Blümchen
statt Fußball
Bis 1983 war Kassel
"Boom-Town" des Profifußballs.
"Jeder Fußballtag ist in Nordhessen
ein Feiertag" schwärmte der
"Kicker". Innerhalb von nur
drei Jahren stürmten die Löwen
aus den Niederungen der Amateurliga in
die Spitzengruppe der 2. Bundesliga. Kein
Wunder, das die Fans in Scharen in das
Auestadion rannten und dort aus der schon
damals musealen Arena einen Hexenkessel
machten. Im Herbst 1982 gewann die Mannschaft
sieben Mal in Folge und das Auestadion
war so etwas wie das "Freudenhaus"
der zweiten Liga. 15.000 Zuschauer gegen
Kickers Offenbach, 20.000 gegen Bayer
Uerdingen, jeweils 18.000 gegen Fortuna
Köln und Darmstadt 98 und 21.000
gegen Spitzenreiter Waldhof Mannheim.
Nach drei Jahren 2. Liga wollten die Fußball-Fans
in Nordhessen mehr. Vor dem geistigen
Auge des so begeisterungsfähigen
Anhangs liefen schon Spiele gegen Bayern
München, Werder Bremen und den Hamburger
SV ab. Die Erwartungshaltung war zu diesem
Zeitpunkt nach oben geschnellt wie der
Korken einer Sektflasche nach zweistündiger
Fahrt auf Kopfsteinpflaster.
Doch ausgerechnet am
1. April 1983 bekam die kleine, heile
Fußballwelt in Kassel Risse. Und
es war kein Scherz: Erfolgstrainer Timo
Konietzka kündigte an, den KSV am
Saisonende zu verlassen. Ein Schock für
Mannschaft und Fans. Aber das war noch
nicht alles. Der Fußball-Lehrer
mit dem eigenartigen Akzent, der eine
Mischung aus Schwitzerdütsch und
Ruhrpott-Slang darstellte, unterschrieb
ausgerechnet einen Vertrag beim Mitkonkurrenten
Bayer Uerdingen. Die standen auf Rang
fünf, der KSV auf Postion drei. Das
hätte zumindest zum Entscheidungsspiel
um den Bundesliga-Aufstieg gereicht.
Doch die Mannschaft bekam
nach dem Konietzka-Rücktritt einen
Knacks und verlor gegen die beiden Abstiegskandidaten
FSV Frankfurt und FC Augsburg jeweils
mit 0:1. Und das ausgerechnet kurz vor
dem vermeintlich entscheidenden Endspiel
bei Bayer Uerdingen.
Die Fans der Löwen
gingen auf die Barrikaden. "Die wollen
ja gar nicht aufsteigen", so ein
oft geäußerter Vorwurf. "Absoluter
Blödsinn, dann könnten wir gleich
Blümchen züchten, anstatt Fußball
zu spielen", grantelte die genervte
Torwart-Ikone Hans Wulf. Die vorher so
enthusiastischen Anhänger verweigerten
nun komplett die Gefolgschaft. Eine Woche
vor der Partie gegen die Krefelder kamen
zum Heimspiel gegen Lüttringhausen
gerade mal 2.500 Zuschauer. Wesentlich
weniger, als drei Jahre zuvor noch im
Amateur-Lager. Und die, die da waren,
verbrannten ihre Fahnen und beschimpften
Spieler und Trainer. "Schmeißt
Konietzka und die Mannschaft raus",
war noch das harmloseste Statement.
Vor dem Spiel in Uerdingen
hatten die Löwen nun drei Punkte
Rückstand auf Platz drei und die
Krefelder. Stimmung und Hoffnung waren
auf dem Nullpunkt. Doch nun waren es die
Uerdinger bei denen die Nerven versagten.
Durch ein Tor von Ulli Wielandt siegte
der KSV mit 1:0. Ein Sieg, der zu spät
kam. Uerdingen hatte immer noch einen
Punkt Vorsprung und gewann seine letzten
beiden Spiele. Und spätestens jetzt
hätte Hans Wulf wohl doch am liebsten
Blümchen gezüchtet.
Oliver Zehe (Hessenlöwe,
19.03.2005)