| Pokal-Rauswurf
nach Cesto-"Selbstmörder"
Mit einem
spektakulären 24-Stunden-Musik-Marathon
träumten die Berliner am Ernst-Reuter-Platz
ihren diesjährigen Sommernachtstraum
zu Ende. Knapp fünf Kilometer Luftlinie
weiter zogen 22 gut entlöhnte Profi-Balltreter
6 431 nach einem rassigen Pokalfight lechzenden
Zuschauern ganz schnell den Zahn. Genuß
mit bitterer Reue, Sommerfußball statt
Sommernachtstraum. Auf dieses Handwerk verstanden
sich Hertha BSC und der KSV Hessen Kassel
meisterhaft.
Die Fakten:
Berlins Hertha gewann durch ein Tor ihrer
Schalker Neuerwerbung Hubert Clute-Simon in
der 34. Minute mit 1:0, verdient sich weiter
das dringend benötigte Pokal-Zubrot,
die Hessen sind gleich in Runde eins rausgeflogen,
wieder einmal. Sie haben jetzt den Rücken
frei für die Meisterschaft, wenn man
so will. Nur, kann das trostreich sein, wenn
einem von der Ersatzbank die nackte Personalnot
entgegenspringt und die einzige zusätzliche
Geldquelle schon wieder versiegt ist?
Bescheidene
21 000 Mark bei einer Gesamteinnahme von 65
000 Mark nahmen die Kasseler von der Spree
mit. Damit läßt sich kein neuer
Mann finanzieren. „Zumindest ein Wiederholungsspiel
hätte uns finanziell ganz gut zu Gesicht
gestanden”, jammerte KSV-Trainer Jörg
Berger, als der Rausschmiß aktenkundig
war.
0:1 also.
Getrost hätte man auch auf 90 Minuten
Fußball-Karikatur verzichten und die
Münze hochwerfen können, um einen
Sieger zu ermitteln. Zufälligeres wäre
dabei kaum herausgekommen. Oder gleich beide
disqualifizieren, das wäre dann den Leistungsverweigerern
hüben wie drüben angemessen gewesen.
Das Tor
des Tages war das getreue Spiegelbild der
spielerischen Einfalt auf beiden Seiten, ein
klassischer „Selbstmörder”
(Berger) vom schwächsten Mann auf dem
Platz. Bedrängt und umständlich
in der Ballannahme, schickte Peter Cestonaro
einen Rückpaß fast von der Mittellinie
auf Torwart Hans Wulf. Clute-Simon erfaßte
blitzschnell die Situation, spritzte dazwischen
und schlenzte das Leder aufs linke kurze Eck
- keine Chance für Wulf. Peter Cestonaro,
noch nie der Schnellsten einer, momentan ein
Bild des Jammers, steht praktisch wieder da,
wo er beim KSV Hessen angefangen hat.
Viel Arbeit
für Jörg Berger! Aber daß
er dabei in die Haut des Psychologen schlüpfen
muß, ist dem KSV-Trainer inzwischen
auch klar geworden: „Das Fachliche kann
ich praktisch außen vor lassen. Da ist
mehr die Psyche gefragt.” Wie Berger
sich auch den realistischen Blick auf die
„nervliche Instabilität”
in der Mannschaft nicht verstellt. Sie kam
im Olympiastadion einfach nicht auf Touren,
obwohl die mit den gleichen personellen Problemen
wie der KSV kämpfenden Herthaner Fehler
am Fließband produzierten. Wer freilich
genug mit sich selbst und seinen eigenen Querschlägern
zu tun hat, weiß sich seinerseits kaum
der Geschenke des Gegners zu bedienen.
Der Hessen-Coach
ortet da im Moment einen Teufelskreis: „Einzelne
Spieler sind zu starken Leistungsschwankungen
unterworfen. Doch mangels Alternativen müssen
wir sie durchziehen, obwohl dem einen oder
anderen dringlichst eine Pause guttäte.
Vor einem Jahr hatten wir ein eingespielten,
derzeit, mit all den Neuen, läuft noch
zu vieles aneinander vorbei.
Versöhnlich
stimmte Berger nur die letzte halbe Stunde
im Olympiastadion, und hier insbesondere die
letzten zehn Minuten, als der für Beginski
eingewechselte junge Stefan Kuhn doch etlichen
Schwung über den rechten Flügel
brachte und Hertha nach Chancen von Cestonaro
(66./verfehlte in Zeitlupen-Bewegung frei
vor dem Tor den Ball), Freudenstein (85./Volleyschuß
nach Münn-Flanke) und Traser (88./Kopfball)
den Schlußpfiff nur mit dem Rücken
zur Wand erreichte.
Jörg
Bergers Klartext: „Was da in der letzten
halbe Stunde zu sehen war, muß ich von
der Mannschaft über volle 90 Minuten
fordern. Die Berliner sind auch noch nicht
richtig gefestigt. Das war deutlich zu spüren.
Wir hätten sie nach dem 0:1 ganz anders
beherrschen müssen.”
HNA-Sportredaktion,
02.09.1984 |