Ein
Hitze-Martyrium mit glücklichem Ende
Die Kräfte reichten
am glücklichen Ende gerade noch für
einen kurzen Abstecher zu dem Häuflein
jubelnder Fans auf der Gegengerade. Dann wankten
die völlig erschöpften Spieler des
KSV Hessen Kassel mit letztem Willen in die
Kabine und sanken darnieder. Vorbei war ein
Hitze-Martyrium im Glutofen Auestadion mit
Temperaturen auf dem Rasen von annähernd
50 Grad, vorbei eine fast unmenschliche körperliche
Anstrengung, bei der allerletzte Einsatzbereitschaft
gefordert war. Aber der totale Zugriff auf
physischen Reserven war nicht vergebliche
Mühe geblieben. Nach 90 kurzweiligen,
spannenden und abwechslungsreichen Minuten
war die 1:0-Pokalüberraschung des KSV
gegen Bundesliga-Absteiger FC Homburg perfekt.
Erleichtert wischte sich
Trainer Hans-Ulrich Thomale nach dem Happy-End
den Schweiß von der Stirn. Am Spielfeldrand
hatte er in der Schlußviertelstunde
miterleben müssen, wie die Saarländer
sich machtvoll gegen den 0:1-Rückstand
aufbäumten und das Tor des KSV energisch
bedrängten, aber auch, wie seine Elf
die weitaus klareren Chancen bei diversen
Konterattacken ungenutzt verstreichen ließ.
Kein Fall für schwache Nerven. Aber Thomale
war schließlich trotz des bedenklichen
Verhältnisses von Aufwand und Ertrag
bei den Torchancen zufrieden: "Wir haben
eine moralisch hochwertige Leistung gezeigt,
wir haben alles gegeben."
Der Coach hatte einen möglichen
Erfolg vor dem Spiel an folgende Bedingungen
geknüpft. In der Mannschaft brauche man
„willensstarke Typen, die auch dann
weiterlaufen, wenn die Beine so schwer wie
Blei werden”. Und: „Wir müssen
aus wenig Chancen viel machen.” Genau
in der Verwirklichung dieser beiden Forderungen
spiegelten sich die Höhen und Tiefen
des KSV-Spiels, wurden Starken und Schwächen
sichtbar, summierten sich Pluspunkte und Versäumnisse.
Keine Frage: Kämpferisch
stimmte beim KSV alles, da gab's nichts, aber
rein gar nichts auszusetzen. Die Mannschaft
fightete bis zum letzten Atemzug. Als Jörg
Müller am Ende sagte, er sei „total
platt”, sprach er für alle. Für
alle 13, die am Sieg beteiligt waren.
Punkt zwei in Thomales Kalkül
ging nicht uneingeschränkt auf. Er bot
später Anlaß zu vorsichtiger Kritik:
Zwar gelang dem KSV das wichtige frühe
Führungstor, als Schäfer Freudensteins
auf den kurzen Pfosten gezogenen Eckstoß
ins Netz köpfte (11.), zwar kontrollierte
er auch noch bis zur Halbzeit überwiegend
die Partie gegen Homburgs ziemlich schlappe
Balltreter, doch es fehlten Clever-neß
und Routine, um den Pokalkampf bereits frühzeitig
zu entscheiden.
Der KSV zeigte zwei Gesichter.
Zuweilen einen reibungslosen Fluß der
Aktionen mit schönen Ballstafetten bis
zum Strafraum, dann aber auch mangelnde Effektivität
an vordersteter Front und übertriebenes
Einzelspiel. „Teilweise haben wir: uns
das Leben selbst ein wenig schwer gemacht,
mit den vielen Ballverlusten. Außerdem
fehlt uns noch die Eiseskälte im Sturm”,
bilanzierte Trainer Thomale.
Weil nicht frühzeitig
für kläre Verhältnisse gesorgt
worden war, ging das Bangen nach dem Wechsel
eifrig weiter. Die nun aus ihrer Lethargie
aufgewachten Homburger drückten machtvoll
auf den Aus-gleich, der nur noch eine Frage
der Zeit schien. Ziemers Knaller aus 25 Metern
(60.) und Maciels Pfostentreffer (65.) versetzten
die Kasseler und die spärliche Kulisse
von 1000 Zuschauern in hellste Aufregung.
Doch der KSV befreite sich
aus der Umklammerung und hatte durch Höhle
(77.), Freudenstein (79.), Koutsoliakos (86.
und 90., mutterseelenallein vor Gundelach)
beste Möglichkeiten, die Hitzeschlacht
zu seinen Gunsten zu entscheiden. Aber es
blieb eben nur bei Möglichkeiten und
damit auch dem Zittern und Zagen bis zur letzten
Minute. Als Ersatz-Schiri Rüdiger schließlich
abgepfiffen hatte, mochte indes auch Homburgs
Trainer Gerd Schwickert nicht verhehlen, daß
„der Sieg des KSV Hessen in Ordnung
geht. Wir haben gewußt, daß die
Kasseler eine der stärksten Amateurmann-schaften
sind, die wir überhaupt kriegen konnten.
Es hat sich leider bestätigt.”
Jörg Allmeroth (HNA-Sportredaktion,
05.08.1990) |