Eckstein
zerstört Aufstiegstraum
Gut gespielt,
tapfer gekämpft und dennoch, nach dem
letzten Spieltag in der 2. Fußballiga
steht der lange Zeit führende KSV Hessen
Kassel mit leeren Händen da. Die bittere
0:2 (0:0)-Niederlage beim neuen Meister 1.
FC Nürnberg, die der Tabellenführer
nach einem Platzverweis von Panierschky mit
nur zehn Spielern nach aufopferungsvoller
Gegenwehr erlitt, warf ihn auf Rang vier und
damit, wie schon in den beiden letzten Jahren,
praktisch ins Nichts zurück. Nürnberg
und Hannover schafften den Bundesligaaufstieg;
Saarbrücken hat die Chance, sich gegen
Bielefeld noch für das Oberhaus zu qualifizieren.
Genau eine
Stunde lang konnte der KSV Hessen Kassel im
mit 60 000 Zuschauern restlos ausverkauften
Nürnberger Stadion vom Aufstieg träumen,
dann zerstörte der schnelle Eckstein
dieses Wunschgebilde mit einem raffiniert
geschlenzten Ball ins rechte Kasseler Toreck.
Zuvor hatte der Blondschopf, der bereits einige
hochprozentige Gelegenheiten ausgelassen hatte,
den KSV-Libero Greizer an der Strafraumgrenze
geschickt ins Leere grätschen lassen,
und seinen anschließenden Schuß
mußte der ansonsten überragende
Torhüter Wulf, dem die Sicht versperrt
war, tatenlos passieren lassen.
Diese ominöse
60. Spielminute brachte somit die vorzeitige
Entscheidung in einem zu einem Endspiel hochstilisierten
Spitzenkampf, doch die Basis für den
Triumph, die legten eigentlich nicht die Nürnberger
selbst, sondern Schiedsrichter Franz-Josef
Hontheim.
Schon in
der Anfangsphase dieser keineswegs überharten
Partie fuchtelte der Unparteiische aus Trier
recht unmotiviert und übertrieben oft
mit gelben Verwarnungskarten herum. Panierschky
sah sie nach einer Viertelstunde erstmals,
als er Nürnbergs Offensivverteidiger
Wagner mit einem Allerweltsfoul zu Boden schickte.
Drei Minuten vor dem Halbzeitpfiff brach für
den linken Außenverteidiger des KSV,
der bis dahin einen äußerst starken
Eindruck hinterlassen hatte, eine Welt zusammen:
Im Zweikampf mit Eckstein ließ sich
der Nürnberger direkt an der Torauslinie
spektakulär zu Boden fallen. Ohne zu
zögern zückte Hontheim erneut Gelb
für Panierschky. Zweimal Gelb gleich
Rot, die „Löwen” mußten
den Rest der Spielzeit mit nur noch zehn Spielern
absolvieren.
„Ich
will mich eigentlich nicht zu dieser Entscheidung
äußern, aber es ist schon grausam,
wie ein Schiedsrichter ein solch wichtiges
Spiel mit einer fragwürdigen Entscheidung
beeinflussen kann”, lautete KSV-Trainer
Bergers Erklärung zu diesem Ereignis.
Deutlicher wurde da schon Spielausschußvorsitzender
Flöck: „Wir sind von Herrn Hontheim
klar verschaukelt worden”. Mehrere Beobachter,
die dicht am Tatort gesessen hatten, versicherten
später nachdrücklich: Eckstein ist
von Panierschky überhaupt nicht berührt
worden. Der Schiedsrichter ist auf eine „Schwalbe”
des Nürnbergers hereingefallen.
Die Entscheidung
von Hontheim war sicherlich überzogen,
zumal er sich durch sein rasantes Kartenzücken
selbst in Zugzwang gebracht hatte. Mehr noch
als die erneute personelle Schwächung
der ohnehin auch diesmal wieder mit mehrfachem
Ersatz angetretenen „Löwen”
war aber die Tatsache, daß Panierschkys
Disqualifikation gleichzeitig auch die überaus
erfolgreiche taktische Marschroute von Trainer
Berger zerstörte.
Im Laufe
der ersten Halbzeit war es den überaus
nervösen Nürnbergern, die ihre stärkste
Waffe, den bedingungslosen Angriffsfußball,
sträflich vernachläßigten,
nur selten gelungen, die umformierte KSV-Abwehr
in Verlegenheit zu bringen. Fest gefügt
stand der Block um „Ersatz”-Libero
Greizer, wobei sich die schnellen Nürnberger
Spitzen Güttler, Eckstein und Klaus besonderer
Aufmerksamkeit erfreuten. Geschickt wurden
den Nürnbergern im Angriff die Räume
verstellt, wobei sich die Clubspieler im Ausnutzen
der wenigen Chancen auch noch verzettelten.
Für
Entlastung der eigenen Abwehr sorgten meist
die zurückhängenden Stürmer
Freudenstein und Deuerling, die zusammen mit
der Doppelspitze Hampl-Cestonaro hin und wieder
auch Gefahr vor dem Nürnberger Tor heraufbeschworen.
So scheiterte Deuerling (11.) nur knapp an
Torhüter Heider, und Hampl versuchte
sein Glück mit einem Torschuß,
anstatt den mitgelaufenen Cestonaro zu bedienen
(27.).
Als der
auch diesmal mit viel Offensivdrang ausgestattete
Freudenstein den durch Schiedsrichter-Entscheid
zwangsgeräumten Verteidigerposten übernehmen
mußte, erhielt das Angriffsspiel der
„Löwen” nach dem Wechsel
einen entscheidenden Knacks. Fortan war der
Nürnberger Rasenplatz eine Einbahnstraße
in Richtung KSV-Tor.
Angriffswoge
auf Angriffswoge der Gastgeber brandete gegen
den Kasseler Abwehrwall, der wankte, aber
noch nicht fiel. 16:2 Ecken drücken die
Nürnberger Überlegenheit auch numerisch
aus. Doch was die Männer von der Noris
auch anstellten, Teufelskerl Hans Wulf im
Tor der Hessen vereitelte mit tollkühnen
Paraden selbst die allergrößten
Chancen. Etliche Male erstarb den Zuschauern
der Torschrei auf den Lippen, hatte der KSV-Zerberus
erneut in höchster Not geklärt.
Er schien an diesem Tag beinahe unüberwindlich,
bis, ja bis zu dieser 60. Spielminute, in
der Eckstein die entscheidende Lücke
entdeckte.
Danach setzte
Jörg Berger alles auf eine Karte, wechselte
Libero Greizer und Eplinius gegen die beiden
Angreifer Kirchberg und van de Veldt aus.
Offensive um jeden Preis hieß ab diesem
Zeitpunkt die Devise der Hessen; die Gefahr,
dadurch den zweiten, entscheidenden Gegentreffer
zu riskieren, voll einkalkuliert.
Und beinahe,
ja es fehlten nur Zentimeter oder Bruchteile
von Sekunden, wäre Jörg Bergers
Rechnung aufgegangen. Eine Minute vor dem
Schlußpfiff lief Deuerling mit einem
Steilpaß auf und davon, wurde aber im
letzten Moment von Torhüter Heider gestoppt,
als der Kasseler Stürmer versuchte, einen
Haken zu schlagen. Ein Querpaß zum mitgelaufenen
Hampl wäre in dieser Situation sicherlich
erfolgsversprechender gewesen.
Daß
gleich im Gegenzug das 2:0 für den Club
fiel, als Geyer und Güttler frei vor
Torwart Wulf auftauchten, war lediglich von
statistischem Wert. „In dieser einen
Minute hätte das Spiel noch einmal zugunsten
des KSV kippen können”, wies Nürnbergs
Trainer Höher später noch einmal
darauf hin, wie dicht Verzweiflung und Triumph
in diesem packenden Treffen beieinander lagen.
Hohes Lob
zollte auch Nürnbergs Bürgermeister
Uhrschlächter dem Gast aus Nordhessen:
„Es war schon toll, was die Kasseler
hier mit nur zehn Mann geboten haben. Daß
sie durch diese Niederlage gleich auf den
vierten Rang zurückgefallen sind, muß
man einfach tragisch nehmen”.
Gefaßt
trug KSV-Vorstandssprecher Meyer-Tonndorf
das Scheitern im Aufstiegskampf: „Wir
haben eine gute Mannschaft, die in der kommenden
Saison wieder oben mitspielen wird!”.
Auf ein Neues also!
Rolf Wiesemann
(HNA-Sportredaktion, 10.06.1985)
KSV-Trainer
Jörg Berger: Stolz auf meine Truppe
Von Niedergeschlagenheit
war kaum noch etwas zu merken. Die Dramatik
der zurückliegenden 90 Minuten, die nervenzerrende
Hektik, die Enttäuschung nach dem Schlußpfiff,
das alles schien an Trainer Jörg Berger
abgeperlt zu sein, wie Wasser an einer gut
geölten Regenhaut.
„Ich
bin stolz auf das Erreichte in dieser Salon,
und ich bin stolz auf meine Truppe”,
zog der Trainer ein erstes Fazit nach dem
verlorenen Entscheidungskampf in der Noris.
Worte, die man Jörg Berger nur allzu
gerne abnahm, denn Grund, stolz auf seine
Mannschaft zu sein, hatte er allemal: „Man
hat heute doch ganz deutlich gesehen, daß
unsere Moral intakt ist. Die Mannschaft hat
sich gegen den neuen Meister mit nur zehn
Mann tapfer gewehrt. Mehr war bei unserem
personellen Engpaß einfach nicht drin”.
Dabei wurde
Jörg Berger nicht müde, immer wieder
darauf hinzuweisen, wie schwer das Verletzungspech
den „Löwen” in den letzten
Wochen mitgespielt hat: „Wir haben doch
in den ganzen entscheidenden Spielen mit mehrfachen
Ersatz antreten müssen. Das, und nur
das allein, hat uns den entscheidenden Punkt
gekostet”. Auch den genauen Ort, an
welchem der KSV Hessen seine Aufstiegschance
letztendlich eingebüßt hat, glaubt
der Trainer im nachhinein päzise geortet
zu haben. „In Bürstadt mußten
wir zwar sieben Spieler ersetzen, trotzdem
hätte es in der Schlußphase wenigstens
zu einem Punkt reichen müssen, denn die
Bürstädter waren gegen Ende völlig
außer Tritt”.
Doch auch
beim entscheidenden Spiel in Nürnberg
hat Jörg Berger bis zum Schluß
gehofft: „Ich darf gar nicht daran denken,
was passiert wäre, wenn der Michael Deuerling
das Ding eine Minute vor Schluß ins
Tor gehauen hätte”.
Spielausschußvorsitzender
Horst Flöck nimmt seinen Spieler in Schutz:
„Das geschieht doch alles in Bruchteilen
von Sekunden. Da kann man einem Spieler später
einfach keine Vorwürfe machen”.
Rolf Wiesemann
(HNA-Sportredaktion, 10.06.1985) |