Freudenstein
neuer KSV-Coach
Der KSV Hessen Kassel
wird die letzten neun Punktspiele in der
Fußball-Oberliga Hessen mit einem
neuen Trainer bestreiten. Gestern Mittag
gab der Tabellenzweite die sofortige Trennung
von Oliver Roggensack bekannt. Dessen
Aufgabe als Trainer übernahm bereits
gestern der ehemalige KSV-Ligaspieler
Thomas Freudenstein. Als Berater wird
ihm der ehemalige Vereinsvorsitzende Holger
Brück zur Seite stehen.
„Die Entscheidung
zur Trennung von Roggensack ist uns wirklich
sehr schwer gefallen, denn eigentlich
hat die Mannschaft den Trainer auf dem
Gewissen“, erklärte KSV-Klubchef
Jens Rose den gemeinsam von Vorstand und
Aufsichtsrat gefassten Entschluss. Den
Ausschlag für die Entlassung des
38-jährigen Westfalen gab, so Rose:
„Dass wir den Eindruck haben, er
konnte die Mannschaft zuletzt nicht mehr
richtig motivieren.“
Die Entscheidung, die
Führungsaufgabe der zuletzt desolat
auftretenden Löwen-Truppe bis zum
Saisonende dem Ex-Spieler Thomas Freudenstein
zu übertragen, ist eine echte Überraschung.
„Thomas Freudenstein war ein Publikumsliebling,
und er ist eine echte Integrationsfigur
für den Verein. Daher trauen wir
ihm auch diese Aufgabe im Zusammenspiel
mit Holger Brück zu“, begründete
Rose die Neubesetzung des Trainerstuhls.
Eine heikle Aufgabe
für den 41-jährigen Freudenstein,
der mit seinem Engagement absolutes Neuland
betritt. „Ich habe zwar unter etlichen
Trainern gespielt, habe aber keinerlei
Erfahrung als Trainer“, gab der
aus Maden stammende Ex-Profi in einem
Gesprach gegenüber unserer Zeitung
zu. Befürchtungen, unter dem Druck
der Verantwortung zu versagen, hat er
nicht. „Ich traue mir durchaus zu,
eine Mannschaft zu führen. Und dass
mir dabei Holger Brück zur Seite
steht, macht die ganze Sache natürlich
um vieles leichter“, erklärte
der ehemalige Mannschaftskapitän,
der bis zum Mai 2001 selbst noch das Löwen-Trikot
in der Bezirksoberliga getragen hatte.
Erst in der vergangenen
Woche kam Thomas Freudenstein von einem
17-monatigen Asien-Trip zurück nach
Nordhessen. „Daher bin ich gut erholt.
Wenn ich mich nicht stark genug fühlen
würde, dann hätte ich auch Nein
gesagt“, sagte der neue Löwen-Coach
nach Annahme der KSV-Offerte.
Eine Lösung für
das sportliche Dilemma der KSV-Elf hatte
er gestern verständlicherweise noch
nicht parat. Freudenstein: „Ich
besitze aber noch den nötigen Background
im Verein. Deshalb habe ich in den vergangenen
Tagen so viel gehört, dass mir die
Ohren klingeln“. Aber auf eine Sache
legt sich der neue sportliche Leiter bereits
fest: „Für das kommende Spiel
in Erzhausen wird es auf den Positionen
sicherlich personelle Umstellungen geben.“
Das könnte dann
auch Andreas Mayer betreffen, der gestern
vom Trainerwechsel überrascht wurde.
„Es ist ein Schock, das zu hören.
Ich hätte mit Trainer Roggensack
gerne die Serie zu Ende gespielt“,
meinte der KSV-Kapitän. Dabei betonte
Mayer nochmals, „dass wir als Mannschaft
den Trainer abgesägt haben. Es war
und ist unsere Schuld, die wir eigentlich
wieder ausbügeln wollten.“
Zum Nachfolger selbst wollte sich Mayer
gestern nicht äußern, „weil
ich Thomas Freudenstein überhaupt
nicht kenne“. Dass sich mit dem
Führungswechsel der Druck auf die
Mannschaft erhöhen wird, glaubt der
Mannschaftsführer nicht. „In
der Pflicht standen wir schon seit langem.
Wir müssen jetzt sehen, dass wir
uns rasch an einen Tisch setzen, um die
Vielzahl kleiner Probleme auszuräumen,
um wieder zu einer echten Mannschaft zusammenzuwachsen.“
Rolf Wiesemann
KOMMENTAR
Rolf Wiesemann über
den KSV-Trainerwechsel
Bei diesem Trainerrausschmiss
verlieren fast alle. Der geschasste Oliver
Roggensack, weil er gescheitert ist. Die
Löwen-Spieler, weil sie unter Druck
versagt haben. Und auch die Kasseler Vereinsführung,
die mit ihrem vollmundig erklärten
Aufstiegsziel Schiffbruch erlitten hat.
Der Schock, die greifbar
nahe Meisterschaft in zwei Spielen verschenkt
zu haben, sitzt tief. Mit der Hauptgrund
für die schnelle Trennung vom Trainer.
Was bleibt, ist ein großer Scherbenhaufen
an zerbrochenen Ideen, Idealen und Visionen.
Gut, dass er jetzt schnell zusammengekehrt
wurde.
Der KSV Hessen ist damit
aber nicht am Ende. Er steht vor einem
Neubeginn - mit unbestimmtem Ausgang.
Genauso wie der Roggensack-Nachfolger
Thomas Freudenstein. Lobenswert sein Mut,
das heiße Eisen anzupacken, denn
das Risiko, sich daran zu verbrennen,
ist riesengroß.
Freudenstein bleiben
zwei Monate Zeit zu zeigen, dass er nicht
nur ein zufälliger (und sicherlich
auch preiswerter) Notnagel ist, sondern
ein echter Stabilisationsfaktor. Eine
heikle Aufgabe, um die er nicht zu beneiden
ist.
HNA-Sportredaktion (01.04.2003)