Gänsehaut
in der achten Liga
"Die Fans machten
aus unseren Spielen jedesmal ein Volksfest.
Bei meiner letzten Partie war es nur noch
Gänsehaut." Horst Knauf erzählt
von seiner Laufbahn. Nein, nicht von seiner
Zeit in der 1. Bundesliga. Immerhin kickte
er dort für Bayer Leverkusen gegen
Mannschaften wie Bayern München und
den damals so starken HSV. Knauf erzählt
von seiner Zeit in der Kreisliga A. Im
zarten Alter von 38 Jahren, ausgestattet
mit einigen Kilos Übergewicht, fing
er nach sechsjähriger Abstinenz 1998
noch mal mit dem Fußball spielen
an. Wie einige andere ältere Herren
auch. Thomas Freudenstein, Joschi Burjan,
Uwe Eplinius, Jörg Müller, gelegentlich
auch Holger Brück und eben Horst
Knauf.
Nach dem zweiten Konkurs
innerhalb von fünf Jahren wollte
keiner mehr die Löwen in höheren
Liga-Gefilden sehen. Zumindest nicht beim
Verband. So mußte der frisch gegründete
KSV Hessen im Sommer 1998 ganz unten anfangen.
In der Kreisliga A gegen Mannschaften
wie Fasanenhof und der Reserve vom SVH
Kassel.
Doch von Tristesse keine
Spur. Die Fans machten aus jedem Dorfplatz-Spiel
ein Happening. Sie organisierten Straßenbahnfahrten
zu Auswärtsspielen und reisten einmal
sogar mit dem Schlauchboot auf der "Fulle"
an. Auch die Mannschaft war für jeden
Spaß zu haben. Nicht selten übte
während des laufenden Spiels Joschi
Burjan mit den Zuschauern die La Ola Welle.
Auf dem Platz stand eine
lustige Truppe mit jungen Talenten wie
Stipe Jevtic und Mark Stieler, sowie der
alten Garde, von der die meisten noch
für den KSV in der zweiten Bundesliga
gespielt haben. Und die bunt gemischte
Mannschaft hatte nicht nur viel Spaß,
sondern sammelte auch fleißig Punkte
und Tore. Am Ende wurden die Löwen
mit 82 Punkten aus 28 Spielen und 148:14
Toren Meister. Ein Rekord für die
Ewigkeit: das Punktspiel gegen Wolfsanger
II wurde mit 19:1 gewonnen. "Je mehr
Erfolg wir hatten, desto besser wurde
es auch", schwärmt Knauf noch
heute. Und so wurden sie auf ihre alten
Tage noch mal richtig ehrgeizig. Auch
bei Knauf purzelten bald die Pfunde und
"Hotte" war fast rank und schlank
wie zu besten Profizeiten. Beim letzten
Saisonspiel gegen den TSV Ihringshausen
schien eine Verletzung dem Routinier einen
Streich zu spielen. Doch der Ehrgeiz war
zu groß. Knauf ließ sich fit
spritzen und erzielte zum Abschied noch
mal zwei Tore.
Die Resonanz auf die
Löwen in der achten Liga war unglaublich.
Nicht selten kamen 1.000 Zuschauer zu
den Spielen. So auch gegen Ihringshausen.
Obwohl die Mannschaft bereits seit Wochen
als Meister fest stand, wurde auf dem
Gelände des Kegelzentrums bis in
die Nacht gefeiert. Und nicht nur "Hotte"
Knauf hatte bei dieser Athmosphäre
eine Gänsehaut.
Oliver Zehe