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Kicker Sonderheft - August 1986

Problem wächst, Reform vertagt

Man hat Vorurteile abbauen müssen und wird sich daran gewöhnen, daß die Liga nicht mehr ist, was sie war. Das ist auch qualitativ zu sehen, aber nicht nur, das wäre zu einfach.

In dieser Klasse aber ist rein gar nichts mehr einfach. Die verflossene Saison war das Jahr nicht der Jugend und nicht der Alten: es war das Jahr der Geldgeber. Die Aufsteiger Homburg und Blau-Weiß Berlin und der Fast-Aufsteiger Fortuna Köln wären ohne ihre Mäzene und Sponsoren nicht vorstellbar, jedenfalls nicht dort oben, wo sie derzeit stehen.

Was läuft, wenn ein Sponsor aussteigt, läßt der Fall Braunschweig ahnen. Der Topfavorit der letzten Saison endete mit negativer Punktausbeute auf Platz 12.

Berlin, unversehens zur „Hauptstadt der Zweitklassigkeit” geworden, verabschiedete sich mit einem Auf- und zwei Absteigern, den Meister stellte Hornburg, die kleinste aller Bundesligastädte aller Jahre, es hielt sich in der Schnuppersaison Aschaffenburg, aus dem Amateurlager stiegen in der Südgruppe neben Ulm nicht die langjährigen Bundesligisten 1860 München oder Kickers Offenbach auf, sondern der FSV Salmrohr, der kleinste Ort aller Zeiten in der Zweiten Klasse.

Müssen da nicht die Ohren klingen: Alsenborn? Dem dreimaligen Teilnehmer an der Bundesliga-Aufstiegsrunde wurde 1974 die Lizenz der zweigleisigen Bundesliga zugunsten des 1. FC Saarbrücken verweigert, weil das wirtschaftlich nicht zu verantworten sei. Und Salmrohr? Aber da gibt es ja den Mäzen Rau. Und Fortuna Köln, vom ersten Tag der Zweiten Liga an ununterbrochen dabei, torkelte zwischen Himmel und Hölle um zwei Minuten am Aufstieg vorbei.

Eine Liga ohne Bayern und Berlin

In der regionalen Aufgliederung fehlt nun nicht nur Berlin, sondern auch Bayern. Bei der Gründung der zweigleisigen 2. Liga 1974 mit sieben Vereinen vertreten (da wurden die längst vergessenen Schweinfurter und Hofer Dritte und Vierte noch vor 1860 München und Nürnberg), später zeitweilig mit acht Vereinen und bei Gründung der Eingleisigen immerhin mit drei dabei - stieg nun mit der SpVgg Bayreuth der letzte Verein aus dem Bereich der Bayernliga ab. Denn Aschaffenburg gehört zwar zum Freistaat Bayern, seine Rennomierelf aber ist ein Kind der Hessenliga.

Der kranke Krösus 1860 scheiterte wieder, diesmal an Salmrohr, einer Gemeinde von nicht mal tausend Seelen. Und zum erstenmal ist der südwestdeutsche Fußballverband Rheinland in der Eingleisigen vertreten.

Indeß: die Zugkraft fördert das nicht. Es fällt immer schwerer, die Zweite Bundesliga zu verkaufen. In der Fluktuation zwischen der ersten und zweiten Klasse gehen Klubaustausch und Spieleraustausch auf Dauer immer mehr zu Lasten der Zweiten Klasse.

Nach oben verabschieden sich ja nicht nur die erfolgreichsten Vereine mit ihren Spielern, sondern es gehen auch von den anderen Klubs die Leistungsträger und jene Talente, die sich in der zweiten Klasse die Hörner abgestoßen haben. Ob sie „oben” zurechtkommen wie vor ihnen Rolff, Stein, Brehme, Herget, Funkel, Völler, Waas oder Wohlfarth - das muß sich zeigen. Ihren Klubs fehlen sie. Und den Zuschauern auch.

Schon vor dem Aufstieg von Blau-Weiß hat die Zweite Liga ihren Torjäger Bunk verloren. Und die Zweitliga verlor an die Bundesliga diesmal serienweise Leistungsträger wie Brandt, Wollitz, Kohn, Haas, Merkle, Baffoe, Allievi, Hoffmeister, Bakalorz, Münn, Stickroth, Tobollik, Helmer, Neun, Grabosch.

Und der Rückstau bringt nicht, was er früher brachte! Die Absteiger kommen erschöpft aus der Bundesliga zurück, müssen ihre besten Kräfte laufen lassen, weil sie erst mal die Lizenz und ihren Haushalt retten wollen.

Da müssen die vorjährigen Bundesliga-Absteiger Bielefeld, Karlsruhe und besonders Braunschweig nach dem Scheitern ihrer Comeback-Versuche zum zweiten Mal innerhalb Jahresfrist ihren bisherigen Kader noch weiter reduzieren, der zweite Neubeginn nacheinander auf Kosten der Substanz.

Braunschweig betrieb diesen Prozeß so rigoros, daß jetzt bei neuerlicher Krise der Klassenverbleib ernsthaft gefährdet erscheint. Aktuelle Beispiele malen den Teufel an die Wand: Hertha und Duisburg, langjährige Kampfgefährten der Braunschweiger in der Bundesliga und jetzt ins Amateurlager abge-stürzt.

In Saarbrücken sah es zunächst gleichfalls trostlos aus. Muntubila und Mohr ins Ausland, Seel und Blättel weg. Jetzt stellt sich die Lage schon wieder etwas ermutigender dar. Otto Luttrop will dem Österreicher Hintermaier die Führung der Jungen anvertrauen. Die Abwehr blieb ohnehin.

Noch eher als Saarbrücken glaubt Hannover den Sturz abfangen, den Frust umleiten zu können. Der Spielerverlust war hier am geringsten, der Ausgleich scheint gewährleistet: Grillemeier für Schaub, Knüwe für Baier, im Tor jetzt auch noch der Routinier Wulf. Und da es in und um Niedersachsen interessantes Nachbarschaftskolorit gibt, könnte der Imageverlust in Grenzen gehalten werden. Wenn Hannover schon wieder nach oben denkt, muß es sich gleich mit einem halben Dutzend Konkurrenten herumschlagen.

Zu ihnen gehört auch die so knapp am Aufstieg gescheiterte Kölner Fortuna - das 0:8 im dritten Spiel darf nicht darüber hinwegtäuschen, wie nah sie am Ziel war. Die Entmutigung scheint im Griff, seitdem Jean Löring verkündete, doch weiterzumachen. Wird er die Symbolfigur zu neuer Mobilisation? Den Weggang von Grabosch, Neun und Kurtenbach glaubt Trainer Linßen abfangen, zumindest mildern zu können.

Und da haben noch einige Vereine deutlich zugelegt: Aachen mit Kahlhofen und Pascal Nothoff, Oberhausen mit Loose und Haas, Darmstadt mit Herbst und Künast, Aschaffenburg, das zwar Tobollik beizeiten abschreiben mußte, aber Dubovina und Salov hielt, Gores, Dittus, Baier und Lellek holte.

Die Zweite Liga wird weiterhin die Klasse der kleinen Unterschiede sein, in der jeder jeden besiegen kann. Darum verlagern sich hier so schnell die Gewichte, ändern sich Vorzeichen.

Es hat sich gezeigt, daß erst die Saison Mannschaften macht. Ein guter Start ist viel wert, doch längst nicht alles. Im Vorjahr standen die späteren Klassenbesten Homburg und Blau-Weiß nach jeweils zehn Spielen mit 10:10 Punkten gemeinsam im Mittelfeld. Erst dann ging die Post ab.

Aufbauklasse - Arbeitssiege - Geduldsprobe - Beharrlichkeit auf dem langen Marsch: Die Floskeln und Parolen sind geblieben, man werte sie nicht als Ausweichen oder gar Ausreden ab. In dieser Klasse wird keine Kür gezaubert, hier wird Pflicht gelaufen, Arbeit statt Show. Im Untergrund schwelt es. Das Problem, mit bescheidenen Haushalten auskommen zu müssen, wächst und wächst. Daß es dem DFB nicht über den Kopf wachse, fordert seine Gremien heraus. Der DFB-Bundestag darf es nicht aussparen.

Die Reform stockt. Einführung der Winterpause, Reduzierung auf 18 Zweitligisten und die Vizewelt-meisterschaft haben die Tagesfragen nur vorübergehend verdeckt. Sie werden sich wieder stellen. Man kann die Probleme nicht totschweigen. Sie müssen eingebracht, durchdacht, ausdiskutiert, in Lösungsmöglichkeiten umverarbeitet werden.

1984/85 beklagte die Zweite Liga einen Verlust von einer Viertelmillion Zuschauern gegenüber dem Jahr zuvor. Nun sanken die Besucherzahlen um weitere 350 000. Bei knapp 3 Millionen Besuchern hatte die Zweite Bundesliga in ihrem Einführungsjahr 1981/82 angesetzt. Nun ist der absolute Tiefstwert in einer fünfjährigen Entwicklung erreicht. 1,6 Millionen Besucher: Das bedeutet in fünf Jahren einen Rückgang fast um die Hälfte.

Man macht es sich zu leicht, das mit dem Fehlen attraktiver Klubs zu erklären. Vor fünf Jahren machten hier Schalke, Hertha, 1860 München und Offenbach Kasse.

Von den Genannten spielt nur Schalke über der Zweiten Liga. Daß die anderen unten sind im Amateurlager, ist doch nicht bloß ein böser Zufall oder Betriebsunfall.

Werner Schilling (Kicker Sonderheft - August 1986)