionalliga“ erheben. Es ist löblich, dass Kassel in der Tabelle oben mit dabei ist, aber jetzt muss man sehen, was wirklich machbar ist.

Ist es somit für den KSV erst einmal besser, in der Oberliga zu bleiben?

Hans-Ulrich Thomale: Das habe ich damit nicht gesagt. Im Gegenteil: Wenn man die Chance auf den Aufstieg hat, muss man diese auch nutzen. Man muss dann aber auch wissen, auf was man sich einlässt. In der Regionalliga trifft man auf Mannschaften, die mit Bundesligaspielern gespickt sind und wo die wirtschaftlichen Voraussetzungen für ein Profitum gegeben sind. Mit diesen Mannschaften muss man sich dann auseinandersetzen. Wenn also Kassel aufsteigt, was ich den Fans, dem Verein und der Stadt gönnen würde, entsteht erst einmal eine große Euphorie, die aber schnell gebremst würde. Wem ist denn gedient, wenn der KSV aufsteigt und sofort wieder absteigt? Es gibt viele Vereine, die darauf nicht vorbereitet waren und dann in der Bedeutungslosigkeit verschwunden sind. Das ist allerdings kein Widerspruch zu meinem Ziel, in die Regionalliga aufzusteigen. Nur man muss dann realistisch beurteilen, zu was der Verein in der Lage ist.

Was fehlt in Kassel?

Hans-Ulrich Thomale: Zuerst einmal sind hier viele Leute am Werk, die in den letzten Jahren hervorragende Leistungen erbracht haben. Da muss ich an erster Stelle Holger Brück und den jetzigen Präsidenten Jens Rose nennen. Mein Gespräch mit Jens Rose war für mich der Anlass, den Trainerposten zu übernehmen und dem Verein meine Hilfe anzubieten. Er ist seriös und kompetent auf seinem Gebiet und begegnet einem offen und ehrlich. Nur kann man in der heutigen Zeit ohne Geld nichts machen. Man hat also nur eine Chance, wenn Wirtschaft da ist und seriös gearbeitet wird.

Zu Ihrem ersten Engagement beim KSV waren die wirtschaftlichen Verhältnisse in Kassel auch nicht unbedingt besser.

Hans-Ulrich Thomale: Man hat dann auch gesehen, wo es hingeführt hat. Im nachhinein habe ich erfahren, dass schon zu meiner damaligen Zeit beim KSV wenig Geld da war. Durch unsere Aufstiegsspiele zur 2. Bundesliga und durch das Erreichen des DFB-Pokal-Viertelfinals, kam zwar kurzfristig Geld rein, generell gab es aber nicht viel Geld. Zudem hat man sich die Jahre darauf noch finanziell übernommen, so dass der Verein in der Versenkung verschwunden ist. Das ist aber ein altes Kapitel. Jetzt kommt ein neues Kapitel und dabei gilt es, nach den vielen Erfolgen, ein Tableau für den nächsten Schritt zu ebnen. Aber da muss noch vieles getan werden.

Worin sehen Sie Ihre Aufgabe in diesem Entwicklungsprozess?

Hans-Ulrich Thomale: Ich möchte dem Verein helfen, das Optimale aus dieser Situation herauszuholen. Ich bin ein Mann, der hier wohnt, der hier schon mal gearbeitet hat, der vieles in der Welt gesehen hat und der realistisch einschätzen kann, was erreicht werden kann. Es kann aber keiner Wunder von mir erwarten. Wir sollten die gegenwärtige Situation realistisch - optimistisch sehen. Um die vorhandene sportliche Chance zu nutzen, muss die Mannschaft in jedem Spiel 110% Leistungsbereitschaft bringen, die Verantwortlichen und das Umfeld "optimales leisten" und vor allem unsere Fans die Mannschaft in schwierigen Phasen unterstützen. Es muss am Ende der Meisterschaft jeder Spieler, Trainer, Vereinsverantwortliche, die Leute im Umfeld, die Fans von sich sagen können, alles für unser hohes Ziel gegeben zu haben, nämlich den Traum eines Aufstieges zu verwirklichen.

Wie autoritär können Sie hier arbeiten?

Hans-Ulrich Thomale: Es ist die Eigenschaft eines guten Trainers, sich zunächst das Umfeld anzugucken, zu erkennen, was für ein Spielermaterial man hat und sich nicht schon im vornherein auf ein System festzulegen. Obwohl wir nur abends trainieren, arbeite ich praktisch den ganzen Tag für den KSV, in dem ich viele Einzelgespräche führe und mir somit viele Informationen hole. Zudem habe ich auch schon vieles gesehen. Am Ende muss dann natürlich nur einer das Sagen haben, da gibt es im Fußball keine Demokratie. Und da bin ich Trainer genug zu sagen: So wird es gemacht. Dafür trage ich dann auch die Verantwortung.

Welche Aufgaben hat Bernd Sturm?

Hans-Ulrich Thomale: Das weiß ich nicht, da müssen Sie den Verein fragen. Die Konstellation, die vorher da war, gibt es bei mir nicht.

Wie realistisch ist der sportliche Aufstieg?

Hans-Ulrich Thomale: Der KSV ist eigentlich nur wieder in die Lage gekommen über den Aufstieg nachzudenken, weil Darmstadt gepatzt hat. Hätten die nicht gepatzt, wäre der Abstand so groß, dass hier keiner mehr über den Aufstieg reden würde. Es ist auch einfach zu sagen, dass ein Spieler nicht gut genug ist. Man muss aber auch wissen, dass dieser Spieler bis 16 oder 17 Uhr arbeiten geht und danach trainiert. Da kann man nur ein gewisses Maß an Leistung erwarten, weil der Großteil der Spieler unserer Mannschaft Amateure sind und keine Profis. Somit liegt es nicht nur an den Spielern, sondern es ist umgedreht: die Voraussetzungen sind nicht so gut, um so erfolgreich zu sein, wie viele Zuschauer sich das vorstellen. Sie können sicher sein, dass sich hier im Verein jeder reinkniet, um das Traumziel Aufstieg zu erreichen und das muss man anerkennen.

Ihr Vertrag läuft bis Ende der Saison. Können Sie sich auch vorstellen, über die Saison hinaus beim KSV zu arbeiten?

Hans-Ulrich Thomale: Ich werde dem Verein Hilfe für vier Monate anbieten, alles andere ist zum jetzigen Zeitpunkt für mich nicht interessant. Es geht jetzt darum, aus dieser misslichen Situation optimal rauszukommen. Was später einmal sein könnte, werden wir dann sehen.

Sinnvolle Hilfe wäre es aber auch, Strategien für die Zukunft zu entwickeln.

Hans-Ulrich Thomale: Natürlich kann ich durch meine Erfahrung in verschiedenen Themen helfen. Ob ich aber zukünftig in einer hauptamtlichen Funktion arbeiten will, ist eine ganz andere Sache. Sicherlich ist nichts undenkbar, das ist aber nicht mein Hauptthema. Jetzt ist die Situation, dass sich die Mannschaft durch die Geschehnisse selbst unter Druck gesetzt hat. Ich sehe meine Aufgabe darin, das Beste aus der Situation zu machen und um die bestmögliche Platzierung zu kämpfen. Wir haben drei Punkte Abstand auf Darmstadt. Das kann mal mehr und mal weniger sein. Abgerechnet wird aber erst zum Schluss. Wenn das nicht so wäre, hätte die Mannschaft bei einem Abstand von 10 Punkten sagen können: Wir schaffen das eh nicht mehr. Es sind aber auch jetzt noch über 30 Punkte zu vergeben. Deswegen bin ich gegen dieses „himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt“. Der Weg nach oben verläuft nie gleichmäßig, sondern immer mit Höhen und Tiefen. Und deshalb muss man den Sieg genauso einordnen, wie die Niederlage. Wenn man das eine oder das andere überbewertet, kommt man nicht oben an.

Was raten Sie den Fans, die vor vollendete Tatsachen gestellt wurden?

Hans-Ulrich Thomale: Ich würde mir wünschen, dass die Fans trotz der ganzen Dinge, die hier in den letzten Wochen vorgefallen sind, zu dem Verein und zu der Mannschaft stehen. Wir müssen nach vorne schauen und erkennen, dass der Verein in jedem Falle eine sportliche Perspektive grundsätzlicher Art und jetzt auch kurzfristig hat, mit der man oben noch im Gespräch ist. Es ist in der Vergangenheit von den Verantwortlichen des Vereins, den Fans und den Sponsoren erstaunliches geleistet worden, so dass der KSV Hessen Kassel wieder so weit oben ist und diese große Chance hat. Dafür müssen wir alles tun und darum kämpfen. Dazu ist es erforderlich, dass jeder über sich hinauswächst, vor allen Dingen natürlich die Spieler und alle die unmittelbar mit der Mannschaft zu tun haben. Generell ist aber wichtig die Möglichkeiten des Vereins zu beleuchten, damit jeder weiß, was realistisch erreicht werden kann, so dass auch in Zukunft die richtigen Entscheidungen getroffen werden können.

Tim Siebrecht