In der Winterpause
2002/03 bist Du zum KSV Hessen Kassel
gewechselt, hast Dir in einer sehr guten
Rückrunde einen Stammplatz im linken
Mittelfeld erkämpft und trotzdem
hast Du Dich dazu entschieden nach dieser
Saison zum SV Lippstadt in die Oberliga
Westfalen zu wechseln. Was sind Deine
Gründe dafür?
Tobias Stock:
In diesem halben Jahr habe ich gemerkt,
dass die Fahrtzeit und der Fahrtaufwand
doch extrem ist. Ich sitze jede Woche
15 Stunden im Auto und das bezahlt mir
keiner. Insgesamt sind das 6000 Kilometer
im Monat, die ich mit meinem eigenen Auto
zwischen Bielefeld und Kassel zurücklege.
Der Verschleiß ist sehr hoch. Ich
wollte auch, dass der Verein mir das bezahlt,
was er aber nicht kann. Ich verstehe das
auch. Aber bei dem Geld, was der Verein
mir jetzt bezahlt, fließt praktisch
alles in den Tank. Und so liegt es leider
an den Fahrtkosten und dem Weg.
Wie bewertest
Du Deine Zeit in Kassel aus sportlicher
Sicht?
Tobias Stock:
Super. Ich habe selten einen Trainer gehabt,
der so hinter mir gestanden hat. Das hat
mich sehr positiv überrascht. Außerdem
hatte ich mit Andy Mayer und Andre Breitenreiter
zwei erfahrene Spieler, von denen ich
mir einiges abgucken konnte. Man wurde
hier und dort mal kräftig zurechtgewiesen,
aber es hat mich weiter nach vorne gebracht.
Wie würdest
Du Thomas Freudenstein als Trainer beschreiben?
Tobias Stock:
Ich finde er macht es sehr gut und professionell.
Er geht stark auf die Schwächen der
gegnerischen Mannschaften ein und versucht
gerade das als Trainingsschwerpunkt zu
setzen. Das machen sehr wenige Trainer.
Zum Beispiel gegen den KSV Baunatal war
sein Ziel verstärkt über die
Flügel zu kommen und das ist voll
aufgegangen. Oliver Roggensack hat auch
ein gutes Training gemacht, aber auf eine
andere Art und Weise. Meiner Meinung nach
ist er nicht so auf die Gegner eingegangen,
zumindest hat er es uns nicht wissen lassen.
Ich denke, dass sich Thomas Freudenstein
auch viele Anregungen von Holger Brück
holt, was die Trainingsintensität
und die Trainingsgestaltung angeht.
Wie kam es eigentlich
zu Deinem Wechsel nach Kassel, denn er
wurde ja wohl von Oliver Roggensack eingefädelt?
Tobias Stock:
Oliver Roggensack hatte zuvor in Hövelhof
trainiert. Und als er dann in Kassel Trainer
war, kam er als Zuschauer wieder nach
Hövelhof. Dabei ist er auf mich aufmerksam
geworden. Mich selbst hat er in Hövelhof
nie trainiert. Als er gegangen ist bin
ich nach Hövelhof gekommen.
Es gibt die Geschichte,
dass Du Deine Ablösesumme selbst
bezahlt hast, um zum KSV Hessen Kassel
zu wechseln. Stimmt das?
Tobias Stock:
Ja, das stimmt. Es gab damals ein Hick
Hack, so dass ich in Hövelhof gesagt
habe "wenn ihr die Ablösesumme
so hoch setzt, bezahl ich die selber".
In Hövelhof wurde mir immer gesagt,
dass sie mir keine Steine in den Weg legen
wollen. Die Summe war aber für mich
ein Stein, den sie mir in den Weg gelegt
haben. Im Endeffekt sind sie in der Summe
noch einmal runtergegangen. Mit dem KSV
habe ich das dann so geregelt, dass ich
einen Teil selbst gezahlt habe und den
Rest in der Sportmarketingagentur in Stunden
abgearbeitet habe.
Seit wann weißt
Du, dass Du Kassel wieder verlassen willst
und wie kam der Kontakt zum SV Lippstadt
zustande?
Tobias Stock:
Letzte Woche Mittwoch hat mich mein Spielerberater
angerufen und gefragt, ob ich Interesse
am SV Lippstadt hätte. Er sagte,
dass sich das Angebot gut anhören
würde und wir uns am Donnerstag in
Lippstadt treffen könnten, um dann
auch gleich zu unterschreiben. Ich habe
Jörg Schmidt gleich informiert und
ihm noch eine Zeitspanne gelassen. Am
Donnerstag Abend habe ich dann in Lippstadt
unterschrieben, da ich wusste, dass der
KSV nicht höher zahlen kann, wobei
ich aber natürlich auch den Verein
verstehen kann. Das Geld was ich zur Zeit
bekomme wäre viel, wenn ich in Kassel
wohnen würde. Da es aber fast komplett
in meinen Tank fließt, komme ich
im Endeffekt auf einen Nuller. Außerdem
geht mir es auch um die Zeit, die ich
jede Woche im Auto sitze. In dieser Zeit
kann ich wieder mehr für mein Studium
tun.
Weißt Du
was in Lippstadt auf Dich zukommt? Kennst
Du den Verein, bzw. Spieler dort?
Tobias Stock:
In jedem Verein, wo man hinkommt, muss
man sich den Stammplatz erkämpfen.
Aber von Lippstadt weiß ich, dass
Markus Graskamp längere Zeit auf
der linken Seite gespielt hat. Er hat
sich allerdings im März eine schwere
Verletzung zugezogen und ist auch schon
über 30. Ich komme dahin, um zu spielen.
Ich möchte da auch ein Leistungsträger
sein, denn ich will ja schließlich
noch eine Liga höher und nicht in
der Oberliga bleiben.
Hat der Verein
Ambitionen in die Regionalliga aufzusteigen?
Tobias Stock:
Nein. In Lippstadt ist alles etwas kleiner
gehalten. Die haben zwar auch ihre 800
Fans, aber es ist sehr familiär.
In den letzten 5-6 Jahren sind sie immer
unter den ersten 5 in der Tabelle gewesen
und das wollen sie nächstes Jahr
auch wieder schaffen. An den ersten 10
Spieltagen dieser Saison standen sie an
Platz 1 und wenn man nächste Saison
auch wieder so einen guten Start erwischt,
warum soll man dann nicht versuchen das
durchzuziehen und vielleicht mit Glück
aufzusteigen. Obwohl da sind natürlich
auch die VFL Bochum - Amateure, die eine
starke Truppe haben und Gütersloh
wird nächstes Jahr auch wieder eine
gute Truppe haben. Da muss man erst einmal
sehen, was das wird.
Bei 800 Fans
in Lippstadt wirst Du sicherlich die Stadionatmosphäre
in Kassel vermissen.
Tobias Stock:
Auf jeden Fall. In meiner Zeit in Gütersloh
waren es ja auch schon 1.500 Zuschauer.
Da war das Stadion auch kleiner. Hier
in Kassel war es dann noch einen Tick
besser und jetzt gehe ich natürlich
wieder 2 Schritte zurück. Das ist
schade, aber darauf kann man im Endeffekt
nicht gucken. Man ist zwar mit mehr Zuschauern
wesentlich motivierter, wenn man aber
sportlich weiterkommen will, ist das eher
sekundär.
Was sind Deine
Ziele als Spieler und auch beruflich?
Tobias Stock:
Man sollte ja realistisch bleiben. Ich
weiß aber auch, dass verschiedene
Leute mir zweitliga-Qualitäten zusprechen.
Ich selbst wäre aber vollkommen zufrieden,
wenn ich irgendwann einmal etablierter
Regionalliga-Spieler bin. Und das ist
schon schwer genug. Vor allen Dingen jetzt,
in meinem Alter, sollte das so langsam
kommen. Wenn Du bis 25 noch kein Profifußballer
bist, dann musst Du auch mal zusehen,
dass Du in Deinem Studium oder im Beruf
Fuß fasst. Du musst auch bedenken,
dass ich kein Praktika, wie zum Beispiel
im Ausland oder für ein halbes Jahr
bei einer Firma, wie Adidas oder Nike
machen kann, weil ich ständig durch
den Fußball gebunden bin. Das sind
Nachteile und man muss sich irgendwann
entscheiden. Deswegen versuche ich mich
jetzt noch einmal 2 Jahre so richtig reinzuhängen
und wenn es dann nicht hinhaut mit der
Regionalliga, muss ich leider Abstriche
machen, obwohl ich es eigentlich nicht
will.
Was wäre
denn die andere Seite, also wenn ein Verein
Dich ins Profitum verpflichtet? Dann hättest
Du ja noch weniger Zeit für Dein
Studium.
Tobias Stock:
Das stimmt. Aber das ist richtig gut verdientes
Geld in der Regionalliga. Und das verdient
man sonst so schnell nicht. Das würde
ich wahrscheinlich noch nicht einmal verdienen,
wenn ich zu Ende studiert habe und arbeiten
gehen würde. Außerdem gibt
es heute gute Möglichkeiten über
den Verein in den Beruf einzusteigen.
Ich denke das ist auch ein Bereich des
Coachings und des Managements in einem
Verein, der versucht seinen Spielern nach
dem beenden der Karriere einen Job anzubieten
oder einen Job zu vermitteln.
Welchen Beruf
könntest Du später mit Deinem
Studium ausüben?
Tobias Stock:
Ich studiere Sportwissenschaften. Das
ist ein Studiengang, der sehr breit gefächert
ist. Damit könnte man im Bereich
Prävention und Rehabilitation in
bestimmten Rehakliniken arbeiten. Man
kann aber auch versuchen, so wie ich das
gerade mache, mit einem Beifach der Betriebswirtschaftslehre
in den Marketing, Management oder Sponsoringbereich
zu kommen. Und so war es auch von Vorteil,
dass ich hier beim KSV einen Einblick
in die Marketingagentur gewinnen konnte.
Das wäre auch ein Grund gewesen hier
zu bleiben. Da aber ab 01.07. die Geschäftsstelle
mit der Sportmarketingagentur zusammengelegt
wird, gäbe es dann auch keinen Job
mehr für mich.
Was nimmst Du
im Rückblick auf Deine Zeit beim
KSV für Dich selbst mit?
Tobias Stock:
Ich habe in Kassel eine gute Entwicklung
gehabt. Und wenn ich noch ein Jahr länger
in Kassel gespielt hätte, wäre
ich noch stärker geworden. Deswegen
finde ich den Abschied für meine
sportliche Zukunft schade, denn ich hatte
gerade angefangen mich zu etablieren und
richtig wohl zu fühlen. Ich habe
durch beide Trainer und auch durch meine
Mitspieler sehr viel dazugelernt.
Tim
Siebrecht