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<<< 37. Spieltag
2. Bundesliga 1984/85, 38. Spieltag

1. FC Nürnberg - KSV Hessen Kassel

2:0 (0:0)

Sonntag, 09.06.1985
Frankenstadion Nürnberg

1. FC Nürnberg
KSV Hessen Kassel
Herbert Heider
Dieter Lieberwirth
Roland Grahammer
Norbert Wagner
Thomas Brunner
Hans Dorfner
Stefan Reuter
Reiner Geyer (82. Ulrich Bittorf)
Günter Güttler
Dieter Eckstein
Fred Klaus (57. Rudolf Stenzel)
Trainer: Heinz Höher
Trainer: Jörg Berger
Spielstatistik
Tore: 1:0 Eckstein (60.), 2:0 Brunner (90.) - Gelbe Karten: Lieberwirth, Grahammer, Geyer - Bakalorz - Rote Karte: Panierschky (44., wegen wiederholten Foulspiels) - Schiedsrichter: Hontheim (Trier) - Zuschauer: 56.339 (ausverkauft)
Spielbericht

Eckstein zerstört Aufstiegstraum

Gut gespielt, tapfer gekämpft und dennoch, nach dem letzten Spieltag in der 2. Fußballiga steht der lange Zeit führende KSV Hessen Kassel mit leeren Händen da. Die bittere 0:2 (0:0)-Niederlage beim neuen Meister 1. FC Nürnberg, die der Tabellenführer nach einem Platzverweis von Panierschky mit nur zehn Spielern nach aufopferungsvoller Gegenwehr erlitt, warf ihn auf Rang vier und damit, wie schon in den beiden letzten Jahren, praktisch ins Nichts zurück. Nürnberg und Hannover schafften den Bundesligaaufstieg; Saarbrücken hat die Chance, sich gegen Bielefeld noch für das Oberhaus zu qualifizieren.

Genau eine Stunde lang konnte der KSV Hessen Kassel im mit 60 000 Zuschauern restlos ausverkauften Nürnberger Stadion vom Aufstieg träumen, dann zerstörte der schnelle Eckstein dieses Wunschgebilde mit einem raffiniert geschlenzten Ball ins rechte Kasseler Toreck. Zuvor hatte der Blondschopf, der bereits einige hochprozentige Gelegenheiten ausgelassen hatte, den KSV-Libero Greizer an der Strafraumgrenze geschickt ins Leere grätschen lassen, und seinen anschließenden Schuß mußte der ansonsten überragende Torhüter Wulf, dem die Sicht versperrt war, tatenlos passieren lassen.

Diese ominöse 60. Spielminute brachte somit die vorzeitige Entscheidung in einem zu einem Endspiel hochstilisierten Spitzenkampf, doch die Basis für den Triumph, die legten eigentlich nicht die Nürnberger selbst, sondern Schiedsrichter Franz-Josef Hontheim.

Schon in der Anfangsphase dieser keineswegs überharten Partie fuchtelte der Unparteiische aus Trier recht unmotiviert und übertrieben oft mit gelben Verwarnungskarten herum. Panierschky sah sie nach einer Viertelstunde erstmals, als er Nürnbergs Offensivverteidiger Wagner mit einem Allerweltsfoul zu Boden schickte. Drei Minuten vor dem Halbzeitpfiff brach für den linken Außenverteidiger des KSV, der bis dahin einen äußerst starken Eindruck hinterlassen hatte, eine Welt zusammen: Im Zweikampf mit Eckstein ließ sich der Nürnberger direkt an der Torauslinie spektakulär zu Boden fallen. Ohne zu zögern zückte Hontheim erneut Gelb für Panierschky. Zweimal Gelb gleich Rot, die „Löwen” mußten den Rest der Spielzeit mit nur noch zehn Spielern absolvieren.

„Ich will mich eigentlich nicht zu dieser Entscheidung äußern, aber es ist schon grausam, wie ein Schiedsrichter ein solch wichtiges Spiel mit einer fragwürdigen Entscheidung beeinflussen kann”, lautete KSV-Trainer Bergers Erklärung zu diesem Ereignis. Deutlicher wurde da schon Spielausschußvorsitzender Flöck: „Wir sind von Herrn Hontheim klar verschaukelt worden”. Mehrere Beobachter, die dicht am Tatort gesessen hatten, versicherten später nachdrücklich: Eckstein ist von Panierschky überhaupt nicht berührt worden. Der Schiedsrichter ist auf eine „Schwalbe” des Nürnbergers hereingefallen.

Die Entscheidung von Hontheim war sicherlich überzogen, zumal er sich durch sein rasantes Kartenzücken selbst in Zugzwang gebracht hatte. Mehr noch als die erneute personelle Schwächung der ohnehin auch diesmal wieder mit mehrfachem Ersatz angetretenen „Löwen” war aber die Tatsache, daß Panierschkys Disqualifikation gleichzeitig auch die überaus erfolgreiche taktische Marschroute von Trainer Berger zerstörte.

Im Laufe der ersten Halbzeit war es den überaus nervösen Nürnbergern, die ihre stärkste Waffe, den bedingungslosen Angriffsfußball, sträflich vernachläßigten, nur selten gelungen, die umformierte KSV-Abwehr in Verlegenheit zu bringen. Fest gefügt stand der Block um „Ersatz”-Libero Greizer, wobei sich die schnellen Nürnberger Spitzen Güttler, Eckstein und Klaus besonderer Aufmerksamkeit erfreuten. Geschickt wurden den Nürnbergern im Angriff die Räume verstellt, wobei sich die Clubspieler im Ausnutzen der wenigen Chancen auch noch verzettelten.

Für Entlastung der eigenen Abwehr sorgten meist die zurückhängenden Stürmer Freudenstein und Deuerling, die zusammen mit der Doppelspitze Hampl-Cestonaro hin und wieder auch Gefahr vor dem Nürnberger Tor heraufbeschworen. So scheiterte Deuerling (11.) nur knapp an Torhüter Heider, und Hampl versuchte sein Glück mit einem Torschuß, anstatt den mitgelaufenen Cestonaro zu bedienen (27.).

Als der auch diesmal mit viel Offensivdrang ausgestattete Freudenstein den durch Schiedsrichter-Entscheid zwangsgeräumten Verteidigerposten übernehmen mußte, erhielt das Angriffsspiel der „Löwen” nach dem Wechsel einen entscheidenden Knacks. Fortan war der Nürnberger Rasenplatz eine Einbahnstraße in Richtung KSV-Tor.

Angriffswoge auf Angriffswoge der Gastgeber brandete gegen den Kasseler Abwehrwall, der wankte, aber noch nicht fiel. 16:2 Ecken drücken die Nürnberger Überlegenheit auch numerisch aus. Doch was die Männer von der Noris auch anstellten, Teufelskerl Hans Wulf im Tor der Hessen vereitelte mit tollkühnen Paraden selbst die allergrößten Chancen. Etliche Male erstarb den Zuschauern der Torschrei auf den Lippen, hatte der KSV-Zerberus erneut in höchster Not geklärt. Er schien an diesem Tag beinahe unüberwindlich, bis, ja bis zu dieser 60. Spielminute, in der Eckstein die entscheidende Lücke entdeckte.

Danach setzte Jörg Berger alles auf eine Karte, wechselte Libero Greizer und Eplinius gegen die beiden Angreifer Kirchberg und van de Veldt aus. Offensive um jeden Preis hieß ab diesem Zeitpunkt die Devise der Hessen; die Gefahr, dadurch den zweiten, entscheidenden Gegentreffer zu riskieren, voll einkalkuliert.

Und beinahe, ja es fehlten nur Zentimeter oder Bruchteile von Sekunden, wäre Jörg Bergers Rechnung aufgegangen. Eine Minute vor dem Schlußpfiff lief Deuerling mit einem Steilpaß auf und davon, wurde aber im letzten Moment von Torhüter Heider gestoppt, als der Kasseler Stürmer versuchte, einen Haken zu schlagen. Ein Querpaß zum mitgelaufenen Hampl wäre in dieser Situation sicherlich erfolgsversprechender gewesen.

Daß gleich im Gegenzug das 2:0 für den Club fiel, als Geyer und Güttler frei vor Torwart Wulf auftauchten, war lediglich von statistischem Wert. „In dieser einen Minute hätte das Spiel noch einmal zugunsten des KSV kippen können”, wies Nürnbergs Trainer Höher später noch einmal darauf hin, wie dicht Verzweiflung und Triumph in diesem packenden Treffen beieinander lagen.

Hohes Lob zollte auch Nürnbergs Bürgermeister Uhrschlächter dem Gast aus Nordhessen: „Es war schon toll, was die Kasseler hier mit nur zehn Mann geboten haben. Daß sie durch diese Niederlage gleich auf den vierten Rang zurückgefallen sind, muß man einfach tragisch nehmen”.

Gefaßt trug KSV-Vorstandssprecher Meyer-Tonndorf das Scheitern im Aufstiegskampf: „Wir haben eine gute Mannschaft, die in der kommenden Saison wieder oben mitspielen wird!”. Auf ein Neues also!

Rolf Wiesemann (HNA-Sportredaktion, 10.06.1985)

KSV-Trainer Jörg Berger: Stolz auf meine Truppe

Von Niedergeschlagenheit war kaum noch etwas zu merken. Die Dramatik der zurückliegenden 90 Minuten, die nervenzerrende Hektik, die Enttäuschung nach dem Schlußpfiff, das alles schien an Trainer Jörg Berger abgeperlt zu sein, wie Wasser an einer gut geölten Regenhaut.

„Ich bin stolz auf das Erreichte in dieser Salon, und ich bin stolz auf meine Truppe”, zog der Trainer ein erstes Fazit nach dem verlorenen Entscheidungskampf in der Noris. Worte, die man Jörg Berger nur allzu gerne abnahm, denn Grund, stolz auf seine Mannschaft zu sein, hatte er allemal: „Man hat heute doch ganz deutlich gesehen, daß unsere Moral intakt ist. Die Mannschaft hat sich gegen den neuen Meister mit nur zehn Mann tapfer gewehrt. Mehr war bei unserem personellen Engpaß einfach nicht drin”.

Dabei wurde Jörg Berger nicht müde, immer wieder darauf hinzuweisen, wie schwer das Verletzungspech den „Löwen” in den letzten Wochen mitgespielt hat: „Wir haben doch in den ganzen entscheidenden Spielen mit mehrfachen Ersatz antreten müssen. Das, und nur das allein, hat uns den entscheidenden Punkt gekostet”. Auch den genauen Ort, an welchem der KSV Hessen seine Aufstiegschance letztendlich eingebüßt hat, glaubt der Trainer im nachhinein päzise geortet zu haben. „In Bürstadt mußten wir zwar sieben Spieler ersetzen, trotzdem hätte es in der Schlußphase wenigstens zu einem Punkt reichen müssen, denn die Bürstädter waren gegen Ende völlig außer Tritt”.

Doch auch beim entscheidenden Spiel in Nürnberg hat Jörg Berger bis zum Schluß gehofft: „Ich darf gar nicht daran denken, was passiert wäre, wenn der Michael Deuerling das Ding eine Minute vor Schluß ins Tor gehauen hätte”.

Spielausschußvorsitzender Horst Flöck nimmt seinen Spieler in Schutz: „Das geschieht doch alles in Bruchteilen von Sekunden. Da kann man einem Spieler später einfach keine Vorwürfe machen”.

Rolf Wiesemann (HNA-Sportredaktion, 10.06.1985)