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DFB-Pokal 1990/91, Viertelfinale

KSV Hessen Kassel - SV Werder Bremen

0:2 (0:2)

Samstag, 30.03.1991
Auestadion Kassel

KSV Hessen Kassel
Trainer: Otto Rehhagel
Spielstatistik
Spielbericht

Bremer Osterspaziergang zum 2:0

Der Pokalzug in Richtung Berlin ist abgefahren und, anders als in den Gesängen der erwartungs-frohen Kasseler Fans, ohne den KSV Hessen. Bundesligist Werder Bremen wurde seiner Favoriten-rolle im Kasseler Auestadion vollauf gerecht, erledigte diese Viertelfinalaufgabe vor 21 000 Zuschauern quasi als Osterspaziergang, plazierte dem Gastgeber mit dem 0:2 (0:2) noch zwei Eier ins Nest, um damit den Weg fortzusetzen, der die Hansestädter schnurstracks ins dritte Endspiel in Folge führen soll.

Dabei hatten sie sich gegen die Bremer Profitruppe soviel vorgenommen, die Kasseler Amateure. Der hochdramatische, späte Sieg über Stuttgart, der darauffolgende Triumph in Remscheid, das alles waren Visitenkarten, die die Nordhessen als Pokalschreck auswiesen. Doch ausgerechnet in der Stunde der Wahrheit verließ die Gastgeber der Mut, zeigten die "Löwen" auf eigenem Platz und vor eigenem Publikum nicht den ansonsten gefürchteten Biß. Wo Mut zum Risiko, Selbstvertrauen und harter Körpereinsatz erforderlich gewesen wären, zeigte sich der Herausforderer zu zahm, mit zu viel Respekt vor den großen Namen im Werder-Team. Bezeichnend dafür: die KSV-Spieler beeilten sich immer wieder, sich bei ihren Gegenspielern per Handschlag oder Schulterklopfen zu entschuldigen, wenn sie diese im Kampf um den Ball von den Beinen geholt hatten.

Für soviel Höflich- und Sportlichkeit war man im Bremer Lager empfänglich. Mit eiserner Disziplin, gekonntem Direktspiel und weiträumigen Spielaufbau suchten die Allofs, Rufer und Co. den Weg zum Kasseler Tor. Dabei zeigte sich bald, daß Meistertrainer Otto Rehhagel seine Hausaufgaben gut gemacht hatte. Die Kopfballschwäche des KSV, gerade im vom Werder-Trainer beobachteten Heimspiel gegen Offenbach besonders krass hervortreten, wollten auch die langen Kerls von der Weser nutzen. Immer wieder segelten die hohen Bälle nach Flankenläufen oder Eckstößen in den Kasseler Strafraum, wo sich die Kopfballspezialisten Neubarth, Bratseth und Harttgen in die Luft schraubten. Da Torhüter Zeljko, dem die Nervosität ebenso wie seinen Vorderleuten anzumerken war, zunächst einige Fangprobleme hatte, eröffneten sich dem Favoriten Chancen gleich reihenweise.

So mußte Matys nach einem Patzer von Zeljko, der Neubarth den Ball genau auf den Kopf gefaustet hatte, auf der Torlinie klären (8. Min.), genauso wie wenig später Koutsoliakos bei einem Kopfball von Bratseth (12.). In der Folgezeit stand dann Zeljko wieder im Blickpunkt, als er zunächst nach einem von Matys abgefälschten Hermann-Schuß den Ball noch um den Pfosten drehte (13.), und einen Volleyschuß von Neubarth (23.) über die Querlatte faustete.

Die Bremer Überlegenheit war erdrückend. Der sich klug rückwärts orientierende Neubarth, der flinke Harttgen sowie die beiden offensiven Wolter und Herrmann waren die treibenden Kräfte im Mittelfeld. Ex-Nationalspieler Allofs und Rufer, die Nadeln, die immer wieder in die Kasseler Abwehrlücken stachen, obwohl sich ihre Gegenspieler Matys und Deppe durchaus achtbar schlugen.

So verwunderte eigentlich nur die rasche Torfolge, mit der dann letzlich die Entscheidung fiel. Innerhalb von sechs Minuten war diese Partie entschieden, war damit auch die Spannung gewichen, die eigentlich zu einem solch wichtigen Pokalkampf mit dazugehört wie das Salz in der Suppe.

31. Minute: nach einer Ecke von Allofs wird der Ball von Neubarth verlängert, und Harttgen schießt den Ball aus spitzem Winkel zum 0:1 unter die Latte.

37. Minute: Nach einer langen Flanke von Herrmann findet Neubarth mit einem Hechtkopfball das Ziel - 0:2!

Die Aufzählung der Kasseler Chancen nehmen sich demgegenüber äußerst bescheiden aus. Ein Schuß von Koutsoliakos (14.), ein Freistoß von Freudenstein, den Bratseth beinahe ins eigene Tor bugsiert (40.) - das war's auch schon!

Nun, diese Statistik zeigt nicht alles. Der KSV Hessen wollte schon mehr zum trefflichen Gelingen dieses großen Fußballfestes beitragen, nur an der eiskalten, profihaften Spielauffassung der Bremer glitten auch beste Bemühungen wirkungslos ab. Zwar legten die Kasseler nach dem Wechsel etwas an Tempo zu, kamen vor allem der gut aufgelegte Schäfer sowie mit Abstrichen auch Höhle und Freudenstein besser zur Geltung, doch um die sattelfeste Bremer Abwehr aus den Angeln zu heben, dazu reichte es nicht. Auch als Lakies für Koutsoliakos kam, den Trainer Hans-Ulrich Thomale aus disziplinarischen Gründen auf die Bank holte, und später noch Kistner in den Angriff rückte, warteten die 21 000 vergeblich auf eine Initialzündung in den Kasseler Reihen.

Diese hätte eigentlich in der 71. Minute ausgelöst werden können, als Zeljko einen von Deppe an Neubarth verschuldeten Foulelfmeter, den Borowka hart und halbhoch schoß, parieren konnte. Plötzlich schwappte der Jubel von den gefüllten Rängen, erfüllte eine Hochstimmung das weite Stadionrund, die der eigenen Elf noch einmal einen Motivationsschub verpassen kann. Doch es half alles nichts. Die Bremer Spielkälte erstickte das kurz aufflackernde Feuer, bevor es die Herzen der 21 000 hätte erwärmen können. Während Bremens alerter Vereinsmanager Willi Lemke sehr bezeichnend von "der Pflichtaufgabe" sprach, die der Favorit in Kassel zu erledigen hatte, schwang in Trainer Thomales Worten ein wenig Wehmut mit. "Für uns bleibt das heutige Spiel eben eine herrlichen Episode", resümmierte der Kasseler Coach. Eben, das war sie. Eine Episode, leider nicht mehr.

Rolf Wiesemann (HNA-Sportredaktion, 31.03.1991)