Solche Tore habe
ich früher nicht geschossen
Acht Tore in acht Tagen,
fünf beim 6:2-Sieg seines SV Darmstadt
98 gegen Schweinfurt 05 und abermals drei
beim ebenso glatten 6:2 in Reutlingen,
katapultierten im Oktober einen 25jährigen
Allroundstürmer an die Spitze aller
Torjäger der 58 Vereine des bezahlten
deutschen Fußballs, der bislang
kein Begriff im großen Geschäft
war: Reiner Künkel.
In Hessen indessen kennt
man Künkel schon. Mit 16 ging er
vom heimatlichen Wiesenbach nach Breidenbach.
Aus diesem Verein im Marburg-Gießener
Gebiet gingen Spieler hervor wie „Flutlicht"-Meier,
jener Linksaußen der Frankfurter
Eintracht im Europapokalfinale gegen Real
Madrid vor 128 000 im Hampden Park zu
Glasgow vor 15 Jahren, wie Flügelflitzer
Becker (Offenbacher Kickers und Karlsruher
SC) oder Hessen Kassels früherer
Verteidiger Michel. Gespielt hat Künkel
mit keinem mehr. Aber Meier war sein erster
Trainer in Breidenbach.
Übers
Hessische hinaus bekannt wurde Künkel
in Kassel. Der KSV Hessen, damals mit
den heutigen Hertha-Lizenzspielern Grau
und Brück, mit Adler, Birkhölzer
und Maciossek, belegte 1971 den dritten
und 1972 den vierten Platz in der Regionalliga
Süd. 1971 fehlten bei besserem Torverhältnis
zwei Punkte an der Aufstiegsrunde. Künkel
machte sich einen Namen als Dritter der
Torjägerliste Süd 1972 hinter
Erwin Kostedde und dem Hofer Bobby Breuer.
Als Hessen Kassel nach
dem Verkauf von Grau und Brück im
Qualifikationsjahr in den Abstiegsstrudel
geriet und trotz vieler Vorpunkte die
2. Liga verpaßte, packten die Darmstädter,
im Jahr vorher als Südmeister auf
dem bisherigen Gipfel ihrer Fußballgeschichte,
sofort zu. Reiner Künkel wechselte
vom nördlichen ins südlichste
Hessen, wozu die berufliche Absicherung
den Ausschlag gegeben haben dürfte.
Er wurde in seinem Beruf als Industriekaufmann
von der Weltfirma Merk übernommen.
Die Darmstädter
brauchten Künkel um so nötiger,
als sie durch Verletzung ihren eigenen
Torjäger Koch verloren und der Nürnberger
Einkauf Drexler sich mehr ins Mittelfeld
orientierte.
Auch Künkels Start
fand Hindernisse. Verletzt fiel er die
ganze erste Halbserie aus. Die Rückrunde
reichte ihm aus, mit 13 Toren noch Platz
13 im Süden zu erreichen. Diese 13
Tore hat Künkel schon nach 12 der
38 Spiele dieser neuen Saison übertroffen.
Es gibt kaum Zweifel: Das wird das beste
Künkel-Jahr.
Wie wird man Torjäger?
Sein Trainer Udo Klug:
„Reiners besondere Befähigung
ist seine Geistesgegenwart.” Er
ist schlank, elegant, intelligent, schnell,
läuft 100 m „etwas über
elf”. Künkel über Künkel:
„Solche Tore wie heute habe ich
früher nicht geschossen. Ich überlege
mehr, schieße nicht im erstbesten,
sondern im besten Augenblick.” Er
schießt rechts wie links, rechts
eine Idee besser.
Begonnen hatte er in
Breidenbach „im vorderen Mittelfeld”.
Im bezahlten Fußball stürmte
er rechtsaußen, linksaußen,
innen. Langsam scheint er sich auf Mittelstürmer
einzupendeln. Es ist sein Lieblingsposten.
Erste Reaktion auf seinen
Vorstoß an die Spitze der Torjäger:
Er wird härter genommen. Gegen den
eisenharten Nürnberger Vorstopper
Rüsing kriegte er keinen Stich, kam
kaum zum echten Torschuß. „Rüsing
hat mir mit seinen Attacken an und über
der Grenze des Legalen gleich den Schneid
genommen.” Trainer Klug entschuldigte:
„Künkel hatte ja auch keinerlei
Unterstützung aus dem Mittelfeld.”
Zweite Reaktion: Die
Vermittler kommen. Die Bayern waren zwar
diesmal nicht dabei, aber zwei Bundesligisten
interessieren sich für ihn. Torjäger
sind rar. Ziel Bundesliga? Künkel:
„Für welchen Fußballer
wäre sie es nicht. Mein Vertrag läuft
bis 1976, aber bei einem Wechsel müßte
die Kasse stimmen.” Denn eine Position
bei Merk zählt natürlich schon.
Werner Schilling (Kicker,
Saison 1975/76)