Für
Schlager gerüstet
Die Freude über diesen
triumphalen Erfolg im Kasseler Derby wurde
im Lager des KSV alsbald von Nachdenklichkeit
überlagert. Die Gedanken der Gewinner
wanderten bereits eine Woche voraus, an die
Bad Homburger Sandelmühle, wo am kommenden
Samstag das "Spiel der Spiele" steigt.
"Daß deren Spiel
in Bürstadt ausgefallen ist, ärgert
mich, denn sonst hätten wir gewußt,
wo wir stehen", sah Franz Brungs einen
Nachteil in der witterungsbedingten „Erholungspause”
für den Spitzenreiter vom Taunus. Doch
egal wie, die entscheidende Frage, ob der
fulminante Sturmlauf gegen die Hermannen nun
mustergültig war, oder aber ein bloßes
Muster ohne Wert bleibt, wird erst im direkten
Aufeinanderprallen der beiden Konkurrenten
beantwortet werden.
Auch wenn das Derby aufgrund
des totalen spielerischen Zusammenbruchs des
SV Hermannia nicht als echter Leistungsmaßstab
verwendet werden darf, eines hat das Spiel
doch gezeigt: Von der Mannschaftsstruktur
her ist der KSV Hessen für das Schlagerspiel
gerüstet. Die Hereinnahme von Burjan,
dem lediglich beim Torschuß ebenso wie
Sippel die Kaltblütigkeit fehlte, erwies
sich als belebendes Moment. Sein Arbeitspensum
zwischen den Strafräumen, seine Übersicht
und der Drang nach vorn rechtfertigten seinen
Einsatz allemal. Wenig Chancen, sich auszuzeichnen,
erhielt dagegen der seit Ende September 1988
erstmals wieder eingesetzte Torhüter
Thomas Kneuer, der, fast arbeitslos, seine
Zuverlässigkeit bewies, als er kurz nach
der Pause einen schwach geschossenen Foulelfmeter
von Ernst parierte.
Daß Franz Brungs im
Hinblick auf das Homburg-Spiel auf personelle
Alternativen zurückgreifen möchte,
zeigte sich in seiner Auswechsel-Taktik. Schon
nach dem Wechsel schickte der Trainer den
lange Zeit in die Reserrve verbannten Günter
Eymold für den verletzten Marhenke (Zerrung)
auf den Platz. „Der Lange” rechtfertigte
das Vertrauen durch einen soliden Part in
Abwehr und Mittelfeld und trug sich sogar
in die Liste der Torschützen ein. „Ich
hätte den Günter auf jeden Fall
gebracht, und vielleicht werde ich Eymold
in Homburg sogar von Beginn an einsetzen.
Dann als eine Art Doppel-Libero im Zusammenspiel
mit Holger Brück", gab Trainer Brungs
schon einen kleinen Einblick in seine Strategie
preis.
Als wahrer Glücksgriff
von Brungs entpuppte sich Dirk Schmelting.
Der durch drei schwere Verletzungen im Laufe
der Saison immer wieder zurückgeworfene
Ex-Hermanne kam, sah und traf. Das dann gleich
zweimal innerhalb von nur vier Minuten. Ich
denke, ich habe beute gezeigt, daß der
Trainer auf mich bauen kann freute sich der
22jährige Finanzbeamte über den
gelungenen Wieder-einstieg.
Eine Art Wiedergeburt als
Torjäger feierte auch Dieter Hecking
mit seinen Saisontreffern zwölf bis 15.
"Wir dürfen jetzt nur nicht abheben.
Nach Battenberg sind wir hochgejubelt worden
und dann in Baunatal auf den Bauch gefallen",
warnt der Mannschaftskapitän vor Überschätzen
der eigenen Leistung. Er selbst erhofft sich
durch seinen Torsegen eine Stärkung des
Selbstvertrauens, hätte sich aber "lieber
drei Tore für Homburg aufgehoben".
Das wäre sicherlich
auch den Hermannen angenehmer gewesen, die
mit hängenden Köpfen gedemütigt
vom Platz schlichen. Zehn Gegentreffer, da
wird Trainer Jürgen Siering in diesen
Tagen als Seelenmasseur gefragt sein. Die
Hoffnungstriebe auf Klassenerhalt dürften
nach der desolaten Samstagleistung der Nordstädter
nicht mehr allzu üppig sprießen.
Rolf Wiesemann (HNA-Sportredaktion,
06.03.1989) |