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Fortuna aktuell (Stadionzeitung) - 08.11.1989

Über 7 Stunden ohne Tor!

Es hatte recht gut begonnen: 4:4 Punkte nach den ersten vier Spielen. Doch dann folgte eine empfindliche Negativserie von 3:19 Punkten. Erst seit letztem Sonntag ist die Stimmung in Kassel wieder leicht gebessert. Dank des 1:0-Sieges beim SV Meppen hat der KSV den Abstand zu anderen "Kellerkindern" leicht verringern können. Natürlich ist man dennoch weit hinter den Erwartungen geblieben. Erst insgesamt 9 Punkte haben die Hessen auf ihrem Konto, obwohl man recht zuversichtlich in die Saison gegangen war. Trainer Brungs - er wurde vor dem 9. Spieltag abgelöst - verkündete sogar als Ziel einen Mittelfeldplatz, doch auch er mußte frühzeitig die eklatanten Schwächen in der Abwehr eingestehen und die gesteckten Ziele abschreiben. Nachfolger von Brungs wurde Günther-Lorenz Köstner, der in Freiburg nach dem 8. Spieltag sein Amt wegen "unüberbrückbaren Differenzen mit dem Vorstand" freiwillig aufgab. Die Stimmungsmache seitens des Vorstandes veranlaßte ihn trotz guten Starts (12:4 Punkte) den ungewöhnlichen Schritt zu machen.

In Kassel erwischte Köstner einen Auftakt nach Maß. Gegen den Aufstiegs-Favoriten Braunschweig schaffte der KSV den bislang einzigen Heimsieg, doch danach mußte er 1:11 Punkte einstecken, ehe es am letzten Sonntag zum zweiten Auswärtssieg (nach einem 1:0 bei Darmstadt 98) kam. Im Emsland ging auch eine weitere Misere zu Ende: Nach über 7 Stunden Spielzeit (exakt: 455 Minuten) gelang mal wieder ein Tor.

Die Probleme der Kasselaner sind zahlreich. Einerseits fehlten teilweise bis zu 6 Akteuren - zwischenzeitlich wurde der 41-jährige Holger Brück reaktiviert - andererseits wurde auch schon des öfteren das Spielerpotential als nicht ausreichend eingestuft. Die Abwehr gilt als unsicher, im Mittelfeld wird die ordnende Hand vermißt und der Sturm brachte es bislang erst auf 12 Tore. Besonders auffällig ist die unbefriedigende Heimbilanz. Ein Sieg und zwei Unentschieden bei fünf Niederlagen sind einfach zu wenig für den Klassenerhalt. Dreimal gab es gleich 5 Gegentore auf heimischen Boden, insgesamt 38 Gegentreffer in 16 Spielen!

Hessen Kassel - immerhin Neunter der "ewigen Tabelle" - gibt sich mit der bisherigen Rolle als Punktelieferant natürlich auch als Neuling nicht zufrieden. Auf der Suche nach Verstärkungen hat man vor wenigen Wochen Hans-Jürgen Heidenreich vom 1. FC Nürnberg ausgeliehen. Der 22-jährige spielt zwei Jahre im Frankenland und kam zu 18 Bundesligaeinsätzen, ehe er aus Enttäuschung über seine Reservistenrolle wechseln wollte. Fortan gehört er auch zu den herausragenden Akteuren des KSV und bildet neben den Stürmern Drube, Hecking sowie Libero Eymold - der zwischenzeitlich 6 Spiele wegen einer roten Karte gesperrt war - die Korsettstangen der Hessen. Bislang gaben sich die Kasselaner auswärts sehr defensiv und lauerten auf ihre Konterchancen. Seit dem Amtsantritt von Köstner bescheinigen die Fachleute der Mannschaft auch eine Steigerung im spielerischen Niveau, nach dem anfänglich die Elf als zu brav eingeschätzt wurde.

Jörg Wenzel