Löwen in
der Straßenbahn
Es war ein schlimmer
Abschied. Es war bitterkalt und die Menschen
weinten. Das letzte Spiel des FC Hessen
Kassel gegen die Amateure des Karlsruher
SC sahen am 13. Dezember 1998 gerade einmal
achthundert Zuschauer im Auestadion und
nach dem Schlusspfiff flossen die Tränen,
beim Trainer, bei den Spielern, bei den
Zuschauern. Einen Monat später stimmten
die Mitglieder für die Löschung
des Klubs aus dem Vereinsregister. Zu
diesem Zeitpunkt war das Telefon in der
Geschäftsstelle längst wegen
Zahlungsverzug abgeklemmt und in den kahlen
Räumen stapelten sich die Umzugskartons.
Der absolute Tiefpunkt. Eshatte so kommen
müssen. Über viele Jahre hinweg
hatten die Kasselaner Vereinsvorstände
und Manager weit über die Verhältnisse
gelebt, sie hatten reihenweise Spieler
verpflichtet, die nicht zu bezahlen waren
und abenteuerliche Etats aufgestellt,
die keine betriebswirtschaftliche Prüfung
überlebt hätten. Doch so genau
wollte im Verein keiner wissen, wie es
um die Finanzen bestellt war, solange
die Mannschaft in der zweiten Liga spielte
und es immer mal wieder so aussah, als
könnte auch die Bundesliga drin sein.
Aber die Bundesliga war nicht drin und
irgendwann war dann Schluss.
In die Oberliga abgestiegen
und mit 2,5 Millionen Mark Schulden hoffnungslos
überschuldet, ging im Jahre 1993
der damalige KSV Hessen Kassel erstmals
in Konkurs. Der Verein wurde aufgelöst,
ein neuer Verein namens FC Hessen wurde
gegründet und die Mannschaft durfte
in der Regionalliga bleiben. Ein letzter
Warnschuss sozusagen, aber weiter gemacht
wurde selbstverständlich in bewährter
Manier. Geld, das man nicht hatte, wurde
freizügig ausgegeben, und der neue
Präsident Gert Hartmann verkündete
gleich mal zu Beginn, man wolle binnen
drei Jahren wieder in die 2. Liga. Statt
dessen landete der Verein 1998 abermals
vor dem Konkursrichter, der jedoch nicht
einmal das Verfahren eröffnen will,
weil nichts mehr da ist, was die Gläubiger
interessieren könnte, nur ein paar
Pokale, Regalbretter, Kugelschreiber.
Aber als in der Kantine
der Lüttich-Kaserne die Selbstauflösung
beschlossen wurde, hatte bereits ein Gespräch
stattgefunden, dass später einmal
seinen Ehrenplatz in der KSV-Geschichte
finden wird. Marketing-Fachmann Jörg
Schmidt und Jörg Müller, der
Trainer der 2. Mannschaft, haben sich
nämlich in einer Studentenkneipe
zum Frühstück getroffen, um
sich über die Zukunft zu unterhalten.
Eine Neugründung schwebte den beiden
vor, ganz unten noch einmal von vorne
anfangen und alles anders machen. „Wir
haben mal aufgeschrieben, was wir alles
verwirklichen wollten", sagt Jörg
Schmidt rückblickend. Heute macht
er sich manchmal den Spaß und holt
dieses Papier aus der Schublade. Es liest
sich wie ein Masterplan für einen
gefallenen Riesen. „Eine Verbindung
zwischen Tradition und Kult" wollten
sie schaffen und setzten dabei auf alte
KSV-Kämpen. Und die waren alle bereit
zu helfen. Holger Brück, der lange
Jahre bei Hertha BSC in der Bundesliga
gespielt hatte, wurde erster Präsident.
Thomas Freudenstein, seit 1983 als Spieler
im Verein und aber längst Fußball-Pensionär,
schnürte noch einmal die Stiefel.
Für die Kreisliga A würde es
schon noch reichen.
Denn dorthin wurde der
neu gegründete Verein verbannt. Kein
Mitleid diesmal, keine Nachsicht, der
alten Zeiten wegen. Und so verbrachte
die neue Vereinsführung bange Monate
bis zum Saisonstart der Kreisliga. Wie
werden die Fans reagieren, wie die Spnsoren?
Schenken sie dem KSV noch einmal das Vertrauen?
Sicherheitshalber wollte man nicht mehr
im Auestadion spielen, sondern nebenan
auf Platz G, einem Sportplatz mit großem
Gitter hinter den Toren.
Doch schon beim ersten
Spiel des KSV wurde klar, dass diese Mannschaft
keine gewöhnliche Amateurtruppe war.
Zur 1. Runde im Kreispokal gegen den ESV
Jahn begleiteten 700 Fans die Rot-Weißen
und bejubelten euphorisch den Ausgleich
durch „Charly" Wimmer, was
den besonders freute, schließlich
war er schon 53 Jahre alt. Und die Anhänger
blieben bei der Stange. Rund tausend Fans
besuchten im Durchschnitt die Spiele auf
dem Nebenplatz, der sogleich in „Löwenkäfig"
umgetauft wurde. Eine Sympathiewelle schwappte
durch Nordhessen, tausend Mitglieder traten
binnen kurzer Zeit ein, der Vorgängerverein
hatte gerade einmal 400. Und als das Spiel
gegen den neuen Lokalrivalen VfL Kassel
anstand, charterten die Fans kurzerhand
eine Straßenbahn und fuhren ab Auestadion
fahnenschwenkend zum Auswärtsspiel
in die Nordstadt. Zum Kick im benachbarten
Wolfsanger paddelten ganz verwegene Anhänger
dann gleich mit dem Schlauchboot.
Auch die Sponsoren fassten
langsam wieder Vertrauen. Die Identifikationsfigur
Holger Brück öffnete Türen.
Nicht wenige machten es wie Unternehmer
Jens Rose, der für seine Gleisbaufirma
zahlreiche Werbebanden mietete. Ein Akt
der Solidarität, „vielleicht
leistet sich mal jemand einen privaten
Gleisanschluss." Auch er war vom
Konzept der neuen Führung überzeugt,
das Marketing-Mann Jörg Schmidt umreißt:
„Wir wollen keine Schulden mehr
machen. Wir kalkulieren also sehr vorsichtig
und geben nur das aus, was wir vorher
eingenommen haben". Denn auch er
weiß: „Eine dritte Pleite
verzeiht uns niemand."
Doch von den dunklen
Neunziger Jahren spricht derzeit in Kassel
niemand mehr, denn am Ende der Saison
1998/99 stand der Aufstieg in die Bezirksliga
und am Ende der folgenden Saison ein weiterer,
diesmal in die Bezirksoberliga. So sollte
das weiter gehen, fanden die Fans, und
mussten sich erst daran gewöhnen,
dass in der neuen Klasse die Tore nicht
in schöner Regelmäßigkeit
fallen wie in den Ligen darunter. Und
als nach 67 Heimsiegen in Folge der TuS
Grebenstein auf dem Nebenplatz G mit 1:0
gewann, schauten sich die Fans verdutzt
an und Beobachter notierten einzelne Pfiffe.
„Natürlich ist die Erwartungshaltung
der Fans gestiegen", sagt dann auch
Jörg Schmidt, „und nicht wenige
erwarten von uns den direkten Durchmarsch
in die Oberliga."
Immerhin spielt der KSV
inzwischen in der Landesliga und die Mannschaft
schickt sich an, abermals die Klasse zu
wechseln. Nach oben, versteht sich. Und
das hängt mit einem Mann zusammen,
der sich wohl noch vor wenigen Wochen
nichts weniger hätte vorstellen können,
als für einen Landesligisten in der
nordhessischen Provinz auf Torejagd zu
gehen. Denn im letzten Jahr spielte Andreas
Mayer noch in Aberdeen, schottische Premier
League. Als der KSV Hessen nun in der
Landesliga sich plötzlich im Tabellenkeller
wiederfand, bemühte die Vereinsspitze
das weitverzweigte Telefonbuch von „Welt"-Fotograf
und „11 Freunde"-Autor Martin
Lengemann, seit Kindesbeinen glühender
KSV-Anhänger. Es wurde viel telefoniert
in diesen Tagen und irgendwann stand der
Name Mayer im Raum. Doch der blieb skeptisch,
erst nach einem Besuch in Kassel mit Programm
von morgens bis abends begann ihn dieser
verrückte Landesliga-Verein zu interessieren.
Abends beim Essen fragte er den Präsidenten
Brück, welches System der KSV denn
spiele. „In diesem Moment habe ich
gewusst, dass er zusagt", sagt Lengemann
rückblickend.
Nun ist er da und mit
ihm kam auch der Erfolg heim ins Auestadion,
wohin die Mannschaft inzwischen wieder
zurückgekehrt ist. Sechs der letzten
sieben Spiele hat der KSV gewonnen und
die Mannschaft ist an Mayer gewachsen.
Jörg Schmidt ist die Begeisterung
über die unverhoffte Neuerwerbung
deutlich anzumerken. „Mayer ist
Profi durch und durch. Er hängt sich
jeden Tag im Training vorbildlich rein
und zieht damit die anderen Spieler mit."
Mittlerweile haben ihm die Fans den Beinamen
„Magic" verpasst, die Bewunderung
ist allumfassend. Natürlich werden
sie ihm keine Steine in den Weg legen,
wenn ein höherklassiger Club anruft,
aber bis dahin grätscht und läuft
Mayer für den KSV.
Die Zuschauer danken
es ihm. Gegen den Ortsrivalen Lohfelden
kamen neulich knapp 5000 Zuschauer. In
der Landesliga. Es hätten noch mehr
werden können, wenn das Wetter mitgespielt
hätte. Doch ob Sturm oder Hagel durchs
Auestadion pfeift, so kalt wie am 13.
Dezember 1998 wird es dem KSV Hessen wohl
nie mehr werden.
Felix Mergen