Klein, aber oho!
Es herrschte Alarmstufe
in der Hertha-Abwehr, als Trainer Kessler
den Kasseler Holger Brück auf den
durch Luggi Müllers Weggang verwaisten
Liberoposten stellte. Dort ist der kleine
Mann oft ganz groß!
Nebeneinander postiert
als Bastion im Hertha-Strafraum wirken
sie wie Pat und Patachon. Holger Brück
(1,71 m) als Libero und Uwe Kliemann,
der 23 Zentimeter größere Vorstopper.
Brück, kürzlich 28 Jahre geworden
und 1972 von Hessen Kassel nach Berlin
gekommen, ist der kleinste unter den Liberos
der Bundesligaklubs. „Doch das muß
kein Nachteil sein, wenn man ein gutes
Auge besitzt und über Sprungkraft
verfügt”, stellt Trainer Georg
Kessler fest. Beide Eigenschaften bescheinigt
er dem Blondschopf.
Seit dem dritten Spieltag
dieser Saison hat Brück das Erbe
von „Luggi” Müller auf
diesem Posten angetreten. Vorher versuchte
es Kessler mit Walbeek und Kliemann. Der
Holländer erfüllte die Erwartungen
überhaupt nicht, der lange Uwe aber
hat sich mehr auf die Vorstopperrolle
spezialisiert. Nach dem 2:5-Debakel Herthas
in Braunschweig am zweiten Spieltag herrschte
Alarmstufe eins. Die einen riefen nach
„Luggi”, die anderen wollten
Trinklein (damals noch ohne neuen Vertrag
bei Eintracht Frankfurt) holen.
Doch Kessler versuchte
es im dritten Spiel mit Brück. Mit
Erfolg, denn der Ex-Kasseler wurde von
Spiel zu Spiel besser und eroberte sich
einen Stammplatz zurück, um den er
zu Saisonbeginn noch bangen mußte.
Denn in der Spielzeit 1974/75 hatte Holger
nur 14 Bundesligaspiele über volle
90 Minuten mitgemacht. Viermal wurde er
vorzeitig herausgenommen, siebenmal nahm
er zunächst auf der Reservebank Platz,
ehe er als Auswechselspieler zum Zuge
kam.
„Ich
war dreimal im Laufe der Saison verletzt,
da ist es immer schwer, richtig in Tritt
zu kommen”, bekennt Brück.
In seinen ersten beiden Jahren bei Hertha
hatte er in keinem Bundesligaspiel gefehlt.
Hertha holte ihn 1972, nachdem Uwe Witt,
mehr Ausputzer als Libero, durch die Verwicklung
in den Bundesliga-Skandal die Karriere
vorzeitig beenden mußte.
Brück und der Ingolstädter
Zengerle wechselten sich in den ersten
fünf Spielen der Saison 1972/73 auf
dem Liberoposten ab. Die Bilanz: 2:8 Punkte
und aktuelle Abstiegsgefahr. Praktisch
mit einer völlig neuen Mannschaft
spielte Hertha. 12 (!) neue Spieler waren
verpflichtet worden. Dann kam „Luggi”
im Blitztransfer für wenig Geld und
mit viel Ehrgeiz. Mit ihm erhielt die
Abwehr die notwendige Stabilität.
Holger Brück aber rückte ins
Mittelfeld.
In seiner letzten Saison
(1971/72) bei Hessen Kassel hatte Holger
Brück als Libero neun Tore geschossen.
„In der Regionalliga Süd war
das auch etwas einfacher als in der Bundesliga”,
sagt er. „Ich konnte viel häufiger
stürmen, weil unser Vorstopper Resenberg
konsequent in der Abwehr blieb.
Bei Hertha ist es jetzt so, daß
sich Kliemann und ich abwechselnd in den
Angriff einschalten. Im übrigen haben
wir ja Stürmer, die sehr erfolgreich
sind”, verweist er auf die „Torefabrik”
Beer / Kostedde.
Brück ist vielseitig
verwendbar. Im Mittelfeld, als Vorstopper,
Libero und wenn es sein muß auch
als Verteidiger. „Aber am liebsten
spiele ich schon Libero. Zu Saisonbeginn
habe ich allerdings nicht geglaubt, bei
Hertha die Nummer eins auf diesem Posten
zu werden. Mein Tip war Uwe Kliemann.”
Der Ex-Kasseler hat
im Frühjahr einen neuen Dreijahresvertrag
bei Hertha unterschrieben und wird zumindest
noch bis 1978 an der Spree bleiben. Kein
Grund also, irgendwelche anderen Zukunftspläne
zu schmieden. „Mit meiner Form bin
ich zufrieden, man braucht eben einige
Spiele, um den richtigen Schwung zu finden”,
betont er. Auch die Stärke seiner
Nebenspieler habe ihm den „Weg zurück”
in die Libero-Rolle erleichtert.
Nach Franz Beckenbauer
hält er übrigens den Schalker
Fichtel und den Braunschweiger Häbermann
für die stärksten Bundesligaspieler
auf diesem Posten.
„Brück
hat gut eingeschlagen”, sagt Trainer
Kessler. „Ich glaube, daß
unsere Abwehr jetzt steht.” Er führt
als Beispiel die zu-null gewonnenen Spiele
gegen Mönchengladbach, Kaiserslautern
und zu Haus gegen Ajax Amsterdam an.
Wobei auch Kessler Brücks
erfolgreiches „Comeback” als
Libero im Gesamtkonzept der Abwehr sieht.
„Sziedat und Weiner sind eines der
besten Verteidigerpaare der Bundesliga.
Sie haben gemeinsam eine Chance in der
B-Nationalmannschaft verdient”,
verteilt er Lob und empfiehlt das „Gespann”
DFB-Trainer Jupp Derwall, der Sziedat
kürzlich gegen Rumänien schon
nominierte. Kessler vergißt auch
nicht die Zuverlässigkeit Horst Wolters
und die Qualitäten Uwe Kliemanns
zu erwähnen.
Es ist klar, daß
Brück (und vorläufig jeder andere
Libero bei Hertha auch) an „Luggi”
Müller gemessen wird. Brück
scheint diese Hypothek gemeistert zu haben.
Die Erfahrung von inzwischen über
100 Bundesligaspielen ist dafür zudem
keine schlechte Grundlage.
Dieter Dose (Kicker,
Saison 1975/76)