Tanz
mit der Dame Hertha
Auch Fußball-Bundesliqisten
kochen - zumindest in Freundschaftsbegegnungen
- nur mit Wasser. Diese Erfahrung machte die
Elf des KSV Hessen. Als sie ihren Respekt
vor Hertha BSC Berlin abgelegt, als sie aus
einem 0:3-Rückstand binnen acht Minuten
ein 3:3 gemacht hatte, da gab es Beifall der
knapp 3 000 Zuschauer auf offener Szene. Und
wenn die Berliner auch am Schluß mit
5:3 (2:0) gewannen: Die Kasseler Elf hatte
wieder einmal - wie schon gegen den Hamburger
SV - als Außenseiter mit einem großen
Gegner mitgehalten.
Begonnen hatte es wie erwartet:
Eine kraftvoll, lauffreudig aufspielende Berliner
Elf, in der Trickreichtum und Antrittsschnelligkeit
des Dänen Jörgen Kristensen ebenso
ins Auge stachen wie die Schußfreude
des 22jährigen Dieter Krämer und
das bewegliche Mittelstürmerspiel des
langen Ex-Haßfurters Erwin Albert.
Natürlich besonders
im Blickpunkt: die beiden Ex-Kasseler. Holger
Brück - zweifacher Torschütze -
bestach mit einer an Sachlichkeit nicht zu
überbietenden Libero-Partie. Gerhard
Grau, der wiederkehrende „verlorene
Sohn”, ist nach wie vor ein durch seine
Schnelligkeit gefährlicher Flügelstürmer,
rechts wie links. Daß beide die ersten
Berliner Tore schossen, sah man auf den Rängen
mit einem lachenden und einem weinenden Auge.
Nach Halbzeit, als sich
Granitza - bei seiner ersten Ballberührung
- mit dem Tor zum 0:3 hervorragend einführte,
dann jedoch bald von Dippoldsmann „an
die Kette genommen” wurde, brachte die
Einwechslung von Sidka für den etwas
behäbigen Nüssing erst im Berliner
Endspurt die weiteren Tore.
Dazwischen aber lag die
große Zeit der Kasseler Elf, von der
Hertha-Trainer Kuno Klötzer - diesmal
auf der Ehrentribüne sitzend - meinte:
„Die Hessen haben wieder eine gute Elf
beisammen. Besonders beeindruckt haben mich
die Nummer 7 (Rohatsch, mit dem der ins B-Aufgebot
gerufene Hans Weiner einige Mühe hatte)
und die Nummer 9 (Wagner).
Holger Brück staunte
über die Kasseler Spieler: „Rennen
können sie! Wenn da jetzt auch noch ein
Kopf in die Mannschaft kommt, ist sie sicher
noch stärker!”
Streng genommen gab es keinen
schwachen Punkt. Das Angriffstrio Rohatsch-Wagner-Stary
setzte sich gegen eine solch routinierte Abwehr
erstaunlich gut in Szene. Stärkster Mannschaftsteil
aber war das Mittelfeld, mit einer Laufleistung,
die Rasmussen-Nüssing-Sidka-Krämer
nicht übertreffen konnten. Toth lobte
Kempa, aber Lichte war nicht schwächer.
Stöhr wurde nach Halbzeit (als Verteidiger)
noch stärker. Die taktische Maßnahme,
Bernd Sturm nach Halbzeit als „Prellbock”
in den Lauf zu stellen und dem 18jährigen
A-Jugendlichen Ralph Schmidt den Liberoposten
zu überlassen, wirkte sich überraschend
positiv aus.
In der Abwehr, in der Arthur
Schneider mit Kristensen am meisten Arbeit
hatte und Bernd Hüter (gegen Grau) verletzt
ausschied, gab es nur dann Schwierigkeiten,
wenn die Berliner ihre größere
Physis mit schnellem, direktem Spiel einsetzten
- wie im Endspurt.
Horst Henke (HNA-Sportredaktion,
13.04.1978) |