"Löwen"
auf dem Ziegenhainer Rutschparkett ganz zahm:
1:3!
Kaum fünf Stunden,
nachdem Präsident Dr. Karl Branner beim
Neujahrsempfang des KSV Hessen im Klubhaus
an der Damaschkestraße die Erringung
der Amateur-Oberligameisterschaft und den
Auf-stieg als unverrückbares Ziels des
Klubs bezeichnet hatte, rutschten die "Löwen"
auf dem Rutsch-parkett des Ziegenhainer Stadions
schon auf diesem beschwerlichen Weg aus. Der
Neuling aus der Schwalm, "rachedurstig"
nach der 0:7-Schlappe im Spiel der ersten
Runde, verdiente sich den 3:1 (1:1)-Erfolg
mit Ehrgeiz, Einsatz und einer unkomplizierten,
aber keinesfalls primitiven Spielweise, die
den Platzverhältnissen angepaßt
war. Unter den 3500 Zuschauern war gewiß
ein Drittel Hessen-Fans, die die "Walstatt"
enttäuscht verließen.
Nichts wäre für
die Hessen verderblicher, als die Schuld bei
anderen zu suchen, denn es werden noch mehr
Vereine, zumal auf ihren Plätzen, den
Hessen mit gleichem „Biß”
ein Bein zu stellen versuchen. Es war nicht
der - zugegebenerweise schwache - Schiedsrichter
Wolf aus Bad Soden/Salmünster, und es
war nicht das Rutschparkett, das die Niederlage
verursachte, sondern eine schwache Tages-leistung.
Die Schwälmer sahen nie wie "Greenhörner"
in dieser Klasse und die Hessen nur in wenigen
Situationen wie ein Meisteranwärter aus.
Gewiß: die schlechten
Bodenverhältnisse hoben die Unterschiede
auf, die wohl in dem technischen Vermögen
der Spieler beider Mannschaften bestehen -
wie anders wäre sonst zu erklären,
daß die Hessen an der Spitze und die
Gastgeber auf dem elften Rang lagen, ehe das
Derby begann. Aber dies ist keine ausreichende
Erklärung, schon gar nicht eine Entschuldigung
für die gravierenden Fehler, die gemacht
wurden:
• Statt den Ball laufen
zu lassen, liefen allzu viele Hessen allzuoft
mit dem Ball.
• Statt jede Gelegenheit zum Schießen
zu nutzen, wurde gezögert, wurde noch
einmal abgespielt oder die Aktion unkonzentriert
abgeschlossen.
• Aus dem Mittelfeld wurde der Ball
immer wieder hoch in den Strafraum geschlagen,
wo sich aus einem guten Dutzend solcher Vorlagen
ganze zwei Chancen entwickelten. Die eine
nutzte Sturm mit einem Kopfball zum 1:1 kurz
vor der Pause, nachdem Hansmann seine Ziegenhainer
Mannschaft nach 16 Minuten mit einem unglücklich
abgefälschten Schuß in Führung
gebracht hatte, und in der Drangperiode der
zweiten Hälfte verfehlte Hampl mit einem
Kopfball das Tor.
Die Ziegenhainer, bei denen
in einem insgesamt knochenharten Spiel Stöhr
gegen Grau als erster (und anhaltend) aus
der Rolle fiel, hatten mit Clemens und Schäfer
gefährliche Spitzen, die in der furiosen
ersten halben Stunde schwer zu bremsen waren.
Dann verebbte vorübergehend der Schwung,
doch nach den hektischen zehn Minuten, in
denen die Partie aus den Fugen zu geraten
drohte, hatten die Gastgeber angesichts der
verzweifelten Offensive der Hessen viel Raum
für ihre Konter, von denen einer schließlich
zum 3:1 und damit zum "K.o." der
Gäste aus Kassel führte.
In den „tollen - 10
Minuten” überschlugen sich die
Ereignisse: Der „böse Wolf”,
dem man bei seinen vielen anfechtbaren Entscheidungen
- wie den Spielern - die schwierigen Bodenverhältnisse
zugute halten muß, die eine klare Beurteilung
mancher Spielsituation in der Tat unmöglich
machten, schickte zuerst den erst in der 31.
Minute eingewechselten Stengel wegen eines
groben Fouls gegen van Thiel vom Feld und
eine Minute später Dippoldsmann, der
schon wegen Handspiels verwarnt worden war,
hinterher. Ehe sich noch die Aufregung auf
dem Feld und am Rand, wo Hessen-Trainer Rudi
Kröner mit den Ordnern aneinander geriet,
gelegt hatte, schaffte Clemens mit einem energischen
Solo entlang der Torauslinie das 2:1 (55.).
Nach Schneider, der mit
Schäfer nicht fertig wurde, brachte Kröner
mit „Joker” Stengel schon nach
31 Minuten einen zusätzlichen Angreifer,
eine halbe Stunde vor Schluß versuchte
er. mit der Herein-nahme von Alder (Damerau
wurde dem Angriffsspiel geopfert) mehr Dampf
zu machen, vergebens ...
Hüter hatte Schäfer
zwar besser im Griff als Schneider, und Sturm
übernahm die undankbare Aufgabe des Clemens-Bewachers,
aber da alles auf eine Karte gesetzt wurde,
passierte, was kom-men mußte: nachdem
Birkhölzer mit glänzender Reaktion
einen Nachschuß von Hofmann über
die Latte gelenkt hatte und der Ausgleich
nur noch eine Frage der Zeit schien, kam Hansmann
nach einem klassischen Konter an der Strafraumgrenze
zum Schuß, und gegen den war kein Kraut
ge-wachsen.
Der Rest des Spieles war
Formsache. Hofmanns Foul gegen Birkhölzer
wurde von Altmann "ge-ahndet", und
während der Ziegenhainer "Scharfschütze",
der Hampl als „Kanonier” klar
in den Schatten stellte, ungestraft davonkam,
sah Mertke die gelbe Karte, als er erneut
Hofmann aufs Korn nahm.
Bei den enttäuschenden
Hessen verdienten sich Horch, Hüter,
Grau mit seinem Fleiß und Frohnapfel
(starke erste Halbzeit) gute Noten. Erstaunlich,
daß gerade von dem „Kleinkunst-Artisten”
Zaczyk diesmal kaum Impulse ausgingen. Die
Ziegenhainer hatten keinen schwachen Punkt
in ihren Reihen. Ihr Sieg war die Frucht einer
geschlossenen Mannschaftsleistung.
Herbert Peiler (HNA-Sportredaktion) |