Problem wächst,
Reform vertagt
Man hat Vorurteile abbauen
müssen und wird sich daran gewöhnen,
daß die Liga nicht mehr ist, was
sie war. Das ist auch qualitativ zu sehen,
aber nicht nur, das wäre zu einfach.
In dieser Klasse aber
ist rein gar nichts mehr einfach. Die
verflossene Saison war das Jahr nicht
der Jugend und nicht der Alten: es war
das Jahr der Geldgeber. Die Aufsteiger
Homburg und Blau-Weiß Berlin und
der Fast-Aufsteiger Fortuna Köln
wären ohne ihre Mäzene und Sponsoren
nicht vorstellbar, jedenfalls nicht dort
oben, wo sie derzeit stehen.
Was läuft, wenn
ein Sponsor aussteigt, läßt
der Fall Braunschweig ahnen. Der Topfavorit
der letzten Saison endete mit negativer
Punktausbeute auf Platz 12.
Berlin, unversehens zur
„Hauptstadt der Zweitklassigkeit”
geworden, verabschiedete sich mit einem
Auf- und zwei Absteigern, den Meister
stellte Hornburg, die kleinste aller Bundesligastädte
aller Jahre, es hielt sich in der Schnuppersaison
Aschaffenburg, aus dem Amateurlager stiegen
in der Südgruppe neben Ulm nicht
die langjährigen Bundesligisten 1860
München oder Kickers Offenbach auf,
sondern der FSV Salmrohr, der kleinste
Ort aller Zeiten in der Zweiten Klasse.
Müssen da nicht
die Ohren klingen: Alsenborn? Dem dreimaligen
Teilnehmer an der Bundesliga-Aufstiegsrunde
wurde 1974 die Lizenz der zweigleisigen
Bundesliga zugunsten des 1. FC Saarbrücken
verweigert, weil das wirtschaftlich nicht
zu verantworten sei. Und Salmrohr? Aber
da gibt es ja den Mäzen Rau. Und
Fortuna Köln, vom ersten Tag der
Zweiten Liga an ununterbrochen dabei,
torkelte zwischen Himmel und Hölle
um zwei Minuten am Aufstieg vorbei.
Eine Liga ohne
Bayern und Berlin
In der regionalen Aufgliederung
fehlt nun nicht nur Berlin, sondern auch
Bayern. Bei der Gründung der zweigleisigen
2. Liga 1974 mit sieben Vereinen vertreten
(da wurden die längst vergessenen
Schweinfurter und Hofer Dritte und Vierte
noch vor 1860 München und Nürnberg),
später zeitweilig mit acht Vereinen
und bei Gründung der Eingleisigen
immerhin mit drei dabei - stieg nun mit
der SpVgg Bayreuth der letzte Verein aus
dem Bereich der Bayernliga ab. Denn Aschaffenburg
gehört zwar zum Freistaat Bayern,
seine Rennomierelf aber ist ein Kind der
Hessenliga.
Der kranke Krösus
1860 scheiterte wieder, diesmal an Salmrohr,
einer Gemeinde von nicht mal tausend Seelen.
Und zum erstenmal ist der südwestdeutsche
Fußballverband Rheinland in der
Eingleisigen vertreten.
Indeß: die Zugkraft
fördert das nicht. Es fällt
immer schwerer, die Zweite Bundesliga
zu verkaufen. In der Fluktuation zwischen
der ersten und zweiten Klasse gehen Klubaustausch
und Spieleraustausch auf Dauer immer mehr
zu Lasten der Zweiten Klasse.
Nach oben verabschieden
sich ja nicht nur die erfolgreichsten
Vereine mit ihren Spielern, sondern es
gehen auch von den anderen Klubs die Leistungsträger
und jene Talente, die sich in der zweiten
Klasse die Hörner abgestoßen
haben. Ob sie „oben” zurechtkommen
wie vor ihnen Rolff, Stein, Brehme, Herget,
Funkel, Völler, Waas oder Wohlfarth
- das muß sich zeigen. Ihren Klubs
fehlen sie. Und den Zuschauern auch.
Schon vor dem Aufstieg
von Blau-Weiß hat die Zweite Liga
ihren Torjäger Bunk verloren. Und
die Zweitliga verlor an die Bundesliga
diesmal serienweise Leistungsträger
wie Brandt, Wollitz, Kohn, Haas, Merkle,
Baffoe, Allievi, Hoffmeister, Bakalorz,
Münn, Stickroth, Tobollik, Helmer,
Neun, Grabosch.
Und der Rückstau
bringt nicht, was er früher brachte!
Die Absteiger kommen erschöpft aus
der Bundesliga zurück, müssen
ihre besten Kräfte laufen lassen,
weil sie erst mal die Lizenz und ihren
Haushalt retten wollen.
Da müssen die vorjährigen
Bundesliga-Absteiger Bielefeld, Karlsruhe
und besonders Braunschweig nach dem Scheitern
ihrer Comeback-Versuche zum zweiten Mal
innerhalb Jahresfrist ihren bisherigen
Kader noch weiter reduzieren, der zweite
Neubeginn nacheinander auf Kosten der
Substanz.
Braunschweig betrieb
diesen Prozeß so rigoros, daß
jetzt bei neuerlicher Krise der Klassenverbleib
ernsthaft gefährdet erscheint. Aktuelle
Beispiele malen den Teufel an die Wand:
Hertha und Duisburg, langjährige
Kampfgefährten der Braunschweiger
in der Bundesliga und jetzt ins Amateurlager
abge-stürzt.
In Saarbrücken
sah es zunächst gleichfalls trostlos
aus. Muntubila und Mohr ins Ausland, Seel
und Blättel weg. Jetzt stellt sich
die Lage schon wieder etwas ermutigender
dar. Otto Luttrop will dem Österreicher
Hintermaier die Führung der Jungen
anvertrauen. Die Abwehr blieb ohnehin.
Noch eher als Saarbrücken
glaubt Hannover den Sturz abfangen, den
Frust umleiten zu können. Der Spielerverlust
war hier am geringsten, der Ausgleich
scheint gewährleistet: Grillemeier
für Schaub, Knüwe für Baier,
im Tor jetzt auch noch der Routinier Wulf.
Und da es in und um Niedersachsen interessantes
Nachbarschaftskolorit gibt, könnte
der Imageverlust in Grenzen gehalten werden.
Wenn Hannover schon wieder nach oben denkt,
muß es sich gleich mit einem halben
Dutzend Konkurrenten herumschlagen.
Zu ihnen gehört
auch die so knapp am Aufstieg gescheiterte
Kölner Fortuna - das 0:8 im dritten
Spiel darf nicht darüber hinwegtäuschen,
wie nah sie am Ziel war. Die Entmutigung
scheint im Griff, seitdem Jean Löring
verkündete, doch weiterzumachen.
Wird er die Symbolfigur zu neuer Mobilisation?
Den Weggang von Grabosch, Neun und Kurtenbach
glaubt Trainer Linßen abfangen,
zumindest mildern zu können.
Und da haben noch einige
Vereine deutlich zugelegt: Aachen mit
Kahlhofen und Pascal Nothoff, Oberhausen
mit Loose und Haas, Darmstadt mit Herbst
und Künast, Aschaffenburg, das zwar
Tobollik beizeiten abschreiben mußte,
aber Dubovina und Salov hielt, Gores,
Dittus, Baier und Lellek holte.
Die Zweite Liga wird
weiterhin die Klasse der kleinen Unterschiede
sein, in der jeder jeden besiegen kann.
Darum verlagern sich hier so schnell die
Gewichte, ändern sich Vorzeichen.
Es hat sich gezeigt,
daß erst die Saison Mannschaften
macht. Ein guter Start ist viel wert,
doch längst nicht alles. Im Vorjahr
standen die späteren Klassenbesten
Homburg und Blau-Weiß nach jeweils
zehn Spielen mit 10:10 Punkten gemeinsam
im Mittelfeld. Erst dann ging die Post
ab.
Aufbauklasse - Arbeitssiege
- Geduldsprobe - Beharrlichkeit auf dem
langen Marsch: Die Floskeln und Parolen
sind geblieben, man werte sie nicht als
Ausweichen oder gar Ausreden ab. In dieser
Klasse wird keine Kür gezaubert,
hier wird Pflicht gelaufen, Arbeit statt
Show. Im Untergrund schwelt es. Das Problem,
mit bescheidenen Haushalten auskommen
zu müssen, wächst und wächst.
Daß es dem DFB nicht über den
Kopf wachse, fordert seine Gremien heraus.
Der DFB-Bundestag darf es nicht aussparen.
Die Reform stockt. Einführung
der Winterpause, Reduzierung auf 18 Zweitligisten
und die Vizewelt-meisterschaft haben die
Tagesfragen nur vorübergehend verdeckt.
Sie werden sich wieder stellen. Man kann
die Probleme nicht totschweigen. Sie müssen
eingebracht, durchdacht, ausdiskutiert,
in Lösungsmöglichkeiten umverarbeitet
werden.
1984/85 beklagte die
Zweite Liga einen Verlust von einer Viertelmillion
Zuschauern gegenüber dem Jahr zuvor.
Nun sanken die Besucherzahlen um weitere
350 000. Bei knapp 3 Millionen Besuchern
hatte die Zweite Bundesliga in ihrem Einführungsjahr
1981/82 angesetzt. Nun ist der absolute
Tiefstwert in einer fünfjährigen
Entwicklung erreicht. 1,6 Millionen Besucher:
Das bedeutet in fünf Jahren einen
Rückgang fast um die Hälfte.
Man macht es sich zu
leicht, das mit dem Fehlen attraktiver
Klubs zu erklären. Vor fünf
Jahren machten hier Schalke, Hertha, 1860
München und Offenbach Kasse.
Von den Genannten spielt
nur Schalke über der Zweiten Liga.
Daß die anderen unten sind im Amateurlager,
ist doch nicht bloß ein böser
Zufall oder Betriebsunfall.
Werner Schilling (Kicker
Sonderheft - August 1986)