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11Freunde - Januar 2002

Löwen in der Straßenbahn

Es war ein schlimmer Abschied. Es war bitterkalt und die Menschen weinten. Das letzte Spiel des FC Hessen Kassel gegen die Amateure des Karlsruher SC sahen am 13. Dezember 1998 gerade einmal achthundert Zuschauer im Auestadion und nach dem Schlusspfiff flossen die Tränen, beim Trainer, bei den Spielern, bei den Zuschauern. Einen Monat später stimmten die Mitglieder für die Löschung des Klubs aus dem Vereinsregister. Zu diesem Zeitpunkt war das Telefon in der Geschäftsstelle längst wegen Zahlungsverzug abgeklemmt und in den kahlen Räumen stapelten sich die Umzugskartons. Der absolute Tiefpunkt. Eshatte so kommen müssen. Über viele Jahre hinweg hatten die Kasselaner Vereinsvorstände und Manager weit über die Verhältnisse gelebt, sie hatten reihenweise Spieler verpflichtet, die nicht zu bezahlen waren und abenteuerliche Etats aufgestellt, die keine betriebswirtschaftliche Prüfung überlebt hätten. Doch so genau wollte im Verein keiner wissen, wie es um die Finanzen bestellt war, solange die Mannschaft in der zweiten Liga spielte und es immer mal wieder so aussah, als könnte auch die Bundesliga drin sein. Aber die Bundesliga war nicht drin und irgendwann war dann Schluss.

In die Oberliga abgestiegen und mit 2,5 Millionen Mark Schulden hoffnungslos überschuldet, ging im Jahre 1993 der damalige KSV Hessen Kassel erstmals in Konkurs. Der Verein wurde aufgelöst, ein neuer Verein namens FC Hessen wurde gegründet und die Mannschaft durfte in der Regionalliga bleiben. Ein letzter Warnschuss sozusagen, aber weiter gemacht wurde selbstverständlich in bewährter Manier. Geld, das man nicht hatte, wurde freizügig ausgegeben, und der neue Präsident Gert Hartmann verkündete gleich mal zu Beginn, man wolle binnen drei Jahren wieder in die 2. Liga. Statt dessen landete der Verein 1998 abermals vor dem Konkursrichter, der jedoch nicht einmal das Verfahren eröffnen will, weil nichts mehr da ist, was die Gläubiger interessieren könnte, nur ein paar Pokale, Regalbretter, Kugelschreiber.

Aber als in der Kantine der Lüttich-Kaserne die Selbstauflösung beschlossen wurde, hatte bereits ein Gespräch stattgefunden, dass später einmal seinen Ehrenplatz in der KSV-Geschichte finden wird. Marketing-Fachmann Jörg Schmidt und Jörg Müller, der Trainer der 2. Mannschaft, haben sich nämlich in einer Studentenkneipe zum Frühstück getroffen, um sich über die Zukunft zu unterhalten. Eine Neugründung schwebte den beiden vor, ganz unten noch einmal von vorne anfangen und alles anders machen. „Wir haben mal aufgeschrieben, was wir alles verwirklichen wollten", sagt Jörg Schmidt rückblickend. Heute macht er sich manchmal den Spaß und holt dieses Papier aus der Schublade. Es liest sich wie ein Masterplan für einen gefallenen Riesen. „Eine Verbindung zwischen Tradition und Kult" wollten sie schaffen und setzten dabei auf alte KSV-Kämpen. Und die waren alle bereit zu helfen. Holger Brück, der lange Jahre bei Hertha BSC in der Bundesliga gespielt hatte, wurde erster Präsident. Thomas Freudenstein, seit 1983 als Spieler im Verein und aber längst Fußball-Pensionär, schnürte noch einmal die Stiefel. Für die Kreisliga A würde es schon noch reichen.

Denn dorthin wurde der neu gegründete Verein verbannt. Kein Mitleid diesmal, keine Nachsicht, der alten Zeiten wegen. Und so verbrachte die neue Vereinsführung bange Monate bis zum Saisonstart der Kreisliga. Wie werden die Fans reagieren, wie die Spnsoren? Schenken sie dem KSV noch einmal das Vertrauen? Sicherheitshalber wollte man nicht mehr im Auestadion spielen, sondern nebenan auf Platz G, einem Sportplatz mit großem Gitter hinter den Toren.

Doch schon beim ersten Spiel des KSV wurde klar, dass diese Mannschaft keine gewöhnliche Amateurtruppe war. Zur 1. Runde im Kreispokal gegen den ESV Jahn begleiteten 700 Fans die Rot-Weißen und bejubelten euphorisch den Ausgleich durch „Charly" Wimmer, was den besonders freute, schließlich war er schon 53 Jahre alt. Und die Anhänger blieben bei der Stange. Rund tausend Fans besuchten im Durchschnitt die Spiele auf dem Nebenplatz, der sogleich in „Löwenkäfig" umgetauft wurde. Eine Sympathiewelle schwappte durch Nordhessen, tausend Mitglieder traten binnen kurzer Zeit ein, der Vorgängerverein hatte gerade einmal 400. Und als das Spiel gegen den neuen Lokalrivalen VfL Kassel anstand, charterten die Fans kurzerhand eine Straßenbahn und fuhren ab Auestadion fahnenschwenkend zum Auswärtsspiel in die Nordstadt. Zum Kick im benachbarten Wolfsanger paddelten ganz verwegene Anhänger dann gleich mit dem Schlauchboot.

Auch die Sponsoren fassten langsam wieder Vertrauen. Die Identifikationsfigur Holger Brück öffnete Türen. Nicht wenige machten es wie Unternehmer Jens Rose, der für seine Gleisbaufirma zahlreiche Werbebanden mietete. Ein Akt der Solidarität, „vielleicht leistet sich mal jemand einen privaten Gleisanschluss." Auch er war vom Konzept der neuen Führung überzeugt, das Marketing-Mann Jörg Schmidt umreißt: „Wir wollen keine Schulden mehr machen. Wir kalkulieren also sehr vorsichtig und geben nur das aus, was wir vorher eingenommen haben". Denn auch er weiß: „Eine dritte Pleite verzeiht uns niemand."

Doch von den dunklen Neunziger Jahren spricht derzeit in Kassel niemand mehr, denn am Ende der Saison 1998/99 stand der Aufstieg in die Bezirksliga und am Ende der folgenden Saison ein weiterer, diesmal in die Bezirksoberliga. So sollte das weiter gehen, fanden die Fans, und mussten sich erst daran gewöhnen, dass in der neuen Klasse die Tore nicht in schöner Regelmäßigkeit fallen wie in den Ligen darunter. Und als nach 67 Heimsiegen in Folge der TuS Grebenstein auf dem Nebenplatz G mit 1:0 gewann, schauten sich die Fans verdutzt an und Beobachter notierten einzelne Pfiffe. „Natürlich ist die Erwartungshaltung der Fans gestiegen", sagt dann auch Jörg Schmidt, „und nicht wenige erwarten von uns den direkten Durchmarsch in die Oberliga."

Immerhin spielt der KSV inzwischen in der Landesliga und die Mannschaft schickt sich an, abermals die Klasse zu wechseln. Nach oben, versteht sich. Und das hängt mit einem Mann zusammen, der sich wohl noch vor wenigen Wochen nichts weniger hätte vorstellen können, als für einen Landesligisten in der nordhessischen Provinz auf Torejagd zu gehen. Denn im letzten Jahr spielte Andreas Mayer noch in Aberdeen, schottische Premier League. Als der KSV Hessen nun in der Landesliga sich plötzlich im Tabellenkeller wiederfand, bemühte die Vereinsspitze das weitverzweigte Telefonbuch von „Welt"-Fotograf und „11 Freunde"-Autor Martin Lengemann, seit Kindesbeinen glühender KSV-Anhänger. Es wurde viel telefoniert in diesen Tagen und irgendwann stand der Name Mayer im Raum. Doch der blieb skeptisch, erst nach einem Besuch in Kassel mit Programm von morgens bis abends begann ihn dieser verrückte Landesliga-Verein zu interessieren. Abends beim Essen fragte er den Präsidenten Brück, welches System der KSV denn spiele. „In diesem Moment habe ich gewusst, dass er zusagt", sagt Lengemann rückblickend.

Nun ist er da und mit ihm kam auch der Erfolg heim ins Auestadion, wohin die Mannschaft inzwischen wieder zurückgekehrt ist. Sechs der letzten sieben Spiele hat der KSV gewonnen und die Mannschaft ist an Mayer gewachsen. Jörg Schmidt ist die Begeisterung über die unverhoffte Neuerwerbung deutlich anzumerken. „Mayer ist Profi durch und durch. Er hängt sich jeden Tag im Training vorbildlich rein und zieht damit die anderen Spieler mit." Mittlerweile haben ihm die Fans den Beinamen „Magic" verpasst, die Bewunderung ist allumfassend. Natürlich werden sie ihm keine Steine in den Weg legen, wenn ein höherklassiger Club anruft, aber bis dahin grätscht und läuft Mayer für den KSV.

Die Zuschauer danken es ihm. Gegen den Ortsrivalen Lohfelden kamen neulich knapp 5000 Zuschauer. In der Landesliga. Es hätten noch mehr werden können, wenn das Wetter mitgespielt hätte. Doch ob Sturm oder Hagel durchs Auestadion pfeift, so kalt wie am 13. Dezember 1998 wird es dem KSV Hessen wohl nie mehr werden.

Felix Mergen