Seit neun Spielen
bist Du nun Trainer des KSV Hessen Kassel
und hast mit sieben Siegen, zwei Unentschieden
und einer Tordifferenz von 25:5 eine sehr
gute Bilanz mit der Mannschaft erreicht.
Wie lautet Dein persönliches Fazit?
Thomas Freudenstein:
Ich habe schnell erkannt, dass
ein großes Offensiv-Potential in
der Mannschaft steckt, so dass ich auch
das spielen lassen konnte, was am attraktivsten
ist. Und das ist nun mal der offensive
Fußball. Ab dem dritten Spiel hat
sich das dann auch in Toren nieder-geschlagen.
Zudem hatte ich das Glück mit Spielern,
wie Andreas Mayer und Andre Breitenreiter
zu arbeiten, die offensiv ihre Qualitäten
haben, aber auch ein hohes Maß an
Disziplin in der Ballerkämpfung.
Somit konnte ich ohne Probleme mit vier
oder fünf Offensivfußballern
spielen, ohne dass ich Angst haben musste,
dass hinten etwas anbrennt.
Ist die Position als Trainer
Deine berufliche Perspektive für
die Zukunft?
Thomas Freudenstein: Da
ich ja jetzt für die nächste
Saison beim KSV unterschrieben habe und
das auch hauptberuflich mache, ist das
auch für die nahe Zukunft meine Perspektive.
Ich werde dafür auch die Trainerscheine
nachmachen. Im Moment ist es allerdings
schwer kurzfristig Termine für die
Trainerlehrgänge des DFB zu bekommen.
Zudem ist eine ganz neue Staffelung mit
dem C-Schein, dann B-Schein und dann A-Schein
dazugekommen, so dass ich erst noch ein
paar Rückfragen an den Hessischen
Fußballverband habe. Vielleicht
kann ich auch gleich mit dem B-Schein
beginnen. Ideal wäre das natürlich
in der Winterpause.
Gab es während Deiner Zeit
als Spieler einen Trainer, der Dich besonders
beeindruckt hat und von dem Du etwas für
Dein Training übernommen hast?
Thomas Freudenstein: Ich
habe von jedem Trainer etwas übernommen.
Entweder das Positive rausgeholt oder
das Negative weggestrichen. Manchmal hat
man auch persönliche Probleme mit
einem Trainer, wie bei mir in meiner Zeit
bei Hertha BSC Berlin mit dem Trainer
Werner Fuchs. Da würde ich aber nicht
sagen, dass er ein schlechter Trainer
war. Ich habe auch über zwei Jahre
in Kassel mit Jörg Berger gearbeitet.
Von ihm habe ich gelernt, dass man bei
aller Offensivbewegung nicht die Grundordnung
verlieren darf. Die gute Offensive beginnt
mit einer geordneten Defensive. Man muss
die Räume so belaufen, dass man einen
Ball, der abgewehrt wird, gleich wieder
in seinen eigenen Reihen hat. Allerdings
sollte dieses Spiel auch nicht zu statisch
sein. Ich möchte nach vorne eine
geordnete Unordnung. Es muss nicht immer
der gleiche Spieler auf derselben Position
sein. Das heißt zum Beispiel auch
nicht, dass Nico Steffen jetzt immer am
Flügel ist und die Flanken bringen
muss, sondern er kann auch mal vorm Tor
sein und dafür bringt Thorsten Bauer
die Flanke rein. Trotzdem darf man aus
dieser Bewegung heraus die Grundordnung
nicht verlieren, um dem Gegner nicht die
Chance zu geben, uns auszukontern. Das
verstehe ich unter einem guten Offensivspiel
und da möchte ich die Mannschaft
hinbringen. Das erfordert aber ein hohes
Maß an Disziplin und Willen jeden
einzelnen Spielers.
Kannst Du als Kasseler den Spielern
besser vermitteln, was es bedeutet für
den KSV Hessen Kassel zu spielen, als
ein externer Trainer?
Thomas Freudenstein: Wenn
man meine Spielerstatistik sieht, wie
lange ich beim KSV gespielt habe, ist
es natürlich klar, dass ich einen
ganz anderen Background und Bezug zu dem
Verein habe, als ein externer Trainer.
Ich weiß zum Beispiel ganz genau,
was es für einen Fan und Spieler
des KSV gefühlsmäßig bedeutet,
wenn man gegen den KSV Baunatal gewinnt
oder sogar verliert. In Kassel ist das
Anspruchsdenken der Zuschauer prinzipiell
sehr hoch. Wenn es dann nicht so gut läuft,
spürt man manchmal recht schnell
einen Unzufriedenheitsgrad bis auf das
Spielfeld herunter. Darauf müssen
sich alle Spieler, die nächste Saison
hier spielen, mental einstellen, damit
sie sich davon möglichst wenig beeinflussen
lassen. Für die Zukunft würde
ich mir aber wünschen, dass wir gerade
auch dann die Unterstützung der Zuschauer
haben, wenn es mal nicht so läuft.
Bist Du eher der strenge oder
eher der kumpelhafte Trainer?
Thomas Freudenstein: Da
musst Du die Mannschaft fragen, weil ich
darüber nicht nachdenke. Ich habe
meine Art und die möchte ich auch
nicht ändern. Weder als Trainer,
noch privat. Als Trainer muß man
Entscheidungen treffen und eine klare
Linie vorgeben. Es tut allerdings auch
weh, wenn man 18 gute Fußballer
hat und muss 7 auf die Bank setzen.
Wie bereitest Du die Mannschaft
auf den jeweiligen Gegner vor? Werden
die Gegner vorher beobachtet?
Thomas Freudenstein: Ich
habe leider nicht immer die Möglichkeit
jeden Gegner zu beobachten. In erster
Linie konzentriere ich mich auch auf unsere
Stärken, um unser Spiel zu machen.
Zudem informiere ich mich aber über
die Schwächen der Gegner und telefoniere
zum Beispiel mit anderen Trainern, wie
Peter Cestonaro oder Bernd Sturm, wenn
ich mir selbst einen Gegner nicht angucken
kann.
Wer sind Deine Favoriten für
die neue Saison in der Oberliga Hessen?
Thomas Freudenstein: Darmstadt
und die Frankfurter Amateure sind als
Absteiger aus der Regionalliga natürlich
erst einmal der Maßstab. Unser Ziel
ist es da mitzuhalten. Ob das realisierbar
ist, hängt davon ab, welchen Kader
wir bekommen. Viele personelle Entscheidungen
sind bei uns noch nicht abgeschlossen.
Und da wir einige Stammspieler der letzten
Saison verloren haben, kann ich erst eine
Prognose abgeben, wenn ich weiß
welche Mannschaft ich zur Verfügung
habe. Der Verein, die Spieler und ich
als Trainer werden aber alles daran setzen,
eine konkurrenzfähige Mannschaft
in der nächsten Saison zu stellen,
die um die Meisterschaft mitspielt.
Wie soll der Kader im Endeffekt
aussehen?
Thomas Freudenstein: Ich
plane mit 18 Spielern + vier Spielern
im Perspektivkader. Perspektiv-spieler
sind Spieler, die den Sprung in die erste
Mannschaft schaffen können, aber
zunächst die zweite Mannschaft verstärken.
Diese Spieler könnte ich bei einem
Saisonziel "Mittelfeldplatz"
locker einsetzen, aber bei unseren Ansprüchen
ganz oben mitzuspielen, müssen diese
Spieler noch wachsen. Somit zählt
zum Beispiel Lamont Sandiford zunächst
zum Perspektivkader, weil ich noch nicht
einschätzen kann, in wieweit er sich
in der Oberliga durchsetzen kann. Wenn
er mir aber in der Vorbereitung zeigt,
dass er es kann, ist er im ersten Kader.
Insgesamt würde ich gerne jede Position
gedanklich doppelt besetzen. Man hat es
ja in der letzten Saison gesehen, wo ich
Andreas Mayer in die Liberoposition zurückziehen
musste, weil Thorsten Schönewolf
verletzt war und wir keine Abwehrspieler
mehr als Ersatz hatten. Wenn man aufsteigen
will, sollte bei den 18 Stammspielern
kein großes Leistungsgefälle
sein. Auch das Spielsystem wird abhängig
vom Kader sein. Bisher habe ich 3-5-2
gespielt, wobei in dem Fünfer-Mittelfeld
zwei Spieler klar offensiv ausgerichtet
waren, zwei über die Flügel
und ein Spieler im defensiven Mittelfeld.
Das wäre so meine Grundvorstellung,
wie ich gerne auch wieder spielen würde.
Mit Artur Tews und Christoph
Keim kommen zwei Spieler aus der Region.
Ist es das Ziel verstärkt auf regionale
Spieler zu bauen?
Thomas Freudenstein: In
erster Linie wollen wir gute Spieler verpflichten.
Artur Tews und Christoph Keim sind zwei
gute Spieler. Und wenn man die in dieser
Region bekommen kann, braucht man ja nicht
irgendwo in Deutschland herumfahren und
gucken, wo man Spieler findet. Zumal regionale
Spieler leichter zu integrieren sind.
Es fallen dann Probleme weg, wie eine
Wohnung und das soziale Umfeld wieder
neu zu finden oder eine Fahrstrecke, die
zum Beispiel Tobias Stock hatte. Wenn
man aber langfristig den Anspruch hat
aufzusteigen, muss man auch den ein oder
anderen Spieler von außerhalb holen.
Weil, die Masse an guten Spielern für
5 Oberligamannschaften, die es ja noch
letzte Saison waren, gibt es hier in der
Region nicht. Klar, wenn wir Tobi Nebe
bekommen hätten, wäre das eine
schöne Sache gewesen. Aber er ist
zu Rot-Weiß Erfurt gewechselt. Und
regionale Spieler sind ja von finanziellen
Aspekten auch nicht günstiger, als
Überregionale. Die Spieler kennen
ihren Marktwert und reizen diesen auch
aus. Sonst wäre Tobi Nebe ja auch
zu uns gekommen. Wichtig ist es Spieler
zu finden, die sich mit dem Verein identifizieren.
Andreas Mayer kam auch nicht aus der Region
aber jeder hat ihn gerne spielen sehen.
Warum entwickeln sich beim KSV
Hessen Kassel so wenig Nachwuchsspieler?
Thomas Freudenstein: Mit
der ersten Mannschaft sind wir zwar wieder
die Nummer eins in Nord-hessen, aber uns
fehlt ganz klar der Unterbau. Anders ist
es zum Beispiel beim KSV Baunatal: Die
zweite Mannschaft spielt nächstes
Jahr in der Landesliga, die A-Jugend spielt
in der Bundesliga, die A2 spielt in der
Oberliga und ist immer noch eine Klasse
höher als unsere A1 und die B-Jugend
spielt Regionalliga. In Baunatal können
sich auch A-Jugendliche besser entwickeln,
weil die erste Mannschaft nicht das hohe
Saisonziel hat, wie unsere. Wenn der KSV
Baunatal zehnter wird, ist es gut, wenn
sie sechster wird, freut man sich. Wenn
man aber um den Aufstieg spielt, muß
die beste Mannschaft auf dem Platz stehen.
Deswegen hat bei uns ein A-Jugendlicher
weniger Chancen in der ersten Mannschaft
zu spielen, als in Baunatal. Wir könnten
das ändern, wenn wir einen anderen
Anspruch hätten. Aber ich glaube
nicht, dass unsere Zuschauer damit zufrieden
wären. Es geht jetzt vielmehr darum
einen guten Mix zwischen regionalen und
überregionalen Spielern zu bilden.
Und wenn man zum Beispiel in die Bundesliga
blickt, da spielt kaum noch ein Deutscher.
Bei uns geht es darum einen soliden Unterbau
zu erschaffen, so dass die zweite Mannschaft
wieder mindestens Bezirksoberliga spielt,
um auch eine Aussagekraft über die
Leistungsfähigkeit von Nachwuchsspielern
zu haben. An einer guten Leistung in der
Kreisliga kann man nicht erkennen, ob
ein Spieler oberligatauglich ist. Das
ist kein Maßstab.
In der nächsten Saison
müsst ihr über 6.000 Kilometer
zwischen den Sportstätten zurücklegen.
Mehr als letzte Saison, nachdem 3 nordhessische
Mannschaften aus der Oberliga abgestiegen
sind. Ist das ein Nachteil?
Thomas Freudenstein: Es
ist mit Sicherheit kein Vorteil, wenn
man vorm Spiel längere Zeit im Bus
sitzt. Ich würde darauf aber keine
besondere Gewichtung legen. Man muss einfach
seinen Rhythmus für die Auswärtsspiele
finden. Das war bei uns früher auch
so. In der Oberliga sind wir immer morgens
am Spieltag losgefahren. Außer in
der 2. Bundesliga. Da sind wir oft einen
Tag vorher losgefahren. Das halte ich
aber auch nicht immer für das Beste,
denn man schläft im Hotel in einer
fremden Umgebung, morgens hängt man
rum und weiß nicht, was man machen
soll. Zu Hause hat man einfach seinen
geregelten Ablauf.
Wie bereitet ihr euch generell
auf Spiele vor?
Thomas Freudenstein: Wenn
ich morgens aufstehe habe ich meist schon
die Aufstellung im Kopf und mache mir
Gedanken, auf was ich bei meiner Mannschaftsansprache
genau eingehen möchte und auf was
ich bei einzelnen Spielern noch einmal
hinweisen möchte. Wie sich die Spieler
vorbereiten, ist ihnen selbst überlassen.
Ich werde keinem Spieler hinterher telefonieren.
Ich gehe davon aus, dass die Spieler eigenverantwortlich
wissen, dass man am Freitag einen vernünftigen
Ablauf haben und rechtzeitig ins Bett
gehen sollte. Wer das nicht macht, wird
auf Dauer die Leistung nicht bringen und
sich damit aus dem Kader spielen.
Tim Siebrecht