KSV Hessen Kassel
fühlt sich reif fürs Guinness-Buch
Langsam wird es langweilig.
Der KSV Hessen Kassel gönnt seinen
Anhängern einfach nicht den schmerzlichen,
aber spannenden Moment einer Niederlage.
Mehr als zwei Jahre nach der Neugründung
ist der traditionsreiche Fußball-Klub
selbst nach 58 Spielen noch immer ungeschlagen.
Zunächst Meister in der Kreisliga
A im Jahr 1999, wiederholten die Kasseler
dieses Kunststück nun auch in der
Bezirksliga. Mit der imposanten Bilanz
von 84 Punkten und 129:21 Toren hat der
Klub den Aufstieg in die Bezirksoberliga
geschafft.
Der KSV Hessen spielt
somit „nur” noch in der sechsten
Liga. Frühestens im Jahr 2003 könnte
die Mannschaft in die Regionalliga zurückkehren.
Doch schon jetzt blicken die Nordhessen
nach Höherem. „Wir lassen gerade
prüfen, ob wir mit unserer Serie
reif für einen Eintrag ins Guinness-Buch
der Rekorde sind”, sagt Trainer
Jörg Müller. Aber selbst wenn
ein anderer Klub noch länger ungeschlagen
sei, so habe der KSV eine besondere Würdigung
verdient. „Was sich hier innerhalb
von zwei Jahren entwickelt hat, ist einzigartig”,
sagt der 41 Jahre alte Trainer. „Mit
uns hat doch nach dem Konkurs des FC Hessen
niemand mehr gerechnet.” Doch jetzt
sind die Kasseler nach Meinung der Fans
ein „Kultverein” geworden.
„Der
Etat für die Bezirksoberliga ist
bereits gedeckt”, sagt der Vorsitzende
Holger Brück. Von den kalkulierten
350 000 Mark entfalle der größte
Teil auf die Jugendabteilung mit den 250
aktiven Nachwuchsspielern. Machbar werde
dies durch mehr als 100 Sponsoren, darunter
auch das Staatstheater. Professionelle
Darbietungen statt Laienspielschar –
der KSV Hessen hat aus den Fehlern der
Vergangenheit gelernt. So wurde bereits
in der Kreisliga eine Vermarktungsgesellschaft
gegründet, die finanzielle Unterstützer
akquiriert und betreut. „Langfristig
hoffen wir auf die Zusammenarbeit mit
einer professionellen und überregionalen
Agentur”, sagt der 32 Jahre alte
Jörg Schmidt, der sich ehrenamtlich
um das Marketing kümmert. „Denn
das Potenzial für höherklassigen
Fußball in der Region ist da.”
Die Begeisterung der
Anhänger ist trotz oder gerade wegen
der fast langweiligen Siegesserie ungebrochen
groß. Rund 900 Besucher kamen im
Schnitt zu den Begegnungen im „Löwenkäfig”.
Neidisch blicken die nordhessischen Oberliga-Vereine
FSC Lohfelden. KSV Baunatal und SC Neukirchen
auf den Nebenplatz des Auestadions. Obwohl
sportlich höherklassig, sind sie
von einem solchen Zuspruch weit entfernt.
Besonders beim KSV-Nachbarn Lohfelden
werden die Begegnungen praktisch unter
dem unfreiwilligen Ausschluss der Öffentlichkeit
ausgetragen. Neben dem Traditionsbonus
profitiert Hessen Kassel wohl auch von
der cleveren und einfallsreichen Vermarktung.
So finden die zahlreichen Fanartikel wie
Trikots, Schals, Uhren und das „KSV-Duschgel”
schon seit der Kreisliga reißenden
Absatz. Ein sprichwörtlicher Hit
ist aber die neue Klub-CD „Jetzt
erst recht”. Im Winter hatte Schmidt
die Kasseler Rockgruppe „Wild Frontier”
zu dem Song animiert. Bei den Aufnahmen
im Klub-heim wirkten dann die Fans als
Chor, sangen den in nordhessischer Lyrik
gedichteten Refrain: „Jetzt oder
nie – Hessen Kassel, wir stehen
zu dir”. Als die CD schließlich
veröffentlicht wurde, begleitete
dies der KSV mit einer Werbekampagne.
So wurden 10 000 Postkarten verteilt,
1000 Plakate in der Stadt aufgehängt
und Anzeigen in den lokalen Stadtmagazinen
geschaltet. Zudem organisiert der Marketing-Chef
Autogrammstunden und eine Live-Präsentation
im „Löwenkäfig”.
„Die erste Pressung mit 500 Exemplaren
ist praktisch ausverkauft”, sagt
Schmidt. „und in der Hitparade der
Kasseler CD-Händler lagen wir zeitweise
vor Tom Jones und den Toten Hosen”.
Und trotzdem ist der
KSV Hessen noch lang keine „Sex-Bombe”.
So haben sich dem Klub zwar mittlerweile
1000 Mitglieder angeschlossen, doch die
Zahl stagniert seit Monaten. „Die
ganz große Euphorie der ersten Monate
ist natürlich mittlerweile verflogen”,
sagt Brück. Auch die Anhänger,
die sich im Jahr eins der Neugründung
noch mit kreativen Aktionen überboten,
verfallen langsam wieder in die nordhessische
Mentalität. Als die Mannschaft zu
Saisonbeginn zwar gewann, aber die Gegner
nicht zweistellig vom Platz schoss, gab
es erste Pfiffe. „Die Leute sind
langsam ein wenig verwöhnt”,
sagt Trainer Müller, über dessen
vorzeitige Ablösung promt auf der
Internet Homepage spekuliert wurde. Ernsthafte
Sorgen muss sich der Klub besonders wegen
einer Fan-Minderheit machen, die während
der Begegnung lautstark fremdenfeindliche
Parolen grölt. Bei einem Auswärtsspiel
bei einer türkischen Mannschaft kam
es, nach gegenseitigen Provokationen,
sogar zu einem handfesten Polizei-Einsatz.
„Diese Gruppe gab es leider schon
immer in Kassel”, sagt der KSV-Vorsitzende
Brück. „Nur sind die früher
im Auestadion in der größeren
Zuschauerzahl untergegangen.” Jetzt
nutzen die „Bombers” die engen.
Sportplätze als Plattform. Die anderen
sieben Fan-Klubs distanzieren sich zwar
von den Parolen und versuchen mit lautstarken
Trommeln die Krakeeler zu übertönen,
doch eine Lösung ist das nicht. „Wir
müssen uns in der nächsten Saison
etwas einfallen lassen, sonst befürchte
ich im Fall schwerwiegender Fehlentscheidungen
eines Schiedsrichters eine Eskalation”,
sagte Schmidt.
Verhindern können
das nur weitere Siege. Garantieren sollen
dies die Neuzugänge. Mit Marc Rosch,
Patrick Pfalzgraf (beide FSC Lohfelden)
und Marco Mason (SC Neukirchen) wechseln
drei erfahrene Oberligaspieler zum KSV.
Dazu wird der Angriff mit dem Landesligastürmer
Claus Schäfer vom FSV Kassel verstärkt.
Für die große, aber zuletzt
chaotisch geführte Jugendabteilung
konnte Brück zudem den langjährigen
Regionalliga-Trainer Karl-Heinz Wolf als
Koordinator gewinnen. Namen, die verpflichten.
„Wir sind zum direkten Aufstieg,
in die Landesliga verdammt”, sagt
Trainer Müller. „Sonst hat
der Kult sofort ein Ende.” Vielleicht
gönnt der KSV Hessen seinen Anhängern
zumindest eine Niederlage. Denn ohne dieses
Salz sind bekanntlich Siege ungenießbar.
Und langweilig.
Markus Kerner