Herr Habedank,
Sie waren 13 Jahre lang Stammspieler und
Mannschaftskapitän der ersten Mannschaft
des KSV Hessen Kassel. Was war genau Ihre
Position als Spieler?
Uwe Habedank:
In der Anfangszeit habe ich mehr im Mittelfeld
gespielt, später Libero. Damals gab
es ja noch einen Sonderbewacher, der die
gegnerischen Spielmacher ausschalten musste.
Das war die Rolle, die ich gerne gespielt
habe.
Also defensiv
ausgerichtet?
Uwe Habedank:
Im Prinzip beides. Denn wenn man es dann
erreicht, dass derjenige, den man bewachen
sollte, hinter einem selbst herläuft,
hat man das Duell gewonnen.
Sie arbeiten
heute als Bauingenieur bei der Stadt Kassel.
Wie haben Sie in Ihrer aktiven Zeit Beruf
und Sport unter einen Hut bekommen?
Uwe Habedank:
Ich war hier in Kassel auf der Ingenieurschule.
Und dadurch, dass wir Vertragsspieler
waren, also Halbprofis, konnte man das
ganz gut miteinander verbinden. Bis mittags
war ich in der Ingenieursschule und nachmittags
haben wir trainiert. Nach 6 Semestern
habe ich mein Examen gemacht. Danach habe
ich dann in Kassel meinen Wehrdienst bei
der Bundeswehr absolviert. Damals waren
es noch 18 Monate. Somit bin ich praktisch
immer in Kassel gewesen.
Die Liste der
Bundesligaspieler, mit denen Sie in einer
Mannschaft beim KSV Hessen Kassel gespielt
haben, ist lang. Warum sind Sie in Kassel
geblieben? Bzw. hatten Sie ein Angebot
aus der Bundesliga?
Uwe Habedank:
In der Zeit wo ich Angebote hatte, war
mir mein Studium wichtiger. Konkrete Angebote
hatte ich vom 1. FC Nürnberg und
vom Karlsruher SC. Später dann auch
einmal von der SpVgg Greuther Fürth,
aber bei diesem Wechsel hätte ich
mich ja nicht verbessert. Ich habe damals
auch einmal an einem Lehrgang für
talentierte Regionalligaspieler unter
der Leitung von Helmuth Schön teilgenommen,
aber den Schritt in die Bundesliga habe
ich mir nicht zugetraut. Ich wollte lieber
eine Klasse tiefer Stammspieler sein,
als in der Bundesliga Bus zu fahren.
Die Regionalliga
(damals 2. Liga) war ja keine Profi-Liga.
Hattet ihr trotzdem reine Profis in der
Mannschaft?
Uwe Habedank:
Nein. In der Regel hatte jeder einen Job
gehabt. Gerd Grau war Postbote, Holger
Brück und Roli Fritzsche waren bei
der Binding-Brauerei als Vertreter, etc.
Vor der Zeit gab es einige Spieler, die
den ganzen Tag in der Stadt spazieren
gegangen sind und auf der Lohnliste von
Firmen standen. Und wenn wirklich mal
jemand von denen bedient werden wollte,
wurden Sie schnell rangeholt. Im Großen
und Ganzen haben wir gerne beim KSV Hessen
Kassel gespielt. Wir haben aber natürlich
auch Geld bekommen. Ich habe damals einen
Vertrag für 160 Mark im Monat unterschrieben.
Gut, man konnte sich damals für 160
Mark mehr kaufen, als heute für 160
Euro, aber man muss den Aufwand bedenken,
den wir betrieben haben. Wir sind ja in
einer Saison mehr als einmal um die Welt
gereist.
Worin liegen
die Unterschiede zum Spielverständnis
der damaligen Zeit und heute?
Uwe Habedank:
Wenn ich die Spielweise von heute mit
der von früher vergleiche, würde
es mir heute keinen Spaß mehr machen.
Heute wird zu viel gehalten und gezerrt.
Wenn die Schiedsrichter heute so pfeifen
würden wie damals, käme gar
kein Spiel mehr zustande. Früher
war das Spiel viel körperloser. Das
Einzige was damals in den Anfängen
war, ist dieses Tackling. Das Reingrätschen,
was heute auch noch dazukommt. Aber das
von hinten Reintreten in die Hacken oder
das Reingehen mit der vollen Breitseite
gab es nicht. Deswegen fand ich das Spiel
eleganter, freier und auch schöner.
Es gab viel weniger Freistöße
und Unterbrechungen. Die Spieler respektieren
sich heutzutage nicht mehr und gehen sogar
bewußt ein, den anderen zu verletzen.
Die Aufstellung war damals allerdings
streng positionsbezogen und personenorientiert.
Vor dem Spiel bekam man die Nummer des
Spielers, den wir decken mussten und war
somit auch nicht so flexibel.
Mit welchen Spielern
haben sie auf dem Feld am besten harmoniert?
Uwe Habedank:
In meiner Zeit gab es noch den klassischen
Libero. Damals spielte ihn Holger Brück.
Mit ihm hatte ich ein gutes Wechselspiel.
Wenn er seine Vorstöße gemacht
hat, habe ich seine Position ausgefüllt,
obwohl ich eher im Mittelfeld gespielt
habe. Aber da haben wir uns sehr gut ergänzt.
Aber auch das Zusammenspiel mit Roli Fritzsche
war das Sahnehäubchen. Er war technisch
und auch von der Übersicht ein Fußballer,
wie es sie heute nur selten gibt. Mit
ihm hatte ich auch nach der Zeit beim
KSV noch guten Kontakt. Auch heute noch.
Habt Ihr damals
auch viel privat unternommen?
Uwe Habedank:
Große Freundschaft wäre vielleicht
übertrieben, aber wir haben natürlich
auch damals unsere Feste gefeiert. Das
war vor allen Dingen mit Hans Alt, Roli
Fritzsche, Heiner Dittel und Walter Liebich,
mit dem ich nachher noch zusammen Fußball
spiele. Mit ihm spiele ich in einer Prominentenmannschaft,
die sich "Hessische Regionalauswahl"
nennt. Die besteht aus Politikern und
Fußballern.
Stellen Sie Ihre
Traumelf aus der Zeit 1963-1974 zusammen.
Uwe Habedank:
Im Tor waren Loweg und Burose eigentlich
gleich stark. Der Bessere war vielleicht
sogar der Burose, denn der hatte ja vor
gar nichts Angst. Also nach dem heutigen
System 4-4-2 sind es im Tor Burose, in
der Abwehr Kastl, Brück, Liebich
und der beste Manndecker, den wir hatten:
Alfred Resenberg. In der Mitte Künkel,
Fritzsche und Grau. Wir hatten noch einen
namens Bente. Bente und Fritzsche haben
aber ähnlich gespielt. Deshalb haben
die zwei sich nicht so gut ergänzen
können. Der Roli war ja im Mittelfeld
eher der Offensive, von daher würde
ich jetzt eher einen nennen, der in der
Defensive seine Stärken hatte. Das
wäre ja ich ! ... aber das macht
man ja nicht. Im Sturm: Maciossek und
Baumann.
Was war das absolute
Highlight in Ihrer aktiven Zeit als Spieler?
Uwe Habedank:
Das war das 2:2 im Pokal gegen Bayern
München. Bei Bayern spielte ja die
halbe Nationalmannschaft mit Maier, Beckenbauer,
Schwarzenbeck, Hansen, Roth, Müller
und dagegen wir mit unserer Wald- und
Wiesentruppe.
Wie viele Zuschauer
kamen zu Ihrer Zeit in das Auestadion?
Uwe Habedank:
Bei den Highlights hatten wir die Hütte
voll und das haben wir auch genossen.
Der KSV hat es heute ja noch gut, wenn
3.000 - 4.000 Zuschauer kommen aber wenn
man sich Baunatal oder Lohfelden anguckt
mit 100 – 200 Zuschauern, tränen
einem schon die Augen. Da kommt nichts
bei rum und da kann auch kein Funke vom
Zuschauer zum Spieler überspringen.
Da muß man sich selbst schon aufputschen.
Und wenn bei uns zum Teil 15.000 oder
auch 28.000 Zuschauer gekommen sind, ging
die Post ab. Wir hatten selten unter 5.000
Zuschauer. Das war aber bei Mannschaften,
die keinen Namen hatten, wie Helmbrechts
oder Pforzheim. Das Einzugsgebiet war
sehr groß. Die Leute sind ja aus
Eschwege, Marburg, Fulda, Gießen
hoch bis weit hinter Göttingen ins
Auestadion gekommen.
Waren Sie vor
diesem Spiel, bzw. auch vor diesen großen
Kulissen nervös?
Uwe Habedank:
Nervosität kenne ich gar nicht. Wenn
ich das erste mal gegen den Ball getreten
habe, hatte ich keine Zeit mehr mich auf
etwas anderes zu konzentrieren, als auf
das Spiel. Große Kulissen haben
mich immer beflügelt. Wir hatten
damals einen engen Kontakt zwischen den
Spielern und dem Publikum. Das ist auch
etwas, was heute in den meisten Stadien
fehlt. Wenn ich heute durch die Stadt
gehe, kann es passieren, dass mich noch
sehr viele Leute kennen. Wenn heute ein
Stammspieler der jetzigen ersten Mannschaft
des KSV durch die Stadt geht, kennen den
nur ganz Wenige. Die Spieler waren damals
mehr zum anfassen. Wenn wir vom Spielfeld
kamen, sind wir unten in die Kneipe und
nebenan ins Clubhaus, was immer voll war.
Wir haben uns da dann auch nicht abgekapselt,
sondern in dem Raum einen Tisch gehabt,
wo wir dann noch etwas gegessen haben.
Anschließend haben wir uns mit den
Leuten noch an die Theke gestellt, usw.
Heute ist das mehr anonym. 80 % der Spieler
aus der Regionalligamannschaft des KSV
von damals kamen hier aus der Region.
Resenberg kommt aus Wildungen, Novak aus
Bebra, Künkel aus Biedenkopf, Holger
Brück aus Kassel, Otto Kastl aus
Gudensberg, Kuddel Schaub aus Oberzwehren,
usw.
Wie war die Vorbereitung
auf ein Spiel?
Uwe Habedank:
Teilweise haben wir uns einen Tag vorm
Spiel getroffen und haben eine Nacht in
einem Hotel in der Umgebung übernachtet.
Morgens nach dem Frühstück gab
es dann eine Besprechung und dann sind
wir von da aus ins Stadion gefahren. Die
meiste Zeit haben wir uns aber auch zu
Hause vorbereiten dürfen. Mein Elternhaus
war in der Nähe vom Auestadion, so
dass ich am Spieltag dann einfach meine
Tasche genommen habe und zum Auestadion
gelaufen bin. Da begann dann die Konzentrationsphase.
Ich brauchte auch keine Kasernierung,
denn ich wußte selbst worauf es
ankam. Da hat auch mein Vater für
gesorgt.
Wie seid Ihr
damals zu Auswärtsspielen gereist?
Uwe Habedank:
Größtenteils mit dem Zug, aber
oft auch einfach mit unseren Privatautos
oder auch mal mit Heini Weber in seinem
Mercedes. Wir sind am Samstag losgefahren,
haben dort übernachtet und hatten
am Sonntag das Spiel. Von dem jeweiligen
Bahnhof sind wir dann mit dem Taxi oder
der Straßenbahn zum Stadion, bzw.
zum Hotel gekommen. Nach dem Spiel sind
wir dann wieder zurückgefahren und
waren teilweise erst um 2 Uhr Nachts wieder
am Hauptbahnhof.
Haben Sie eine
kuriose Geschichte aus Ihrer aktiven Zeit
als Spieler?
Uwe Habedank:
In Nürnberg gab es mal eine lustige
Begebenheit. Da wäre ich fast vom
Platz gestellt worden. Das Spiel gegen
den 1. FC Nürnberg hat ein Schiedsrichter
gepfiffen, den ich vom sehen her gut kannte.
Als Spielführer kennt man die Schiedsrichter
meist besser, als wenn man kein Spielführer
ist. Dieser Schiedsrichter war mir eigentlich
sehr sympathisch aber in dem Spiel hat
er nur Scheiße gepfiffen. Mir ist
dann irgendwann herausgerutscht: „Das
ist zum kotzen. Du bist das Anspucken
nicht wert“. In dem Moment wo ich
es gesagt hatte, war mir bewusst, was
ich für einen Mist gemacht hatte.
Er hat dann zu mir gesagt „Uwe,
jetzt kann ich nicht anders. Jetzt muss
ich Dich vom Platz stellen“ und
verwechselt die rote mit der gelben Karte.
Er hat dann so einen Schrecken bekommen,
als er die gelbe Karte in der Hand hatte,
dass er grinsen musste und die Karte wieder
einsteckte. Das wäre das Einzige
mal in meiner ganzen Karriere gewesen,
dass ich vom Platz geflogen wäre
und es wäre in dieser Situation natürlich
auch verdient gewesen.
Hatten Sie schwere
Verletzungen in Ihrer aktiven Zeit?
Uwe Habedank:
Ich hatte einige Operationen. Beide Patellasehnen
waren gerissen und ich habe nur noch einen
Meniskus irgendwo. Aber wo der ist, weiß
ich auch nicht so genau. Da ich sportlich
aber immer dabei geblieben bin, habe ich
damit keine Probleme. Ich jogge, fahre
Mountainbike und im Winter fahre ich gerne
Abfahrtski.
Ist der Sport
Ihr Hobby oder haben Sie noch andere Hobbys?
Uwe Habedank:
Ich mache gerne Gartenarbeit. In meinem
Garten habe ich einen Biergarten gebaut,
in Kassel gibt es keinen schöneren.
Der ist für 20 bis 30 Leute und da
ich eine große Familie habe, ist
es schön, wenn man so etwas zu Hause
hat. Zudem habe ich meinen sieben Jahre
alten Sohn. Und da ich ja kein Trainer
mehr bin, betreue ich die G-Jugend von
Nordshausen, wo er spielt, ein wenig mit.
Mal sehen, wie der sich so entwickelt.
Der wird mal besser als ich.
Wie haben Sie
die weitere Entwicklung des KSV Hessen
Kassel nach Ihrer Karriere beobachtet.
Uwe Habedank:
Die Entwicklung habe ich immer mit Interesse
verfolgt, allerdings weniger im Stadion.
Ich war ja danach Spielertrainer von Olympia
Kassel und hatte da einfach keine Zeit
ins Stadion zu gehen. Ich wollte immer
eine Mannschaft aus der Region trainieren,
so wie ja dann nach Olympia Kassel auch
Ziegenhain, Dörnberg, Besse, und
Nordshausen. Aber auch heute noch interessieren
mich die Transfers und wie es mit dem
Verein weitergeht.
Was für
eine Entwicklung sollte Ihrer Meinung
nach der KSV Hessen Kassel gehen?
Uwe Habedank:
Der KSV Hessen Kassel musste es versuchen
in die Regionalliga aufzusteigen. Im Nachhinein
ist es immer leicht zu kritisieren und
es steht mir auch gar nicht zu. Aber sie
haben es ja offensichtlich verstanden
die finanziellen Mittel richtig einzusetzen,
um so einen Mann wie den Andre Breitenreiter
zu holen. Sie hätten ja auch den
Aufstieg genauso gut schaffen können,
denn so Spiele wie gegen Eschborn, hätte
man auch gewinnen können. Der KSV
hat nun mal bessere finanzielle Möglichkeiten,
als der KSV Baunatal oder andere Vereine.
Allerdings würde ich kein Risiko
eingehen und nicht mehr ausgeben, als
ich erwarte einzunehmen. Das heißt,
ich kann nicht von einem unrealistischem
Zuschauerschnitt von 5.000 Zuschauern
ausgehen und weiß genau, wir haben
nur 2.500. Mit dem, was bei 2.500 Zuschauern
reinkommt, plus den anderen finanziellen
Einnahmen, würde ich kalkulieren.
Und dann wird dem KSV wahrscheinlich gar
nichts anderes übrig bleiben, als
auf regionale Spieler zu bauen. Ich würde
Spieler, die früher mal beim KSV
gespielt haben zusammenholen und bitten
für den KSV regionale Talente zu
sichten und zu beobachten. Klaus Weiland
ist zum Beispiel im Kreis Bebra zu Hause,
Wolfgang Hansmann im Kreis Ziegenhain
oder Rainer Künkel im Kreis Marburg.
Dann könnte man diese Talente mal
ansprechen oder zum Probetraining einladen,
um beurteilen zu können, ob er den
Sprung in die Mannschaft schaffen kann.
Damals sind die auch alle gerne zum KSV
gekommen. Ein großes Manko des KSV
war es leider schon immer, die Spieler,
die aufgehört haben, in das Vereinsleben
mit einzubinden. Das war bei mir damals
auch leider so. Ich hatte zwar das Interesse
andere Vereine zu trainieren, aber man
sollte gerade dann diese Leute, die in
der Region herumkommen mit einbinden und
sagen „Mensch Uwe, wenn Du mal ein
Talent siehst, gib uns mal einen Tip“.
So könnten sich diese „Talentspäher“
einmal im Monat treffen und sich austauschen
und gegebenenfalls zusammen irgendwohin
fahren. 6 Augen sehen mehr als 2. Man
müsste dann nicht das große
Kapital aufbringen, um einen fertigen
Spieler zu bekommen, obwohl man so einen
natürlich auch in der Mannschaft
braucht. Der KSV ist nach wie vor der
KSV und hat immer noch diesen Kredit.
Deswegen hat der Verein auch Zeit für
diese Entwicklung, denn es ist nicht der
richtige Weg, sich wie in dieser Bielefeld-Aktion
so in die Millionenschulden zu begeben,
dass sie es aufgeben mussten. Das wäre
sicherlich nicht der richtige Weg.
Tim
Siebrecht