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<<< 1. Hauptrunde
DFB-Pokal 1990/91, 1. Hauptrunde

KSV Hessen Kassel - Stuttgarter Kickers

3:2 (1:1)

Sonntag, 04.11.1990
Auestadion Kassel

KSV Hessen Kassel
Stuttgarter Kickers
Stefan Brasas
Wolfgang Wolf
Dirk Fengler
Thomas Ritter
Andreas Keim
Andreas Broß
Ralf Vollmer
Alois Schwartz
Dimitrios Moutas
Juan Arnoldo Cayasso (78. Heribert Stadler)
Dragan Terzik (46. Marcus Marin)
Trainer: Rainer Zobel
Spielstatistik
Tore: 1:0 Lakies (26.), 1:1 Keim (45.), 1:2 Marin (69.), 2:2 Drube (87.), 3:2 Lakies (89.) - Gelbe Karten: Müller - Fengler, Broß - Schiedsrichter: Kasper (Katlenburg) - Zuschauer: 1.500
Spielbericht

Lospech dämpft Jubel über 3:2-Triumph

So dicht können Freud und Leid, Jubel und Enttäuschung zusammenliegen. Nur knappe drei Stunden nach dem durch einen begeisternden Endspurt erkämpften 3:2 (1:1) - Pokaltriumph über den Zweitligisten Stuttgarter Kickers stürzte die unglückselige Auslosung der dritten DFB-Hauptrunde den nordhessischen Oberligisten zurück in ein Jammertal. Das Lospech bescherte den "Löwen" ein Auswärtsspiel, ausgerechnet bei den Amateuren von Remscheid.

Schade für den KSV Hessen, denn mit dem am Schluß sensationellen Erfolg über die enttäuschenden Schwaben hatten sich die Kasseler gerade angeschickt, an vergangene glorreiche Kickerzeiten anzuknüpfen. In den letzten fünf Minuten dieses spannenden und zuletzt sogar hochdramatischen Schlagabtauschs wehte so etwas wie der Hauch längst verschollen geglaubter Fußball-Herrlichkeit über die mit 1500 Zuschauern nur spärlich besetzten Ränge des Auestadions.

Der Schlußakt dieses Pokaldramas begann mit einer Lachnummer. Einen harmlosen Freistoßball des Stuttgarters Bross ließ Torhüter Zeljko durch seine fangbereiten Hände rutschen. Erst auf den eigenen Kopf, danach genau auf den Schußstiefel von Torjäger Marin, der sich artig mit dem 2:1-Führungstreffer für dieses Geschenk bedankte.

Es war zum Haareraufen. Die ganz in rot gekleideten Nordhessen waren zu diesem Zeitpunkt drauf und dran, ihr durch ein kampfbetontes, schnörkellos und druckvoll vorgetragenes Spiel anfangs angehäuftes Kapital wieder sinnlos zu verschleudern. Hatte der KSV nicht schon die wertvolle 1:0-Führung durch Lakies (26.), der einen Traumpaß von Koutsoliakos verwerten konnte, durch Leichtsinn vertan, als man den aufgerückten Keim nach einem Einwurf nur fünf Meter vor dem Tor frei zum Schuß kommen ließ (45.)? Und jetzt noch dieser Schnitzer!

Keiner der frierenden Zuschauer hätte zu diesem Zeitpunkt wohl noch einen Pfifferling auf die schusseligen "roten Teufel" gesetzt. Hatten nicht die Kickers bei ihrer zuletzt auf 13:3 Punkte in Folge gekletterten Bilanzkurve gezeigt, wie erfolgreich sie zu kontern verstehen? Die Chancen für den KSV schienen im schlammigen Untergrund des Auestadions zu versacken. Wohl etliche hingen in düsteren Gedanken schon der 0:6-Abfuhr durch die Schwaben in der vergangenen Saison nach.

Aber dann kam doch alles anders. Während Marin bei einem vielversprechenden Konter noch über den Ball gesäbelt hatte (86.), formierte der KSV Hessen seine Reihen zum letzten Sturmangriff. Verteidiger Müller und der wenig überzeugende Höhle mußten das Feld für die Angreifer Mies und Schäfer räumen, der schußstarke Drube gab seinen Posten als Libero auf und wechselte in den Angriff. KSV-Trainer Hans-Ulrich Thomale ging aufs Ganze - alles oder nichts!

Sein Risiko wurde belohnt. In der 87. Minute segelte Drube in eine genaue Flanke von Schmelting und sein Kopfball prallte nach Torwartabwehr von Keim zurück ins Stuttgarter Gehäuse. Kaum war der Jubel im Stadionrund verhallt, versuchten die Gäste noch den Schock des 2:2 zu verdrängen, da fiel die Entscheidung. Eine Flanke von Schnell drückte Lakies per Stirn zum 3:2 ins Tornetz. "Die waren nach dem 2:2 wie versteinert", war Koutsoliakos von der tiefsitzenden Schockwirkung bei den Schwaben verblüfft.

"Ich habe eine Woche lang versucht, meine Mannschaft vor Überheblichkeit zu warnen, doch der Ruck nach dem 2:1 ging leider nach hinten los", schimpfte Kickers Trainer Rainer Zobel über die mangelhafte Einstellung seines Teams.

Ein Vorwurf, der in erster Linie wohl an die Adresse seiner Angreifer gerichtet war, denn weder der bullige Moutas, noch der zaudernde Terzic oder der (zu spät?) eingewechselte Ex-HSVer Marin wurden dem ihnen vorauseilenden Ruf gerecht. Nur einen äußerst matten Glanz verbreitete zudem die schwarze WM-Perle Juan Cayasso aus Costa Rica, der von Bewacher Matys praktisch kaltgestellt wurde.

Kein Wunder also, wenn Zobel den Seinen die aufopferungsvoll kämpfende KSV-Elf als Vorbild gegenüberstellte. "Bei diesem Wetter und auf diesem Boden war uns die Kasseler Mannschaft mit ihrem einfachen, aber engagierten Spiel in allen Belangen überlegen. Darum ist der Sieg auch verdient."

Diesem Lob mochte Hans-Ulrich Thomale nicht widersprechen. Aus der grandiosen Leistungs-steigerung gegen die Stuttgarter erhofft sich der KSV-Coach positive Auswirkungen. "Dieser Erfolg müßte der Mannschaft auch für die Meisterschaftsrunde Kraft und Selbstvertrauen gegeben haben."

Rolf Wiesemann (HNA-Sportredaktion, 04.11.1990)