Was macht eigentlich
Gerhard Grau?
Gerhard Grau: Ich bin
verheiratet und habe einen Sohn. Von Beruf
bin ich Gastwirt. 1984 bin ich in die
Gastronomie und habe die Diskothek „Jenseits
von Eden“ eröffnet. 8 Jahre
später habe ich eine Kneipe am Königsplatz
übernommen: „Treff am Kö“
an der Ecke zur Kölnischen Straße.
Wie sind ihre Erinnerungen an
den KSV Hessen Kassel?
Gerhard Grau: Natürlich
positiv. Ich habe die beste und schönste
Zeit beim KSV mitgemacht. Unter anderem
den Aufstieg von der Oberliga in die 2.
Bundesliga Süd in der Saison 1979/80.
Ein Jahr darauf wurde dann die eingleisige
2. Bundesliga gegründet, für
die wir uns qualifizieren mußten.
Es ging nach einem Punktesystem und wir
hatten als Aufsteiger aus der Oberliga
zu wenige Punkte. Somit mußten wir
unbedingt vierter werden, denn die ersten
vier Mannschaften waren automatisch für
die 2. Bundesliga qualifiziert. In dem
Jahr sind wir dann als Aufsteiger tatsächlich
vierter geworden und das war natürlich
sensationell. In der 2. Bundesliga hatten
wir dann immer viele Zuschauer. In den
darauffolgenden Jahren sind wir mehrmals
knapp daran gescheitert, in die 1. Bundesliga
aufzusteigen.
Insgesamt wurde der KSV Hessen
Kassel 3 mal hintereinander vierter in
der 2. Bundesliga. Also auch noch in der
Zeit nach Ihrem Abschied. Wie haben Sie
dies als Zuschauer weiterverfolgt?
Gerhard Grau: Ich kann
mich noch genau an das letzte Spiel des
KSV Hessen Kassel in beim 1. FC Nürnberg
erinnern, was 0:2 verloren wurde. Michael
Deuerling hatte noch die riesen Chance,
wo er nur von der Außenlinie den
Paß in die Mitte spielen mußte,
wo Helmut Hampl ganz alleine vorm leeren
Tor stand. Der Deuerling hat aber von
der Außenlinie versucht das Ding
selbst zu machen und hat den Torhüter
angeschossen. Das Spiel habe ich mir live
im Radio angehört und später
in der Sportschau angesehen.
An welches Spiel aus Ihrer Zeit
beim KSV Hessen Kassel erinnern Sie sich
spontan?
Gerhard Grau: Das 2:2
nach Verlängerung im DFB-Pokal gegen
Bayern München war eigentlich der
Höhepunkt für mich, was den
KSV betrifft. Ein anderes Spiel, an das
ich mich gerne erinnere, war in der Aufstiegssaison
1979/80. Wir haben gegen Hanau 93 gespielt,
bei denen Gyula Toth Trainer war. Ein
Jahr vorher war er noch beim KSV Trainer,
wurde aber rausgeschmissen und wechselte
nach Hanau. In diesem Spiel lagen wir
bis zur 77. Minute 0:2 zurück. In
der 80. Minute wurde bei uns dann Dieter
Greif eingewechselt und der machte in
der 85. das 1:2, in der 87. das 2:2 und
in der 90. schoss Klaus Zaczyk das 3.2.
Da stand das ganze Stadion Kopf und alle
haben noch 20 Minuten lang „KSV“
geschrieen. Ich erinnere mich aber auch
noch an das 4:4 im Derby gegen Darmstadt.
Die sind gerade aus der 1. Bundesliga
abgestiegen und spielten gegen uns in
der 2. Bundesliga im Auestadion. Der KSV
hat 2:0 geführt, dann stand es 2:2,
später hat Darmstadt sogar 4:2 geführt
und schließlich haben wir noch ein
4:4 vor 20.000 Zuschauern erreicht.
Zur Saison 1972/73 sind zu Hertha
BSC Berlin gewechselt und haben 6 Jahre
lang in der 1. Bundesliga gespielt. Wie
kam der Kontakt nach Berlin zustande?
Gerhard Grau: Wir hatten
in Kassel ein Freundschaftsspiel gegen
Hertha BSC und da ist Helmut Kronsbein,
der damalige Trainer von Berlin, auf Holger
Brück und mich aufmerksam geworden.
Er hat er uns noch einige male beobachten
lassen und dann kam das Angebot. Somit
sind Holger und ich nach Berlin gewechselt.
Was war Ihre beste Saison bei
Hertha BSC Berlin?
Gerhard Grau: Das war
1974/75. In dieser Saison sind wir Vizemeister
geworden, wo keiner mit gerechnet hat.
Das vorletzte Heimspiel haben wir gegen
Borussia M’gladbach 2:1 gewonnen.
Da hatten wir sogar noch die Chance Deutscher
Meister zu werden. Danach haben wir in
den letzten 6 Spielen zwei Auswärtsspiele
verloren und dadurch ist Gladbach Deutscher
Meister geworden. Im selben Jahr waren
wir auch im DFB-Pokal-Endspiel gegen den
1. FC Köln. Im ersten Spiel haben
wir nach Verlängerung 1:1 gespielt
und das zweite 0:1 verloren.
Haben Sie noch Kontakt nach
Berlin?
Gerhard Grau: In Berlin
mit Hanner Weiner und mit Michael Sziedat.
Der Hanner Weiner hat die Gaststätte
„Wolfgang Holst am Zoo“. Wenn
ich in Berlin bin, steige ich immer erst
am Bahnhof Zoo aus und gehe zum Hanner.
Hatten Sie noch andere Angebote
aus der Bundesliga?
Gerhard Grau: Als ich
nach Berlin gegangen bin, hatte ich noch
ein Angebot von Eintracht Frankfurt. Erich
Ribbeck war Trainer von Frankfurt und
wollte mich. Vom Finanziellen waren sich
beide Angebote gleich, ich habe mich aber
dann für Berlin entschieden, alleine
schon wegen der Stadt. Außerdem
ist Holger Brück mit nach Berlin
gewechselt und es war schon angenehm,
zu zweit in so eine Weltstadt zu ziehen.
Wir haben in Tempelhof gewohnt und hatten
unsere Wohnungen fast nebeneinander. Wir
sind auch zusammen zum Training und zu
den Spielen gefahren. Zu den Auswärtsspielen
sind wir immer geflogen, weil es da noch
die Mauer gab.
Es sind einige Spieler vom KSV
Hessen Kassel zu Eintracht Frankfurt gewechselt.
Gab es da noch nicht diese Nordhessen-Südhessen
Situation, wie jetzt?
Gerhard Grau: Nein,
das war damals noch nicht so der Fall.
Das ist erst in den letzten Jahren durch
die übertriebene Berichterstattung
im Fernsehen und Radio des Hessischen
Rundfunks immer mehr aufgekommen Wenn
heute ein Spieler des KSV nach Frankfurt
wechseln würde und kommt danach zurück
zum KSV, glaube ich schon, dass die Zuschauer
das nicht so leicht verzeihen würden.
Wie kam es, dass Sie 1978 zurück
zum KSV Hessen Kassel in die Oberliga
Hessen gewechselt sind?
Gerhard Grau: Mein Vertrag
ist in Berlin ausgelaufen. Es kam zudem
mit Kuno Klötzer ein neuer Trainer
und der hatte mit mir nichts mehr vor.
Als ich das Angebot vom KSV Hessen Kassel
bekam, bin zurückgewechselt. Ich
hatte zwar noch ein Angebot von Tennis
Borussia Berlin, die auch 2. Bundesliga
gespielt haben, aber irgendwie hat es
mich wieder zurückgezogen. Im Nachhinein
kann ich nur sagen, dass ich es richtig
gemacht habe.
In Kassel war Jörg Berger
für eine Saison Ihr Trainer. Was
denken Sie über ihn?
Gerhard Grau: Jörg
Berger ... was soll ich dazu sagen. Ich
habe bei Jörg Berger immer das Gefühl
gehabt, dass er zu den Spielern kein richtiges
Vertrauen hatte. Wäre in den Jahren
ein anderer Trainer da gewesen, wäre
der KSV Hessen Kassel in die 1. Bundesliga
aufgestiegen. Ich weiß auch, dass
ich mit dieser Meinung nicht alleine da
stehe. In dem Jahr 1984/85, wo ich schon
aufgehört habe, hat Jörg Berger
zu sehr an Michael Deuerling festgehalten.
Dafür hat er Helmut Hampl auf die
Bank gesetzt und nur hin und wieder eingesetzt.
Wenn Helmut mal gespielt hat, hat er auch
seine Tore gemacht. Jörg Berger hat
zu sehr auf die Jugend gesetzt und das
war meiner Meinung nach ein riesen Fehler
gewesen. Hätte er den Helmut Hampl
in der Saison 1984/85 von Anfang an spielen
lassen, wäre der KSV Hessen Kassel
in die 1. Bundesliga aufgestiegen.
War das auch der Grund für
seinen mysteriösen Rausschmiß?
Gerhard Grau: Ich weiß
nicht, wer damals alles beim KSV am Ruder
war. Ich kann mir aber durchaus vorstellen,
dass dies mit ein Grund war.
Was wäre gewesen, wenn
der KSV in die erste Bundesliga aufgestiegen
wäre?
Gerhard Grau: Es ist
schwer zu sagen, ob die Mannschaft das
Zeug gehabt hätte, um in der 1. Bundesliga
zu bleiben. Ich hätte es aber der
Region und vor allen Dingen den Zuschauern
gegönnt. Der KSV hatte immer treue
Zuschauer und hat sie auch heute noch
und ich hätte ihnen gewünscht,
dass sie hier auch mal 1. Bundesliga sehen.
Und wenn es nur ein Jahr gewesen wäre.
Heute sind die Erwartungen natürlich
etwas zurückgeschraubt. Das Ziel
wird die Regionalliga sein und mit Glück
vielleicht irgendwann einmal 2. Bundesliga.
Aus finanziellen Gründen dürfte
hier leider nicht mehr drin sein.
Wie haben sie die Zeit des KSV
Hessen Kassel nach Ihrer Karriere mitverfolgt?
Gerhard Grau: Nicht
so intensiv, wie das heute der Fall ist.
Damals habe ich erst einmal versucht mich
in meinem Beruf zu etablieren. Da war
mir meine Gastwirtschaft wichtiger. Heute
nehme ich mir einfach die Zeit und gehe
oft ins Stadion. Bei den letzten beiden
Spielen gegen den FSV Frankfurt und den
KSV Baunatal war ich im Stadion. Ich bin
immer noch mit Herzen beim KSV Hessen
Kassel. Wenn ich ins Auestadion gehe,
freut es mich, dass der KSV immer noch
so viele Zuschauer hat. Die Atmosphäre
kommt mit den Zuschauern. Wir hatten damals
in der 2. Bundesliga 10.000 Zuschauer
im Schnitt. Da ist natürlich noch
mehr Power dahinter.
Wie bewerten Sie die heutige
Mannschaft des KSV Hessen Kassel?
Gerhard Grau: Bei den
ersten beiden Heimspielen, die unentschieden
ausgegangen sind, fehlte ein wenig die
Cleverness und Routine. Die beiden Spiele
hätten sie eigentlich gewinnen müssen.
Als wir damals in die Bundesliga aufgestiegen
sind, haben wir eine ältere Mannschaft
mit viel Routine gehabt. Es kann schon
sein, dass gerade die jüngeren Spieler
vor dieser Kulisse im Auestadion nervös
werden. Das Publikum in Kassel ist sehr
fanatisch und wenn die Fans enttäuscht
sind, fangen die auch schnell an zu pfeifen.
Das kann einen Heimkomplex auslösen,
der die Spieler im Auestadion unter Druck
setzt, unbedingt gewinnen zu müssen.
Da fehlt der jetzigen Mannschaft ein Spieler,
der die anderen mitreißt. Bei uns
haben Klaus Zaczyk, Hans Wulf, Walter
Horch oder auch ich den Mund aufgemacht
und gesagt „jetzt wird mal Gas gegeben“.
Ich glaube es wird heute zu wenig untereinander
geredet.
Wie seid ihr damals mit dem
Zuschauerdruck umgegangen?
Gerhard Grau: Wir hatten
es einfacher, weil wir in die 2. Bundesliga
aufgestiegen sind, womit eigentlich keiner
gerechnet hat. Von daher konnten wir locker
aufspielen. Der Zuschauer in Kassel ist
schnell zu begeistern und das wissen die
Jungs auch. Wenn im Auestadion Leistung
gebracht wird, steht das Publikum voll
hinter der Mannschaft. Der Ansporn ist
da. Da ist auch jetzt der Hebel anzusetzen,
denn der KSV spielt im Moment, rein vom
Ergebnis, auswärts besser, als zu
Hause. Das ist jetzt die Aufgabe von Thomas
Freudenstein, der selbst auch ein sehr
guter Fußballer war und viel Erfahrung
hat.
Tim Siebrecht