Du bist schon
seit der Neugründung 1998 beim KSV
Hessen Kassel aktiv. Wie kam es dazu?
Jörg Schmidt:
Mein Vater wurde als Wirtschaftsprüfer
vom FC Hessen gefragt, ob er dem Verein
Hilfestellung in finanziellen Angelegenheiten
leisten kann. Über diesen Weg bin
ich dann auch zu Hessen Kassel gekommen.
Allerdings mussten wir feststellen, dass
der Verein massiv verschuldet war und
so haben wir ein Konzept entwickelt, wie
man Fußball in Kassel sportlich
und finanziell erfolgreich gestalten kann.
Somit bin ich bereits seit der Neugründung
beim KSV Hessen Kassel.
Was hat sich
in dieser Zeit für Dich geändert?
Jörg Schmidt:
Am Anfang war es noch Hobby, heute ist
es mein Beruf. Nebenberuflich könnte
ich den Aufgaben auch gar nicht mehr gerecht
werden, schon gar nicht jetzt, wo die
Planungen für die neue Saison laufen.
In dieser Phase gibt es für mich
eigentlich keine festen Arbeitszeiten
mehr, sondern ich arbeite rund um die
Uhr, auch am Wochenende. Natürlich
macht mir die Arbeit noch genauso viel
Spaß, wie am Anfang, damals hätte
ich aber nicht gedacht, dass es zu einer
so umfassenden Aufgabe wird.
War es nicht
abzusehen, dass der KSV diese Stellung
im hessischen Fußball einnehmen
würde?
Jörg Schmidt:
Das war unser Ziel, doch wir konnten damals
nicht wissen, wo wir nach sechs Jahren
wirklich stehen. Die Belastung wurde von
Liga zu Liga höher und es wurde auch
immer deutlicher, dass man den Verein
mit nur einer Vollzeitstelle nur schwer
führen kann. Die Mannschaft hinter
der Mannschaft muss personell weiter verstärkt
werden. Jetzt folgt der nächste Schritt,
denn in der Liga, wo der KSV Hessen Kassel
hingehört, müssen wir uns an
Vereinen mit professionellen Strukturen
messen. Beim KSV gab es spätestens
seit der Oberliga eine Kehrtwende, denn
bis dahin waren wir immer der Krösus
der Liga. Aus dieser Zeit weiß ich,
dass Erfolg planbar ist, wenn man in der
aktuellen Liga die Voraussetzungen für
die nächst höhere Liga schafft.
Allerdings sind wir jetzt an einem Punkt
angekommen, wo wir es uns nicht erlauben
können, sofort die finanziellen Strukturen
der Regionalliga einzuführen. Deshalb
kämpfen wir mit einem kleineren Etat
gegen Mannschaften, wie Darmstadt oder
Fulda an. Und wenn man mit diesem Wissen
beurteilt, was wir mit unseren begrenzten
Mitteln schaffen, muss man anerkennen,
das wir erfolgreiche Arbeit leisten.
Wie lautet Dein
Resümee über die Saison 2003/2004?
Jörg Schmidt:
Es war eine sehr erfolgreiche Saison.
Wenn wir das, was wir nun erreicht haben,
vor der Saison versprochen hätten,
wären wir als Träumer abgestempelt
worden. Nach den Abgängen von Mayer
und Breitenreiter haben wir den 39-Jährigen
Chalaskiewicz verpflichtet und wurden
nicht selten deswegen kritisiert. Die
selben Leute fordern heute aber, dass
wir Chala einen Dreijahresvertrag geben.
Wir haben eine Mannschaft aufgebaut, die
zu großen Teilen aus jungen Spielern
besteht. Das heißt, es ist eine
Mannschaft mit Zukunft. Wenn wir, egal
in welcher Liga, auch in meiner Tätigkeit,
eine Saison hinlegen, wo wir am Ende finanziell
plus minus Null rauskommen und über
80 Punkte holen, dann haben wir eine schöne
Zukunft vor uns, oder?
Vom Tabellenplatz
konnte sich der KSV im Vergleich zum letzten
Jahr nicht verbessern. Ist der Verein
trotzdem in seiner Entwicklung weiter?
Jörg Schmidt:
Wir konnten uns trotzdem sportlich verbessern,
denn wir haben wesentlich mehr Punkte
geholt, als letzte Saison und haben diesmal
bis zum Ende der Saison um den Aufstieg
gespielt. Jetzt versuchen wir es eben
im dritten Anlauf. Dabei ist ganz wichtig,
dass Uli Thomale für zwei Jahre unterschrieben
hat, denn das zeugt von Vertrauen und
der nötigen Geduld von beiden Seiten.
Das heißt, wir müssen auch
im nächsten Jahr noch nicht hoch,
aber wir wollen es natürlich.
... und wirtschaftlich?
Jörg Schmidt:
Der Etat und die Strukturen im Verein
sind gewachsen. Um aber den Quantensprung
vom Amateur- zum Profifußball zu
schaffen, muss jetzt auch ein Quantensprung
im Sponsoring kommen und da ist die regionale
Wirtschaft gefordert, ein Zeichen zu setzen.
Gewisse Schlüsselpositionen im Verein
müssen mit Profis besetzt werden,
damit wir unseren hohen Zielen gerecht
werden können. Mit Uli Thomale haben
wir nun einen Profi im Bereich Sport verpflichtet,
der schon auf Ebenen und in Strukturen
gearbeitet hat, wo der KSV Hessen Kassel
irgendwann einmal hinkommen will. Davon
kann unser Verein nur profitieren.
Die große
Sorge des Publikums ist nach wie vor,
dass der Verein wieder in finanzielle
Schwierigkeiten geraten könnte.
Jörg Schmidt:
Die Grundangst ist doch bei zwei Insolvenzen
in der Vergangenheit vollkommen klar und
nachvollziehbar. Wir können mit sauberer
Arbeit Jahr für Jahr ein Stück
dieser Sorgen nehmen. Außerdem haben
wir 1998 gewisse Mechanismen in die Satzung
eingebaut, damit so etwas nicht passieren
kann. So müssen Rechtsgeschäfte
in gewisser Größe vom Vorstand
und zusätzlich vom Aufsichtsrat abgesegnet
werden. Man hat somit nicht nur ein kontrollierendes
Organ, sondern auch ein steuerndes. Es
ist auch nicht mein Hauptaufgabengebiet
die Finanzen zu kontrollieren, sondern
die des geschäftsführenden Vorstands.
Meine Aufgabe als Manager ist die Organisation
des Spielbetriebs und die der Mannschaft.
Dazu gehören auch die Verhandlungen
mit den Spielern. So gibt mir der Vorstand
klare Budgetvorgaben, die ich zu erfüllen
habe. Das ist sicherlich keine ganz leichte
Aufgabe, wenn Spieler bei anderen Vereinen
mehr verdienen können. Der KSV hat
aber neben dem Finanziellen noch wesentlich
mehr zu bieten, wie zum Beispiel die sportliche
Perspektive, das Umfeld und die vielen
Zuschauer.
Bei den Zuschauerzahlen
kommt es immer wieder zu starken Schwankungen.
Wie bewertest Du das?
Jörg Schmidt:
Wir haben einen Stamm an Zuschauern, die
immer kommen, egal ob Kreisliga oder in
Zukunft Regionalliga. Das ist unsere Kernzielgruppe,
für die wir tätig sind und denen
wir gerecht werden wollen. Zudem gibt
es ein hohes Potential an Zuschauern in
Kassel, die vielleicht auch irgendwann
zu dieser Gruppe gehören, aber das
dauert noch. Deswegen schwankt die Zuschauerzahl
so stark, je nach Gegner oder Ergebnis.
Bei den Spitzenspielen oder den Derbys
gegen Baunatal sieht man aber, was noch
möglich ist, denn da kommen 5.000
bis 8.000 Zuschauer und das öffnet
dem KSV viele Möglichkeiten für
die Zukunft. Grundsätzlich bin ich
stolz, dass der KSV so viele Fans und
Zuschauer hat, denn dafür beneiden
uns viele andere Vereine.
Hat der KSV mit
dem verpassten Aufstieg auch die Chance
auf das Flutlicht verspielt?
Jörg Schmidt:
Das glaube ich nicht. Unser Oberbürgermeister
Georg Lewandowski kommt auch ins Stadion,
weil er Fan des KSV und zudem Mitglied
Nr. 1 ist. Wenn der KSV das Flutlicht
braucht, wird es kommen, die Zusage haben
wir. Obwohl ich natürlich auch der
Überzeugung bin, dass wir mehr Zuschauer
hätten, wenn es heißen würde,
der KSV spielt Freitag Abend unter Flutlicht.
Es wird aber kommen, auch wenn es sicherlich
in der nächsten Oberliga Saison noch
nicht so weit sein wird.
Es ist doch eine
interessante Sache, dass in Frankfurt
beim WM-Stadionbau mal eben sechs Millionen
Euro für die restlichen Kleiderhaken
fehlen, worüber kurze Zeit später
keiner mehr spricht. Beim Stadionausbau
in Kassel wird über die gleiche Summe
heute noch diskutiert.
Jörg Schmidt:
Eintracht Frankfurt ist bekannt als Geldvernichtungsmaschine.
Die haben damals 50 Millionen von Octagon
verballert und mir würden hier einige
Sachen einfallen, die man mit dieser Summe
machen könnte. Wir sind allerdings
weder in Frankfurt, noch in Darmstadt
und wollen es auch nicht sein. Wir sind
Kasseler in Kassel und müssen mit
Kasseler Verhältnissen erfolgreichen
und guten Fußball bieten. Ob das
gerecht ist oder nicht, spielt keine Rolle,
denn wenn alle an einem Strang ziehen,
ist in Kassel richtig viel möglich.
Was sind die
Planungen für die neue Saison?
Jörg Schmidt:
Wir werden erneut eine spielstarke Mannschaft
präsentieren, mit der wir um den
Aufstieg in die Regionalliga spielen werden.
Dabei wollen wir möglichst die besten
Spieler der Region unter Vertrag nehmen
und diese mit zwei bis drei überregionalen
Spielern mit Erfahrungen aus den höheren
Ligen verstärken. Mit dieser Zielsetzung
waren wir bisher sehr erfolgreich. Was
unsere Gegner dagegen zu bieten haben,
wird sich dann erst zeigen. Natürlich
schielt man schon ein wenig nach Eschborn,
Fulda und Frankfurt, doch grundsätzlich
müssen wir uns selbst erst einmal
aufstellen. Obwohl, mit Baunatal müssen
wir wohl auch ganz stark rechnen, denn
die haben zuletzt vollmundig angekündigt,
viele sehr gute Spieler zu holen ... :o)
Was erwartest
Du von der Jahreshauptversammlung am 09.07.2004?
Jörg Schmidt:
Ich erwarte gute und hitzige Diskussionen
und eine sachliche Wiederwahl von Jens
Rose als 1. Vorsitzenden. Er ist ein wichtiger
Mann, der den Verein weiter nach vorne
bringen kann.
Tim Siebrecht