Tore:
0:1 Lakies (26.), 1:1 Gemein (85.),
1:2 Schäfer (101.), 2:2 Jakubauskas (102.),
2:3 Drube (112.) - Gelbe Karten: Griehsbach,
Gemein - Matys, Freudenstein - Schiedsrichter:
Blüthgen (Gelsenkirchen) - Zuschauer:
4.000 |
| Krampf
beim Torjubel
Noch heute
gerät Verteidiger Ur-Gestein Mario Deppe
ins Schwärmen, wenn er an diese Partie
denkt. "Es war eines der schönsten
Spiele in meinen mehr als sieben Jahren beim
KSV Hessen. Vom Verlauf her und dem was emotional
da passiert ist, einfach nur sensationell".
Die Rede
ist vom zweiten Dezember-Tag im Jahr 1990.
Ein naß-kalter, trüber erster Adventssonntag.
Tag der ersten Bundestagswahl im frisch wiedervereinigten
Deutschland. Doch das interessierte die mehr
als 5000 Zuschauer im Remscheider Stadtteil
Lennep bestenfalls am Rande. Wichtiger war
für sie das Achtelfinale im DFB-Pokal.
FC Remscheid gegen den KSV Hessen Kassel,
die beiden letzten im Wettbewerb verbliebenen
Amateurvereine. Besonderer Anreiz: der Sieger
dieser Partie sollte dann im Viertelfinale
auf Otto Rehhagel und seinen SV Werder Bremen
treffen. Die Auslosung für die nächste
Runde fand bereits einen Abend vorher statt.
Es ging also um einiges, mehr als 500 KSV-Fans
waren gespannt wie ein Flitzebogen. Das was
dann in Remscheid passierte, ist nur schwer
zu beschreiben. "Ein hochklassiger, an
Spannung und Dramatik kaum zu überbietender
Pokalknüller, eine mitreißende
Partie, die gutes Zweitliga-Format besaß",
schwärmte die HNA einen Tag später.
Los geht
es mit Möglichkeiten für die ungestüm
nach vorne rennenden Remscheider. Die hatten
in der Runde zuvor immerhin die Mönchengladbacher
Borussia rausgeworfen. Doch Zoran Zeljko im
KSV-Tor verhindert mit tollen Reflexen den
Rückstand. Nach fast einer halben Stunde
dann das 1:0 für die Löwen. Freistoß
von Thomas Freudenstein und Carsten Lakies
nickt den Ball mit dem Kopf ein. Danach zeigen
die Löwen Zauber-Fußball. Der überragende
Thomas Freudenstein führt im Mittelfeld
mit seinem kongenialen Partner Paul Koutsoliakos
Regie, begeistert immer wieder mit tollen,
weiten Pässen. Einziges Manko: die beiden
jungen KSV-Stürmer Dirk Schmelting (24)
und Carsten Lakies (19) versemmeln die besten
Chancen. Alleine Lakies steht in der zweiten
Halbzeit dreimal frei vor Remscheids Keeper
Andre Stocki. Statt 5:0 also nur 1:0. Bis
drei Minuten vor Schluß. Da zieht Remscheids
Kröning mit dem Mut der Verzweiflung
aus 40 Metern ab, der Ball springt kurz vor
dem Tor auf und hopst hinter dem verdutzten
Zeljko zum 1:1 in die Maschen.
Die 4.500
Remscheider sehen nun wieder Wynton Rufer
und Klaus Allofs vor ihrem geistigen Auge.
Also Verlängerung. Wer Herzpillen mit
dabei hat, ist der König. 105. Minute,
Claus Schäfer, Kopfball - 2:1 für
die Löwen. Im direkten Gegenzug Remscheids
Jakubauskas aus spitzen Winkel durch Zeljkos
Hosenträger, wieder Unentschieden. Es
wird immer dunkler, Flutlichtanlage Fehlanzeige.
Mitten in der Dämmerung ein Schuß
von Freudenstein, Stocki kann nur abklatschen
und Michael Drube schiebt das Leder über
die Linie, 3:2 für die Löwen. Auf
dem Rasen und im Kasseler Fanblock gibt es
kein halten mehr. "Ich habe mir beim
Torjubel einen Krampf zugezogen, als wir übereinander
hergefallen sind", weiß Mario Deppe
noch heute zu berichten. Und die HNA hatte
ihre Schlagzeile: "Schöne Bescherung:
Osterfest mit Otto".
Oliver Zehe,
16. Mai 2005 |