Lospech
dämpft Jubel über 3:2-Triumph
So dicht können Freud
und Leid, Jubel und Enttäuschung zusammenliegen.
Nur knappe drei Stunden nach dem durch einen
begeisternden Endspurt erkämpften 3:2
(1:1) - Pokaltriumph über den Zweitligisten
Stuttgarter Kickers stürzte die unglückselige
Auslosung der dritten DFB-Hauptrunde den nordhessischen
Oberligisten zurück in ein Jammertal.
Das Lospech bescherte den "Löwen"
ein Auswärtsspiel, ausgerechnet bei den
Amateuren von Remscheid.
Schade für den KSV Hessen,
denn mit dem am Schluß sensationellen
Erfolg über die enttäuschenden Schwaben
hatten sich die Kasseler gerade angeschickt,
an vergangene glorreiche Kickerzeiten anzuknüpfen.
In den letzten fünf Minuten dieses spannenden
und zuletzt sogar hochdramatischen Schlagabtauschs
wehte so etwas wie der Hauch längst verschollen
geglaubter Fußball-Herrlichkeit über
die mit 1500 Zuschauern nur spärlich
besetzten Ränge des Auestadions.
Der Schlußakt dieses
Pokaldramas begann mit einer Lachnummer. Einen
harmlosen Freistoßball des Stuttgarters
Bross ließ Torhüter Zeljko durch
seine fangbereiten Hände rutschen. Erst
auf den eigenen Kopf, danach genau auf den
Schußstiefel von Torjäger Marin,
der sich artig mit dem 2:1-Führungstreffer
für dieses Geschenk bedankte.
Es war zum Haareraufen. Die
ganz in rot gekleideten Nordhessen waren zu
diesem Zeitpunkt drauf und dran, ihr durch
ein kampfbetontes, schnörkellos und druckvoll
vorgetragenes Spiel anfangs angehäuftes
Kapital wieder sinnlos zu verschleudern. Hatte
der KSV nicht schon die wertvolle 1:0-Führung
durch Lakies (26.), der einen Traumpaß
von Koutsoliakos verwerten konnte, durch Leichtsinn
vertan, als man den aufgerückten Keim
nach einem Einwurf nur fünf Meter vor
dem Tor frei zum Schuß kommen ließ
(45.)? Und jetzt noch dieser Schnitzer!
Keiner der frierenden Zuschauer
hätte zu diesem Zeitpunkt wohl noch einen
Pfifferling auf die schusseligen "roten
Teufel" gesetzt. Hatten nicht die Kickers
bei ihrer zuletzt auf 13:3 Punkte in Folge
gekletterten Bilanzkurve gezeigt, wie erfolgreich
sie zu kontern verstehen? Die Chancen für
den KSV schienen im schlammigen Untergrund
des Auestadions zu versacken. Wohl etliche
hingen in düsteren Gedanken schon der
0:6-Abfuhr durch die Schwaben in der vergangenen
Saison nach.
Aber dann kam doch alles
anders. Während Marin bei einem vielversprechenden
Konter noch über den Ball gesäbelt
hatte (86.), formierte der KSV Hessen seine
Reihen zum letzten Sturmangriff. Verteidiger
Müller und der wenig überzeugende
Höhle mußten das Feld für
die Angreifer Mies und Schäfer räumen,
der schußstarke Drube gab seinen Posten
als Libero auf und wechselte in den Angriff.
KSV-Trainer Hans-Ulrich Thomale ging aufs
Ganze - alles oder nichts!
Sein Risiko wurde belohnt.
In der 87. Minute segelte Drube in eine genaue
Flanke von Schmelting und sein Kopfball prallte
nach Torwartabwehr von Keim zurück ins
Stuttgarter Gehäuse. Kaum war der Jubel
im Stadionrund verhallt, versuchten die Gäste
noch den Schock des 2:2 zu verdrängen,
da fiel die Entscheidung. Eine Flanke von
Schnell drückte Lakies per Stirn zum
3:2 ins Tornetz. "Die waren nach dem
2:2 wie versteinert", war Koutsoliakos
von der tiefsitzenden Schockwirkung bei den
Schwaben verblüfft.
"Ich habe eine Woche
lang versucht, meine Mannschaft vor Überheblichkeit
zu warnen, doch der Ruck nach dem 2:1 ging
leider nach hinten los", schimpfte Kickers
Trainer Rainer Zobel über die mangelhafte
Einstellung seines Teams.
Ein Vorwurf, der in erster
Linie wohl an die Adresse seiner Angreifer
gerichtet war, denn weder der bullige Moutas,
noch der zaudernde Terzic oder der (zu spät?)
eingewechselte Ex-HSVer Marin wurden dem ihnen
vorauseilenden Ruf gerecht. Nur einen äußerst
matten Glanz verbreitete zudem die schwarze
WM-Perle Juan Cayasso aus Costa Rica, der
von Bewacher Matys praktisch kaltgestellt
wurde.
Kein Wunder also, wenn Zobel
den Seinen die aufopferungsvoll kämpfende
KSV-Elf als Vorbild gegenüberstellte.
"Bei diesem Wetter und auf diesem Boden
war uns die Kasseler Mannschaft mit ihrem
einfachen, aber engagierten Spiel in allen
Belangen überlegen. Darum ist der Sieg
auch verdient."
Diesem Lob mochte Hans-Ulrich
Thomale nicht widersprechen. Aus der grandiosen
Leistungs-steigerung gegen die Stuttgarter
erhofft sich der KSV-Coach positive Auswirkungen.
"Dieser Erfolg müßte der Mannschaft
auch für die Meisterschaftsrunde Kraft
und Selbstvertrauen gegeben haben."
Rolf Wiesemann (HNA-Sportredaktion,
04.11.1990) |