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Hessenlöwe - 19.03.2005

Blümchen statt Fußball

Bis 1983 war Kassel "Boom-Town" des Profifußballs. "Jeder Fußballtag ist in Nordhessen ein Feiertag" schwärmte der "Kicker". Innerhalb von nur drei Jahren stürmten die Löwen aus den Niederungen der Amateurliga in die Spitzengruppe der 2. Bundesliga. Kein Wunder, das die Fans in Scharen in das Auestadion rannten und dort aus der schon damals musealen Arena einen Hexenkessel machten. Im Herbst 1982 gewann die Mannschaft sieben Mal in Folge und das Auestadion war so etwas wie das "Freudenhaus" der zweiten Liga. 15.000 Zuschauer gegen Kickers Offenbach, 20.000 gegen Bayer Uerdingen, jeweils 18.000 gegen Fortuna Köln und Darmstadt 98 und 21.000 gegen Spitzenreiter Waldhof Mannheim. Nach drei Jahren 2. Liga wollten die Fußball-Fans in Nordhessen mehr. Vor dem geistigen Auge des so begeisterungsfähigen Anhangs liefen schon Spiele gegen Bayern München, Werder Bremen und den Hamburger SV ab. Die Erwartungshaltung war zu diesem Zeitpunkt nach oben geschnellt wie der Korken einer Sektflasche nach zweistündiger Fahrt auf Kopfsteinpflaster.

Doch ausgerechnet am 1. April 1983 bekam die kleine, heile Fußballwelt in Kassel Risse. Und es war kein Scherz: Erfolgstrainer Timo Konietzka kündigte an, den KSV am Saisonende zu verlassen. Ein Schock für Mannschaft und Fans. Aber das war noch nicht alles. Der Fußball-Lehrer mit dem eigenartigen Akzent, der eine Mischung aus Schwitzerdütsch und Ruhrpott-Slang darstellte, unterschrieb ausgerechnet einen Vertrag beim Mitkonkurrenten Bayer Uerdingen. Die standen auf Rang fünf, der KSV auf Postion drei. Das hätte zumindest zum Entscheidungsspiel um den Bundesliga-Aufstieg gereicht.

Doch die Mannschaft bekam nach dem Konietzka-Rücktritt einen Knacks und verlor gegen die beiden Abstiegskandidaten FSV Frankfurt und FC Augsburg jeweils mit 0:1. Und das ausgerechnet kurz vor dem vermeintlich entscheidenden Endspiel bei Bayer Uerdingen.

Die Fans der Löwen gingen auf die Barrikaden. "Die wollen ja gar nicht aufsteigen", so ein oft geäußerter Vorwurf. "Absoluter Blödsinn, dann könnten wir gleich Blümchen züchten, anstatt Fußball zu spielen", grantelte die genervte Torwart-Ikone Hans Wulf. Die vorher so enthusiastischen Anhänger verweigerten nun komplett die Gefolgschaft. Eine Woche vor der Partie gegen die Krefelder kamen zum Heimspiel gegen Lüttringhausen gerade mal 2.500 Zuschauer. Wesentlich weniger, als drei Jahre zuvor noch im Amateur-Lager. Und die, die da waren, verbrannten ihre Fahnen und beschimpften Spieler und Trainer. "Schmeißt Konietzka und die Mannschaft raus", war noch das harmloseste Statement.

Vor dem Spiel in Uerdingen hatten die Löwen nun drei Punkte Rückstand auf Platz drei und die Krefelder. Stimmung und Hoffnung waren auf dem Nullpunkt. Doch nun waren es die Uerdinger bei denen die Nerven versagten. Durch ein Tor von Ulli Wielandt siegte der KSV mit 1:0. Ein Sieg, der zu spät kam. Uerdingen hatte immer noch einen Punkt Vorsprung und gewann seine letzten beiden Spiele. Und spätestens jetzt hätte Hans Wulf wohl doch am liebsten Blümchen gezüchtet.

Oliver Zehe (Hessenlöwe, 19.03.2005)