Einkaufstüten,
Nieselregen und ein paar Tränen
Der 13. Dezember 1997,
ein Tag vor dem dritten Advent. Ein naßkalter
Samstagnachmittag in Kassel. Nebliges
Wetter, etwas Nieselregen, genau die richtige
Zeit für eine Grippe. Die Nordhessen
die nicht krank im Bett liegen, schieben
sich durch die Obere Königsstraße.
Verkaufsoffener Samstag kurz vor Weihnachten.
Gerammelt volle Geschäfte. Über
die Lautsprecher erklingen Weihnachtslieder.
Der typische Kasseler hat mindestens drei
Einkaufstüten in der Hand und wirkt
gestreßt und genervt.
Ein anderes Bild nur
wenige Kilometer Luftlinie entfernt. Dort
ist von Gedränge keine Spur. 800
Zuschauer verlieren sich in der großen
Schüssel des Auestadions. Da kicken
in der Regionalliga Süd der FC Hessen
Kassel und die Amateure vom Karlsruher
SC gegeneinander. Ein ganz normales Spiel
in der dritten Liga. Ein ganz normales
Spiel? Mehrere Kamerateams von SAT 1,
RTL und dem HR haben Position bezogen.
Viel Trubel um eine Partie des Tabellenvorletzten
gegen den vierten.
Sie sind zusammen mit
den Zuschauern Kondolenzgäste bei
der Beerdigung eines Fußballvereins.
Sie nehmen Abschied vom FC Hessen Kassel.
Nur fünf Jahre nach seiner mißglückten
Geburt als Nachfolger des "alten"
KSV Hessen wird er bei tristen äußeren
Ambiente wieder zu Grabe getragen. Akrobatische
Finanzjonglagen richteten den Club zu
Grunde. Leidtragende waren vor allem die
Fans. "Wird’s die Löwen
nicht mehr geben, woll`n wir nicht mehr
leben" ist auf einem Transparent
zu lesen, das über dem Stadionzaun
hängt. Apokalypse in Kassel. Neunzig
Minuten Dauergesänge bei den Fans
auf der Gegengeraden, eine Polonaise zur
Pause und Ergriffenheit bei den Spielern.
"Als in der zweiten Halbzeit auf
der Tribüne alle aufgestanden sind,
hätte ich schon während des
Spiels heulen können", erzählt
später Mittelfeldmotor Marc Rosch.
Richtige Gänsehaut
kommt dann um 15.41 Uhr auf. Inzwischen
hat längst die Dämmerung eingesetzt.
Es steht 2:1 für die Gäste aus
Baden. Und dann hat Matthias Weise, die
Arbeitsbiene aus dem defensiven Mittelfeld,
seinen ganz großen Auftritt. Er
bekommt den Ball und läßt Karlsruhes
Torwart Fischer keine Chance. Ausgleich
2:2, Riesenjubel bei den Fans. Der letzte
Treffer von Hessen Kassel im 20. Jahrhundert
im Auestadion. Exakt 24 Monate und 18
Tage vor der Milleniumsfeier. Vier Minuten
später bläst Schiedsrichter
Schmidt aus Stuttgart in seine Pfeife.
Der Abpfiff. Über die Stadionlautsprecher
quäken Sarah Brightman und Andrea
Bocelli. Time to say goodbye. Nach dem
Jubel über Weises Treffer gibt es
nun Tränen. 800 Zuschauer tragen
tiefe Trauer. Viele Tausend andere Nordhessen
bekommen davon nichts mit. Sie schieben
sich immer noch mit ihren Einkaufstüten
über die Obere Königsstraße.
Nur Dunkel ist es inzwischen geworden.
Oliver Zehe