Bremer
Osterspaziergang zum 2:0
Der Pokalzug
in Richtung Berlin ist abgefahren und, anders
als in den Gesängen der erwartungs-frohen
Kasseler Fans, ohne den KSV Hessen. Bundesligist
Werder Bremen wurde seiner Favoriten-rolle
im Kasseler Auestadion vollauf gerecht, erledigte
diese Viertelfinalaufgabe vor 21 000 Zuschauern
quasi als Osterspaziergang, plazierte dem
Gastgeber mit dem 0:2 (0:2) noch zwei Eier
ins Nest, um damit den Weg fortzusetzen, der
die Hansestädter schnurstracks ins dritte
Endspiel in Folge führen soll.
Dabei hatten
sie sich gegen die Bremer Profitruppe soviel
vorgenommen, die Kasseler Amateure. Der hochdramatische,
späte Sieg über Stuttgart, der darauffolgende
Triumph in Remscheid, das alles waren Visitenkarten,
die die Nordhessen als Pokalschreck auswiesen.
Doch ausgerechnet in der Stunde der Wahrheit
verließ die Gastgeber der Mut, zeigten
die "Löwen" auf eigenem Platz
und vor eigenem Publikum nicht den ansonsten
gefürchteten Biß. Wo Mut zum Risiko,
Selbstvertrauen und harter Körpereinsatz
erforderlich gewesen wären, zeigte sich
der Herausforderer zu zahm, mit zu viel Respekt
vor den großen Namen im Werder-Team.
Bezeichnend dafür: die KSV-Spieler beeilten
sich immer wieder, sich bei ihren Gegenspielern
per Handschlag oder Schulterklopfen zu entschuldigen,
wenn sie diese im Kampf um den Ball von den
Beinen geholt hatten.
Für
soviel Höflich- und Sportlichkeit war
man im Bremer Lager empfänglich. Mit
eiserner Disziplin, gekonntem Direktspiel
und weiträumigen Spielaufbau suchten
die Allofs, Rufer und Co. den Weg zum Kasseler
Tor. Dabei zeigte sich bald, daß Meistertrainer
Otto Rehhagel seine Hausaufgaben gut gemacht
hatte. Die Kopfballschwäche des KSV,
gerade im vom Werder-Trainer beobachteten
Heimspiel gegen Offenbach besonders krass
hervortreten, wollten auch die langen Kerls
von der Weser nutzen. Immer wieder segelten
die hohen Bälle nach Flankenläufen
oder Eckstößen in den Kasseler
Strafraum, wo sich die Kopfballspezialisten
Neubarth, Bratseth und Harttgen in die Luft
schraubten. Da Torhüter Zeljko, dem die
Nervosität ebenso wie seinen Vorderleuten
anzumerken war, zunächst einige Fangprobleme
hatte, eröffneten sich dem Favoriten
Chancen gleich reihenweise.
So mußte
Matys nach einem Patzer von Zeljko, der Neubarth
den Ball genau auf den Kopf gefaustet hatte,
auf der Torlinie klären (8. Min.), genauso
wie wenig später Koutsoliakos bei einem
Kopfball von Bratseth (12.). In der Folgezeit
stand dann Zeljko wieder im Blickpunkt, als
er zunächst nach einem von Matys abgefälschten
Hermann-Schuß den Ball noch um den Pfosten
drehte (13.), und einen Volleyschuß
von Neubarth (23.) über die Querlatte
faustete.
Die Bremer
Überlegenheit war erdrückend. Der
sich klug rückwärts orientierende
Neubarth, der flinke Harttgen sowie die beiden
offensiven Wolter und Herrmann waren die treibenden
Kräfte im Mittelfeld. Ex-Nationalspieler
Allofs und Rufer, die Nadeln, die immer wieder
in die Kasseler Abwehrlücken stachen,
obwohl sich ihre Gegenspieler Matys und Deppe
durchaus achtbar schlugen.
So verwunderte
eigentlich nur die rasche Torfolge, mit der
dann letzlich die Entscheidung fiel. Innerhalb
von sechs Minuten war diese Partie entschieden,
war damit auch die Spannung gewichen, die
eigentlich zu einem solch wichtigen Pokalkampf
mit dazugehört wie das Salz in der Suppe.
31. Minute:
nach einer Ecke von Allofs wird der Ball von
Neubarth verlängert, und Harttgen schießt
den Ball aus spitzem Winkel zum 0:1 unter
die Latte.
37. Minute:
Nach einer langen Flanke von Herrmann findet
Neubarth mit einem Hechtkopfball das Ziel
- 0:2!
Die Aufzählung
der Kasseler Chancen nehmen sich demgegenüber
äußerst bescheiden aus. Ein Schuß
von Koutsoliakos (14.), ein Freistoß
von Freudenstein, den Bratseth beinahe ins
eigene Tor bugsiert (40.) - das war's auch
schon!
Nun, diese
Statistik zeigt nicht alles. Der KSV Hessen
wollte schon mehr zum trefflichen Gelingen
dieses großen Fußballfestes beitragen,
nur an der eiskalten, profihaften Spielauffassung
der Bremer glitten auch beste Bemühungen
wirkungslos ab. Zwar legten die Kasseler nach
dem Wechsel etwas an Tempo zu, kamen vor allem
der gut aufgelegte Schäfer sowie mit
Abstrichen auch Höhle und Freudenstein
besser zur Geltung, doch um die sattelfeste
Bremer Abwehr aus den Angeln zu heben, dazu
reichte es nicht. Auch als Lakies für
Koutsoliakos kam, den Trainer Hans-Ulrich
Thomale aus disziplinarischen Gründen
auf die Bank holte, und später noch Kistner
in den Angriff rückte, warteten die 21
000 vergeblich auf eine Initialzündung
in den Kasseler Reihen.
Diese hätte
eigentlich in der 71. Minute ausgelöst
werden können, als Zeljko einen von Deppe
an Neubarth verschuldeten Foulelfmeter, den
Borowka hart und halbhoch schoß, parieren
konnte. Plötzlich schwappte der Jubel
von den gefüllten Rängen, erfüllte
eine Hochstimmung das weite Stadionrund, die
der eigenen Elf noch einmal einen Motivationsschub
verpassen kann. Doch es half alles nichts.
Die Bremer Spielkälte erstickte das kurz
aufflackernde Feuer, bevor es die Herzen der
21 000 hätte erwärmen können.
Während Bremens alerter Vereinsmanager
Willi Lemke sehr bezeichnend von "der
Pflichtaufgabe" sprach, die der Favorit
in Kassel zu erledigen hatte, schwang in Trainer
Thomales Worten ein wenig Wehmut mit. "Für
uns bleibt das heutige Spiel eben eine herrlichen
Episode", resümmierte der Kasseler
Coach. Eben, das war sie. Eine Episode, leider
nicht mehr.
Rolf Wiesemann
(HNA-Sportredaktion, 31.03.1991) |