Am
Ende bleiben Hessen Kassel nur leere Versprechungen
Musik verbindet.
Besonders in den Fußballstadien werden
Gesänge angestimmt, um gemeinschaftlich
die eigene Mannschaft zu Unterstützen
oder den Gegner zu necken. Umgekehrt lief
es am Samstag im Kasseler Auestadion, als
sich die Spieler des Regionalligaklubs FC
Hessen mit einem Lied von ihren Anhängern
verabschiedeten. "Drum sagen wir auf
Wiedersehen. Die Zeit mit euch war wunderschön",
dröhnte es vom Tonband. Doch der Wunsch
der Band "Die Toten Hosen" wurde
nicht erfüllt: "Wir wollen keine
Tränen sehen". Spieler und Anhänger
hatten allen Grund zur Niedergeschlagenheit.
Nachdem das zuständige Amtsgericht die
beantragte Eröffnung eines Konkursverfahrens
mangels vorhandener Masse abgelehnt hat, stehen
die Nordhessen vor dem endgültigen Aus.
Wenn nicht noch in letzter Sekunde ein finanzstarker
Retter für den mit offiziell mehr als
1,8 Millionen Mark verschuldeten Traditionsklub
gefunden wird, nimmt die Mannschaft nicht
mehr an der Regionalliga Süd teil. In
der Geschäftsstelle stehen schon die
Umzugskartons bereit. Viele werden nicht gebraucht,
denn das letzte Hab und Gut beschränkt
sich auf angestaubte Pokale aus besseren Zeiten.
Das Telefon ist längst gesperrt. Ein
Verein hört auf zu existieren.
"Mir
sind schon auf dem Spielfeld die Tränen
gekommen", sagte Mittelfeldspieler Marc
Rosch nach dem Schlußpfiff der Partie
gegen die Amateure des Karlsruher SC. Der
überragende Mann auf dem Platz konnte
sich angesichts der Umstände über
die eigene Leistung nicht sehr freuen. "Zumindest
kann ich nun auf Angebote von anderen Vereinen
hoffen", sagte Rosch. Auch die Mehrheit
seiner Mitspieler weiß noch nicht sicher,
für welchen Verein sie im Früjahr
gegen den Ball treten wird. Mit dem Gedanken,
daß das 2:2-Unentschieden wahrscheinlich
das letzte Punktspielergebnis des FC Hessen
ist, konnte sich niemand so richtig anfreunden.
"Ich kann noch gar nicht glauben, daß
nun alles vorbei sein soll", sagte Marco
Mason, der mehr als sechs Jahre für die
Nordhessen gespielt hat. Die rund 800 Zuschauer
verabschiedeten ihre Mannschaft gebührend.
Schon in der Halbzeitpause zogen sie über
das Spielfeld. Ihre Forderung: "Wir wollen
Fußball in Kassel." In den letzten
Minuten spendeten sie stehend Beifall für
die Spieler, die seit drei Monaten kein Gehalt
bekommen haben und dennoch bis zum Schluß
eine gute Leistung zeigten. "Die Mannschaft
besitzt eine hervorragende Moral und vor allem
Charakterstärke", lobte Trainer
Horst Schmidt. Ihn selbst feierten die Anhänger
überschwenglich. Der Oberstabsfeldwebel
bei der Bundeswehr hatte es in den vergangenen
Wochen geschafft, trotz katastrophaler Bedingungen
beim FC Hessen die Spieler zu motivieren und
das schon abhanden gekommene Gemeinschaftsgefühl
wieder aufleben zu lassen.
Die Hauptverantwortlichen
für die Misere des Traditionsvereins
waren am Samstag nicht im Stadion. Der FC-Vorsitzende
Horst Flöck war beruflich verhindert,
sein Stellvertreter Richard Wurbs im Urlaub
auf der Nordseeinsel Sylt, um "die Seele
baumeln zu lassen". Von dem umstrittenen
Manager Gerhardt Welz hatte sich Hessen Kassel
in der vergangenen Woche getrennt. Doch vielleicht
wird sogar der in den vergangenen Wochen stark
kritisierte Flöck zum großen Retter:
"Es gibt noch einen Strohhalm, an den
ich mich klammere", sagte der Kasseler
Kaufhof-Personalchef. Genauer wurde da schon
Hans-Jochem Weikert, der Geschäftsführer
der FC Hessen Marketing Gesellschaft. "Es
gibt Informationen, daß eine Sport-Marketing-Agentur
dem Verein helfen will." Von 700 000
Mark sei die Rede. Auch habe Flöck mit
Championsleague-Sieger Borussia Dortmund über
eine Kooperation verhandelt. "Die endgültige
Entscheidung fällt am kommenden Freitag",
sagte Weikert. Die Spieler zeigten sich skeptisch
über die vermeintliche neue Hoffnung.
"Uns sind in der Vergangenheit schon
viele leere Versprechungen gemacht worden",
sagte Kapitän Mario Deppe. Ein Abschiedslied
von den "Toten Hosen" war wohl passend.
Dirk Steinbach |