Nach
der Pause ging die Puste aus
Nun ist es
also doch noch passiert: Der Nimbus des Unbesiegten,
der den KSV Hessen seit 5. November 1988 umwob,
wurde im allerletzten Saisonspiel geknackt.
Mit 2:0 (0:0) gab der SSV Reutlingen seinen
Gästen das Nachsehen, doch war es für
die Schwaben ein Sieg ohne Wert: Als nach
dem Schlußpfiff Unterhachings 2:0-Erfolg
über Edenkoben bekannt wurde, schlichen
die Reutlinger Spieler geknickt vom Platz,
und ihr zuvor so euphorischer fünftausendköpfiger
Anhang trat total frustiert den Heimweg an.
"Wir
wollen beweisen, daß wir zu Recht aufgestiegen
sind", versicherte Franz Brungs. Der
KSV-Coach räumte gleichwohl ein: "Wie's
in den Köpfen der Spieler aussieht, weiß
ich natürlich nicht. Es wurde schließlich
auch gefeiert."
Lag es daran,
daß die Kasseler ausgerechnet ihre sonstige
Stärke, die Kaltschnäutzigkeit in
der Chancenverwertung, in der Kabine gelassen
hatten? Gemessen an den Tormöglichkeiten
hätten sie nämlich diese Partie
keineswegs zu verlieren brauchen.
Zweimal trafen
Schmelting (69.) und Höhle (78.) das
Torgebälk - das war natürlich Pech!
Die klarste Chance ließ Sippel beim
Holztreffer von Schmelting aus, als er freistehend
den Nachschuß weit verzog.
„Wir
haben beim Schlagabtausch der ersten Halbzeit
prima mitgehalten, doch hat uns einfach die
Konzentration im Abschluß gefehlt”,
bilanzierte Brungs. Hätten die Hessen
ihre Konter erfolgreich abgeschlossen, hätte
sich das Risikospiel der Reutlinger nicht
ausgezahlt. Der SSV drängte phasenweise
mit Mann und Maus, und häufig ließ
die Kasseler Abwehr dabei ihre Anfälligkeit
er-kennen - sofern es sich nicht um Kopfbälle
handelte. So geriet Kneuer vor dem Pausenpfiff
nur einmal in ernsthafte Gefahr, als Grieswalds
fulminanter Fernschuß an die Querlatte
krachte.
Doch hatten
die Gäste vor dem Seitenwechsel vor allem
durch den „wirbelnden” Sippel,
Hecking und Schnell den ungestümen Platzherren
immer wieder wirkungsvoll paroli geboten,
so ging dem KSV im zweiten Durchgang die Puste
aus. Vor allem nachdem in der 49. Minute Schnizlers
unhaltbarer Kopfball das 1:0 erbracht hatte,
waren die Reutlinger eindeutig „Chef
im Ring”. In der 70. Minute drückte
Weiss eine Grieswald-Flanke mit der Stirn
ins Netz. Kneuer fiel bei dieser Aktion so
unglücklich, daß er sich eine Hüftprellung
zuzog und durch Wulf abgelöst werden
mußte.
Trotz der
Durchhänger in der zweiten Halbzeit hatten
sieh die Kasseler Respekt verdient, auch jenen
von SSV-Trainer Lorenz-Günther Köstner.
„Die Hessen werden sich mit diesem Spiel
auch in der Zweiten Liga behaupten können”,
prophezeite der scheidende SSV-Coach, der
sich in der nächsten Saison als Trainer
des SC Freiburg neuerlich mit dem Aufsteiger
auseinandersetzen wird.
Wolf-Dieter
Gentner (HNA-Sportredaktion, 19.06.1989) |