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Frankfurter Allgemeine Zeitung - 08.06.2000

KSV Hessen Kassel fühlt sich reif fürs Guinness-Buch

Langsam wird es langweilig. Der KSV Hessen Kassel gönnt seinen Anhängern einfach nicht den schmerzlichen, aber spannenden Moment einer Niederlage. Mehr als zwei Jahre nach der Neugründung ist der traditionsreiche Fußball-Klub selbst nach 58 Spielen noch immer ungeschlagen. Zunächst Meister in der Kreisliga A im Jahr 1999, wiederholten die Kasseler dieses Kunststück nun auch in der Bezirksliga. Mit der imposanten Bilanz von 84 Punkten und 129:21 Toren hat der Klub den Aufstieg in die Bezirksoberliga geschafft.

Der KSV Hessen spielt somit „nur” noch in der sechsten Liga. Frühestens im Jahr 2003 könnte die Mannschaft in die Regionalliga zurückkehren. Doch schon jetzt blicken die Nordhessen nach Höherem. „Wir lassen gerade prüfen, ob wir mit unserer Serie reif für einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde sind”, sagt Trainer Jörg Müller. Aber selbst wenn ein anderer Klub noch länger ungeschlagen sei, so habe der KSV eine besondere Würdigung verdient. „Was sich hier innerhalb von zwei Jahren entwickelt hat, ist einzigartig”, sagt der 41 Jahre alte Trainer. „Mit uns hat doch nach dem Konkurs des FC Hessen niemand mehr gerechnet.” Doch jetzt sind die Kasseler nach Meinung der Fans ein „Kultverein” geworden.

„Der Etat für die Bezirksoberliga ist bereits gedeckt”, sagt der Vorsitzende Holger Brück. Von den kalkulierten 350 000 Mark entfalle der größte Teil auf die Jugendabteilung mit den 250 aktiven Nachwuchsspielern. Machbar werde dies durch mehr als 100 Sponsoren, darunter auch das Staatstheater. Professionelle Darbietungen statt Laienspielschar – der KSV Hessen hat aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt. So wurde bereits in der Kreisliga eine Vermarktungsgesellschaft gegründet, die finanzielle Unterstützer akquiriert und betreut. „Langfristig hoffen wir auf die Zusammenarbeit mit einer professionellen und überregionalen Agentur”, sagt der 32 Jahre alte Jörg Schmidt, der sich ehrenamtlich um das Marketing kümmert. „Denn das Potenzial für höherklassigen Fußball in der Region ist da.”

Die Begeisterung der Anhänger ist trotz oder gerade wegen der fast langweiligen Siegesserie ungebrochen groß. Rund 900 Besucher kamen im Schnitt zu den Begegnungen im „Löwenkäfig”. Neidisch blicken die nordhessischen Oberliga-Vereine FSC Lohfelden. KSV Baunatal und SC Neukirchen auf den Nebenplatz des Auestadions. Obwohl sportlich höherklassig, sind sie von einem solchen Zuspruch weit entfernt. Besonders beim KSV-Nachbarn Lohfelden werden die Begegnungen praktisch unter dem unfreiwilligen Ausschluss der Öffentlichkeit ausgetragen. Neben dem Traditionsbonus profitiert Hessen Kassel wohl auch von der cleveren und einfallsreichen Vermarktung. So finden die zahlreichen Fanartikel wie Trikots, Schals, Uhren und das „KSV-Duschgel” schon seit der Kreisliga reißenden Absatz. Ein sprichwörtlicher Hit ist aber die neue Klub-CD „Jetzt erst recht”. Im Winter hatte Schmidt die Kasseler Rockgruppe „Wild Frontier” zu dem Song animiert. Bei den Aufnahmen im Klub-heim wirkten dann die Fans als Chor, sangen den in nordhessischer Lyrik gedichteten Refrain: „Jetzt oder nie – Hessen Kassel, wir stehen zu dir”. Als die CD schließlich veröffentlicht wurde, begleitete dies der KSV mit einer Werbekampagne. So wurden 10 000 Postkarten verteilt, 1000 Plakate in der Stadt aufgehängt und Anzeigen in den lokalen Stadtmagazinen geschaltet. Zudem organisiert der Marketing-Chef Autogrammstunden und eine Live-Präsentation im „Löwenkäfig”. „Die erste Pressung mit 500 Exemplaren ist praktisch ausverkauft”, sagt Schmidt. „und in der Hitparade der Kasseler CD-Händler lagen wir zeitweise vor Tom Jones und den Toten Hosen”.

Und trotzdem ist der KSV Hessen noch lang keine „Sex-Bombe”. So haben sich dem Klub zwar mittlerweile 1000 Mitglieder angeschlossen, doch die Zahl stagniert seit Monaten. „Die ganz große Euphorie der ersten Monate ist natürlich mittlerweile verflogen”, sagt Brück. Auch die Anhänger, die sich im Jahr eins der Neugründung noch mit kreativen Aktionen überboten, verfallen langsam wieder in die nordhessische Mentalität. Als die Mannschaft zu Saisonbeginn zwar gewann, aber die Gegner nicht zweistellig vom Platz schoss, gab es erste Pfiffe. „Die Leute sind langsam ein wenig verwöhnt”, sagt Trainer Müller, über dessen vorzeitige Ablösung promt auf der Internet Homepage spekuliert wurde. Ernsthafte Sorgen muss sich der Klub besonders wegen einer Fan-Minderheit machen, die während der Begegnung lautstark fremdenfeindliche Parolen grölt. Bei einem Auswärtsspiel bei einer türkischen Mannschaft kam es, nach gegenseitigen Provokationen, sogar zu einem handfesten Polizei-Einsatz. „Diese Gruppe gab es leider schon immer in Kassel”, sagt der KSV-Vorsitzende Brück. „Nur sind die früher im Auestadion in der größeren Zuschauerzahl untergegangen.” Jetzt nutzen die „Bombers” die engen. Sportplätze als Plattform. Die anderen sieben Fan-Klubs distanzieren sich zwar von den Parolen und versuchen mit lautstarken Trommeln die Krakeeler zu übertönen, doch eine Lösung ist das nicht. „Wir müssen uns in der nächsten Saison etwas einfallen lassen, sonst befürchte ich im Fall schwerwiegender Fehlentscheidungen eines Schiedsrichters eine Eskalation”, sagte Schmidt.

Verhindern können das nur weitere Siege. Garantieren sollen dies die Neuzugänge. Mit Marc Rosch, Patrick Pfalzgraf (beide FSC Lohfelden) und Marco Mason (SC Neukirchen) wechseln drei erfahrene Oberligaspieler zum KSV. Dazu wird der Angriff mit dem Landesligastürmer Claus Schäfer vom FSV Kassel verstärkt. Für die große, aber zuletzt chaotisch geführte Jugendabteilung konnte Brück zudem den langjährigen Regionalliga-Trainer Karl-Heinz Wolf als Koordinator gewinnen. Namen, die verpflichten. „Wir sind zum direkten Aufstieg, in die Landesliga verdammt”, sagt Trainer Müller. „Sonst hat der Kult sofort ein Ende.” Vielleicht gönnt der KSV Hessen seinen Anhängern zumindest eine Niederlage. Denn ohne dieses Salz sind bekanntlich Siege ungenießbar. Und langweilig.

Markus Kerner