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HNA-Leser fragen Jörg Berger

G. Schmidt aus Göttingen: Wie tippen Sie den Meisterschaftsausgang?

„Es werden am Ende die Mannschaften vorne sein, die schon jetzt auf den ersten sechs Plätzen stehen. Wenn wir's dieses Jahr schaffen, wäre das schon überraschend.”

Michael Jacobi (9) aus Battenberg: Hat der KSV genug gute Nachwuchsspieler?

„Nachwuchs ja, aber Nachwuchs kann man nie genug haben. Für mich ist natürlich im Moment interessanter, was sich im Amateurbereich oder in der A-Jugend abzeichnet. Diese Spiele schaue ich mir öfter an.”

Wolfgang Achenbach aus Vellmar-West: Wieso setzen Sie den Spieler v. d. Veldt so wenig ein?

„Er hatte in der Anfangsphase große Probleme, sich zu integrieren, und dann stand die Mannschaft. Seine Leistung zwischen Training und Wettkampf geht auch noch zu weit auseinander. Im Training deutet er aber an, daß er kein Fehleinkauf ist. Man braucht Geduld."

Klaus-Jürgen Rosinsky aus Kassel und Kerstin Woell aus Hornberg: Werden Sie den Verein verlassen, falls die Hessen wieder einmal nur den undankbaren 4. Platz belegen sollten, um in Richtung 1. Liga zu wechseln?

„Natürlich ist das Ziel jedes Trainers - bei mir wieder - die Bundesliga. Am liebsten wäre mir das mit Kassel. Ich mache eine Weiterverpflichtung aber nicht davon abhängig, ob der KSV jetzt den Aufstieg schafft, sondern vom Tabellenstand im März - dann will ich mich entscheiden - und von personellen Dingen. Allerdings lohnt es sich bestimmt, mit dieser verjüngten Mannschaft weiterzuarbeiten. Da ist jetzt Perspektive.”

N. Strauch aus Kassel: Ist die Mannschaft dieses Jahr schon gefestigt genug für den Aufstieg, der wird es einen Einbruch wie in den letzten Jahren geben?

„Diese Mannschaft ist gewiß noch nicht fertig. Vielleicht hat die Elf erst nächstes Jahr ihr volles Leistungsvermögen. Aber wir sind personell stark genug besetzt, einem möglichen Einbruch durch Leistungsgefälle vorzubeugen. Wir sind selbstbewußter geworden.”

Wilhelm Tripp aus Haubern: Herr Berger, woher gedenkt man beim KSV Hessen das Geld zu nehmen, um sich im Falle des Aufstiegs ein erstligataugliche Abwehr zu kaufen? Oder wollen Sie in der Bundesliga einen neuen Rekord im Einfangen von Gegentoren aufstellen?

„Probleme gab es auch deshalb, weil man Routiniers wie Grau oder Wielandt nicht von heute auf morgen ersetzen kann. Aber wir haben schließlich auch sehr offensiv gespielt und mit die meisten Tore geschossen. Aber ich sehe heute kein Problem Abwehr, das geht eher das Deckungsverhalten der gesamten Mannschaft an.”

Horst Stecker aus Kassel: Ich bin der Meinung, ein Abenteuer Bundesliga wäre für alle gut. Auch mit null Pluspunkten der ersten Liga wäre der Verein bei diesem Umfeld am Ende der Saison gesund. Die
Zuschauer wollen endlich mal Spitzenclubs um Punkte im Auestadion sehen.

„Da kann ich Ihnen nur zum Teil recht geben. Der Zuschauer hier ist schon seit vier Jahren auf die erste Bundesliga programmiert. Andere Vereine haben aber gezeigt, daß es auch ohne spektakuläre Verstärkungen möglich ist, sich in der Bundesliga zu halten. Beispiel Uerdingen, sprich Waldhof Mannheim. Also: Bundesliga ja, dann aber auch drinbleiben. Denn wer mich kennt, weiß, daß ich ein ganz Ehrgeiziger bin."

Helmut Hocke aus Felsberg 3: In einigen Auswärtsspielen hatte ich das Gefühl, es mangelt an der Einstellung bzw. Taktik. Denn wie anders ist es zu erklären, daß man sich in Darmstadt lange versteckt und in Wattenscheid oder Oberhausen ins offene Messer läuft?

„Erst in der Schlußphase der ersten Halbserie haben wir auswärts so gespielt, wie ich mir das vorstelle: Offensiv. Aber das liegt nicht daran, daß ich taktisch andere Anweisungen gegeben habe. Es wird immer Spiele geben wie in Oberhausen oder in Darmstadt, in denen gar nichts läuft.”

Otto Sperber aus Kassel: Ich meine, Deuerling sollte immer spielen, damit er Erfahrung erhält.

„Michael hat einen Riesensprung gemacht, aber er hatte ja schon in der vorigen Saison immerhin 33 Einsätze. Er ist jetzt psychisch stabiler geworden.”

Lothar Grunz aus Rotenburg: Versucht der KSV alles, um Heinz Traser ein weiteres Jahr zu halten?

„Bei Heinz Traser liegt die Problematik nicht im sportlichen Bereich, der ist voll austrainiert und topfit. Sein Sohn kommt halt jetzt in die Schule, und er ist in der Nähe von Darmstadt zuhause. Die Entscheidung fällt in den nächsten Wochen, ich bin in jedem Fall dafür, ihn zu halten.”

Erich Riemenschneider aus Weiterode: Wen gedenken Sie bei einem eventuellen Aufstieg des KSV Hessen in die Bundesliga als Verstärkung zu holen?

„Egal, was passiert, wir werden in etwa mit diesem Kader in die neue Saison gehen. Zwei, drei Verstärkungen - etwa pro Mannschaftsbereich eine - würde ich zustimmen. Auf alle Fälle wären das einige ehrgeizige Spieler und keine abgetakelten Profis. Aber der Kern der jetzigen Elf ist in der Lage, das „Abenteuer” in Angriff zu nehmen.”

Burkhard Uffelmann aus Kassel: Wie erklären Sie sich das lustlose Auftreten und die blamablen Leistungen ihrer Spieler beim Baunataler Hallenturnier? Und wie kann es passieren, daß bei der Siegerehrung kein Vertreter des KSV Hessen zugegen war, um die Urkunden entgegenzunehmen?

„Wir haben uns in Baunatal keinen Gefallen getan. Aber ich habe auch nicht in Richtung Hallenturnier gearbeitet, wir hatten noch vormittags hart trainiert. Der Wille war auf alle Fälle da. Sicher müßte man sich für das nächste Mal Gedanken machen, ob wir uns dann nicht gezielt vorbereiten. Die zweite Frage müßte an den Vorstand gerichtet werden.”

Heike Kördel-Klipp und Jürgen Klipp aus Guxhagen-Albshausen: Wieviel Stunden beträgt ihre wöchentliche Arbeitszeit? Und wenn Sie sechs Richtige im Lotto hätten, würden Sie dann weiter den Trainerberuf ausüben?

Punkt eins: Bestimmt mehr als vierzig Stunden. Allein Wettkampf und Training sind natürlich wenig, da kommen aber noch Spielvorbereitung, Trainingsauswertung, Spielbeobachtung, Anfahrten, Trainerweiterbildung, PR-Arbeit, Pressetermine, Kontakt mit Fans usw. In dieser Saison habe ich jedenfalls noch keinen freien Tag gehabt, wo ich mal sage, so jetzt lege ich die Füße hoch. Lotto? Ich würde immer den Trainerberuf weiter ausüben, weil mir das Spaß macht und mein Beruf auch mein Hobby ist.”

Michael Schermeier aus Melsungen: Seien wir doch ehrlich: der KSV wird in den nächsten Jahren nicht in die erste Bundesliga aufsteigen. Was hält Sie eigentlich unter den gegebenen Umständen bei so einem „kleinen Klub”. Spielt vielleicht Geld eine Rolle?

„Es gab und gibt mehrere Zweitligavereine, wo ich mehr bekommen würde als in Kassel. Geld spielt bei mir eine untergeordnete Rolle, für mich spielt das Umfeld eine ganz große Rolle. In Kassel hat mich gereizt – und tut's immer noch – daß ich eine Basis habe, wo ich meine, daß wir den Sprung schaffen können.”

Fritz Hinz aus Kassel: Ich meine, daß Uwe Schreml im Mittelfeld eine stärkere Wirkung erzielt, denn er ist ein Dribbler mit Übersicht und starkem Schuß.

„Ich plane mit Uwe Schreml weiterhin auf dem rechten Verteidiger. Er kann als Verteidiger nämlich genauso effektiv sein, und wir haben auf den Verteidigerpositionen einen Mangel.”

Wielandt Arlt aus Kassel: Gibt es bei den Spitzenvereinen der DDR-Oberliga eine Bezahlung bzw. eine Prämie? Oder sind diese Spieler wirklich Amateure?

„Es sind keine Amateure, es sind Spieler, die vom Staat zum Teil finanziell und beruflich gefördert werden, aber alles von oben abgesichert. Es gibt aber keine Prämie pro Spiel, sondern für erreichte Plätze in der Meisterschaft oder in internationalen Wettbewerben. Und die sind dann für alle gleich, nicht für Leipzig anders als für Dresden.”

Friedrich Hilbert aus Fritzlar: Wollen die Verantwortlichen beim KSV überhaupt in die Bundesliga aufsteigen?

„Es steht die ganz klare Aussage: Wir wollen. Und das ist so deutlich in Kassel wohl noch nie gesagt worden. An diese Aussage halte ich mich.”

Michael Bös aus Großalmerode: Bleibt im Falle eines Aufstiegs das Auestadion in der jetzigen Form bestehen, oder gibt es bauliche Veränderungen?

„Ich kann den Zuschauer verstehen, der bei diesen Summen für den reinen Spielbesuch (Eintritt, Fahrtkosten) neben einem guten Spiel auch Service verlangt. Das ist sein Recht. Wenn wir aufsteigen, muß etwas passieren, weil im Auestadion doch teilweise amateurhafte Zustände vorzufinden sind.”

O. Schirrmacher aus Northeim: Haben Sie eigentlich noch Kontakt zu den aus der DDR geflüchteten Spielern Goetz und Schlegel? Wären die nicht was für den KSV?

„Ich habe Kontakte noch zu allen aus der DDR geflüchteten Spielern, auch zu Pahl und Nachtweih. Goetz und Schlegel wollten nach ihrer Flucht in die Bundesliga, das kann man verstehen. Aber die Kontake zu den beiden sind noch so eng, daß ich mir durchaus vorstellen kann, noch mal mit einem oder gar beiden zusammenzuarbeiten. Ob in Kassel oder anderswo. Die zwei werden ihren Weg gehen.”

HNA-Sportredaktion, Januar 1985