Stürmen
liegt ihm im Blut
Peter Cestonaro entwickelte
sich beim Sportverein Darmstadt 98 zum
idealen Mittelstürmer. Mit einer
Größe von 1,88 m und einem
Gewicht von 79 kg wuchtet er sich geradezu
in den gegnerischen Straf-raum. Dabei
ist er wesentlich gewandter und schneller,
als es aussieht. Wäre er das nicht,
konnte er nicht so erfolgreich sein. In
der Torschützenliste der 2. Liga
Süd schoß er sich nach vorne.
Seit seinen 3 Toren gegen Fürth zählt
er zum „Zwanziger-Klub”.
Im Spiel wirkt er zuweilen
schlacksig wie alle übergroßen
Spieler, aber das scheint nur so. Vor
allem seine Kopfbälle haben es in
sich und sind mit Recht gefürchtet.
Aber nicht nur in der
Angriffsspitze ist er zu finden. Er geht
zurück, wenn es sein muß und
übernimmt Deckungsaufgaben, z. B.
wenn der gegnerische Vorstopper stürmt,
oder die eigene Mannschaft mit dem Rücken
an der Wand steht. Das macht ihn so wertvoll.
Südländische
Herkunft? Stimmt. Der 23jährige,
geboren am 24. Mai 54, ist väterlicherseits
italien-ischer Abstammung. Der Urgroßvater
ist 1890 aus der Mailänder Gegend
ins Nordhessische ausgewandert und Deutscher
geworden.
Seit dieser Zeit lebt
die Familie in Langenaubach, einer 2000-Seelen-Gemeinde
im Dillkreis. Das liegt nahe der Grenze
zum Westfälischen. Die Leute dort
tragen das Herz nicht auf der Zunge. Auch
Peter nicht. Er denkt lieber zweimal nach,
bevor er einmal etwas sagt. Das hat nichts
mit Schüchternheit zu tun. Der junge
Mann weiß, was er will.
In Langenaubach aufgewachsen
- er hat keine Geschwister - fand er früh
den Weg zum Fußball. Kein Wunder.
Der Vater spielte selbst Stürmer
beim dortigen SSV.
Das Stürmen liegt
also quasi im Blut. Als Zehnjähriger
begann. Peter in der Schülermannschaft
zu kicken. Mit 17 war er bereits bei den
Ersten. Sie gehörten zur Gruppenliga,
der zweithöchsten Amateurklasse im
hessischen Fußballverband. Cestonaro
erzielte in einer Saison 36 Tore.
Nach dem Besuch der
Volksschule, heute heißt es wohl
Grund- oder Hauptschule, wechselte er
in die Handelsschule nach Herborn. Hier
erwarb er das Zeugnis der mittleren Reife
und wurde Steuer-gehilfe. Er versteht
also mit Zahlen umzugehen und rechnerisch
konsequent zu denken.
Beruf ist für ihn
nicht nur das Mittel zum Gelderwerb, er
mag ihn auch. Als er Im Sommer 1976 nach
Darmstadt kam, arbeitete er zuerst hei
einer Sparkasse. Das paßte ihm nicht.
Er suchte und bohrte so lange, bis er
wieder eine Stelle als Steuergehilfe in
einem Steuerberatungsbüro fand. Und
hier - inzwischen verheiratet, seine Frau
ist kaufmännische Angestellte und
ebenfalls aus dem Dillkreis - arbeitet
er nach wie vor.
36 Tore in einer Saison
- das ist ein kleiner Rekord, auch für
ein Stürmertalent in einer Amateur-klasse.
Die große Konkurrenz wurde aufmerksam.
Der MSV Duisburg machte das Rennen. Mit
18 Jahren unterschrieb der lange Peter
einen Lizenzspielervertrag. Aber Verletzungen
warfen ihn ständig zurück. Er
spielte nur einmal: sechs Minuten lang
auf dem Bieherer Berg. Die Duisburger
verloren damals bei den Offenbacher Kickers
0:2.
Neunzehneinhalbjährig
mußte er zum Bund. Und zwei Spielzeiten
nur auf der Bank zum Auswechseln bereitzusitzen.
Das wollte Peter Cestonaro auch nicht.
Er ging wieder zurück, ließ
sich reamateuri-sieren und schoß
für seinen SSV Langenaubach die Tore.
Trotzdem: die Duisburger Zeit möchte
er nicht missen. Er hat viel gelernt und
sportlich einen Schritt nach vorne getan.
Unvergeßlich sind für ihn die
Reisen mit Privatspielen in England und
Schottland, oder in Afrika, in Mali, Nigeria
und Kamerun.
Vor Beginn der Saison
1976 waren dann wieder Lizenzspielervereine
an dem draufgängerischen Stürmer
interessiert. Für den SV Darmstadt
98 entschied er sich und wechselte in
die südhessische Metropole.
Nach sporadischen Einsätzen
hat er seit einem Jahr seinen Stammplatz
sicher. Der zweite Höhenflug von
98 seit dem Meisterschaftsjahr 1972/73
unter Trainer Lothar Buchmann, seit November
1976 am Darmstädter Böllenfalltor
tätig, beflügelte auch Peter
Cestonaro. Er verbesserte sich spielerisch,
fabrizierte dazu Tore en masse wie einst
in der Gruppenliga und lenkte erneut,
nun aber reifer geworden, die Blicke der
großen Konkurrenz auf sich.
Kein Wunder, daß
deshalb Bundesligaklubs und auch Vereine
der Zweiten Liga an seine Türe klopfen,
zumal sein Vertrag in diesem Jahr ausläuft.
Aber der wortkarge Cestonaro überstürzt
nichts. Das wäre auch nicht seine
Art.
"Ich warte ab",
sagte er. "Erst kommt mal der eigene
Verein. Man wird schon mit mir reden.
Mir gefällt es hier gut. Dann sehen
wir weiter." Auch mit Superlativen
ist der Golf-Fahrer, der mit seiner Frau
im Herzen Darmstadts wohnt, sparsam.
Bei vollem Vertrauen
optimale Leistung
Peter Cestonaro über
Peter Cestonaro: "Ich spiele gerne
Fußball. Ich liebe genau die Position,
die ich seit Monaten innehabe. Profi-Fußball?
Warum nicht! Aber ich liebe meinen Beruf
und Fußball. Man kann das schon
vereinen, wenn man entsprechend lebt.
Seit Februar des vergangenen Jahres spiele
ich in der ersten Mannschaft. Wenn man
einen Stammplatz hat, nicht die Auswechselbank
zu fürchten braucht, stärkt
das natürlich das Selbstvertrauen
und das wieder führt zur Verbesserung
der eigenen Spielmöglichkeit und
Einsatzfreude. Ich bin hier voll integriert.
Wir verstehen uns alle. Es gibt keine
Grüppchenbildung und mein Verhältnis
auch zu Trainer und Verein könnte
nicht besser sein. Besondere Hobbys habe
ich nicht. Beruf, viermal in der Woche
Training und an den Wochenenden die Spiele
- da bleibt nicht viel Zeit übrig.
Man ist froh, abends zu Hause alle Viere
von sich zu strecken."
Trainer Lothar Buchmann
über Peter Cestonaro: "Der Peter
ist sehr selbstkritisch, aber auch sensibel.
Er bringt nur dann eine optimale Leistung,
wenn er in seiner Umgebung, also innerhalb
der Mannschaft und des Vereins, volles
Vertrauen genießt. Ich habe das
zu Beginn meiner Arbeit in Darmstadt erkannt,
und ihm versprochen, ihn in die Spitze,
in die Angriffsspitze, das wollte und
will er ja spielen, zu führen. Ich
sagte ihm dabei, daß er aber Geduld
haben und auch mir Zeit lassen müsse.
Am Ende der vergangenen Runde entschloß
er sich dann, nicht ins Amateurlager zurückzu-gehen.
Unsere Arbeit hatte sich also gelohnt.
Was mir so gut an ihm gefüllt, ist,
daß er auch zurückstecken kann,
also nicht nur glänzen will, sondern
sich auch der Mannschaft ein- und unterordnet.
Die zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen
ihm und mir sind besser als normal."
K. J. Richter (Kicker,
Saison 1977/78)